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Aristoteles' Kategorien, Kant's Kategorien, Leontiew's Kategorien

Umganssprachlich wird der Ausdruck Kategorie auch für Klasse (im Sinne einer Klassifikation) verwendet (etwa in hors catégorie).
In der Wikipedia steht, dass der Ausdruck Kategorie für "einen grundlegenden Allgemeinbegriff zur Ordnung von Erkenntnisinhalten" () verwendet werde. Man muss dabei allerdings selbst wissen, was ein grundlegender Allgemeinbegriff anderes als eine Kategorie wäre, weil weder "grundlegend" noch "Allgemeinbegriff" in der Wikipedia einen Eintrag hat.
Als Kategorien gelten dann durch andere Begriffe begründbare Begriffsklassen oder Konzepte, die keine Oberbegriffe zulassen. Klassisches Beispiel sind Substanz und Form.

Oft wird der Ausdruck Kategorie im Sinne einer Eigenschaftsdomäne verwedet. S. Schmidt gibt dafür ein Beispiel: "Jung, schön und Mädchen machen Sinn, indem sie die in der Unterscheidung unbeobachtet mitlaufende Differenz zu alt, hässlich und Mann in Bezug auf die Kategorien Alter, Aussehen und Geschlecht ausnutzen" (S.32). Er spricht dabei von der Einheit der Differenz: "Insofern können Kategorien als Einheit der Differenz von semantischen Differenzierungen und Unterscheidungen beschrieben werden" (S.32) Das Beispiel von S. Schmidt ist so gewählt, dass sich die Einheit als Domäne leicht benennen lässt. Es zeigt aber nicht, weshalb oder wann anstelle von Eigenschaftsdomäne von Kategorie gesprochen wird.

Als Eigenschaftsdomänen hat Aristoteles und nach ihm I. Kant die Kategorien eingeführt, was ihrem Beobachten entsprochen hat. Aristoteles ging davon aus, dass die Gegenstände der Welt, die er Natur nannte, Eigenschaften haben, die ontologisch bestimmbar sind. I. Kant hat dann diese Welt in einer "kopernikanischen" Wende als Resultat von "apriorischen Denkformen" bezeichnet, also die Eigenschaften der natürlichen Dinge nicht mehr in den Dingen, sondern im - allerdings anschaulichen - Denken (Formen der sinnlichen Anschauung) begründet. Beide, Aristoteles und I. Kant, beobachten die Beziehung der Menschen zur Welt als Hervorbringung von Reaktionen der Individuen auf Grund unmittelbarer Einwirkungen aus der Umwelt. Beide nehmen wahr, was unabhänig von ihrem Tun der Fall ist, was bei I. Kant zusätzlich durch seine Denkformen gefiltert wird.

Die radikalen Konstruktivisten haben diese Vorstellung als Kamera-Modell kritisiert und durch Aufmerksamkeit", die vom Individuum gesteuert wird, aufgehoben. S. Ceccato hat den Unterschied zwischen einer Kamera und dem Auge hervorgehoben, letzteres nimmt nicht einfach Bilder auf, sondern ist aufmerksam. H. Maturana hat das auf den Punkt gebracht: "Wir sehen mit den Füssen", wir richten unsere Aufmerksamkeit auf uns interessierende Dinge. Allerdings bleibt bei den Konstruktivisten wie bei Aristoteles und I. Kant offen, was uns weshalb interessieren könnte. Die von den Konstruktivisten eingeführte aber nicht bezeichnete Kategorie, bezeichne ich als Konstruktion. Bei der Konstruktion interessiert mich nicht, wie die Welt ist, sondern was ich machen kann.

Die Konstruktivisten - angefangen bei S. Ceccato und J. Piaget, der den Ausdruck geliefert hat, beobachten mentale Operationen, die sie der Psyche zurechnen. Dabei spielen die hergebrachten aristotelischen Kategorien, die den Wahrnehmungsgegenstand bestimmen, keine Rolle mehr, sie werden durch kybernetischen Kategorien ersetzt, die die Wahrnehmungsoperationen bestimmen. Beobachtet wird aber immer noch die Wahrnehmung als solche, nicht die Wahrnehmung als Mittel. E. von Glasersfeld hat beispielsweise die Viabilität als Kategorie eingeführt, er hat sie aber noch auf die mentale Abbildung bezogen.

A. Leontjew bezeichnet die Tätigkeit als wichtigste Kategorie seiner Theorie. Dabei geht es nicht um die Eigenschaftsdomäne zur Differenz tätig/untätig, sondern darum, Eigenschaftsdomänen mittels der Tätigkeit zu begründen. Die Eigenschaftsdomänen sind dann keine Kategorien mehr, sondern Folgen einer Kategorie. []

A. Leontjew bezeichnet als Gundlage der interessierten Aufmerksamkeit die gegenständliche Tätigkeit, die die Wahrnehmung bestimmt. Ich verwende die Augen um mein Herstellen zu koordinieren. K. Holzkamp schreibt, dass durch diese Kategorie ein "Unmittelbarkeits-Postulat" in der Beziehung des Menschen zur Welt aufgehoben werde. Das Hervorbringung von Reaktionen erfolge nicht auf Grund unmittelbarer Einwirkungen aus der Umwelt, sondern als Widerspiegelung gemäss den Notwendigkeiten der Tätigkeiten. Mich interessiert in diesem Sinne nicht die Natur an sich, sondern wie sie meiner Tätigkeit entgegensteht, oder positiv formuliert, welche Tätigkeiten unter welchen naturhaften Bedingungen viabel sind. Hier interessiert aber, dass mit Kategorie etwas völlig anderes bezeichnet wird, als in der herkömmlichen Philosophie.

Als Kategorien bezeichne ich die für eine Theorie in dem Sinne fundamentalen Beobachtungen, als damit der Gegenstandsbereich der Theorie bezeichnet wird.

Anmerkung:
Aristoteles verwendet den Ausdruck in seiner Kategorienlehre ganz anders. Er bezeichnet damit Eigenschaften seines Gegenstandes, der ihm nicht als von ihm gewählter Gegenstand, sondern als Welt schlechthin erscheint. Es beschreibt als Kategorien Eigenschaften der Welt, während ich sage, dass seine Kategorie eine substratielle Welt ist, die allerlei Formen, aber eben nicht beliebige Formen annehmen kann. I. Kant ist etwas dialektischer, er beschreibt mit seinen Kategorien nicht die Welt, sondern wie "man" die Welt sehen muss, weil man in seinen Kategorien wahrnehmen muss.
In beiden Fällen wird Kategorie von einem Fehler her begriffen, der als Kategorienfehler bezeichnet wird. Wenn ich etwa sage "Aristoteles war ein griechischer Planet", habe ich den "logischen Typ" nicht verstanden. Der logische Typ gehört in diesen Notationen zu einer Kategorie, Aristoteles gehört zu Mensch, Planet aber nicht. Alltägliche Kategorienfehler passieren, weil beispielsweise die Lebewesen in Mensch und Tier aufgeteilt werden, die Tiere aber Säugetiere sind, zu denen auch die Menschen gehören. Tiger sind Katzen, es gibt Hauskatzen und Wildkatzen, Tiger gibt es bei beiden, usw.
Umgangssprachlich wird mit Kategorie meistens ein Argumentationsschema (falscher oder falsch verwendeter Begriff) kritisiert.

Theorien unterscheiden sich durch die je verwendeten Kategorien. Jenseits einer Theorie haben Kategorien für mich keinen Sinn, während sie für I. Kant eine Voraussetzung, also nicht einen konstitutiven Teil jeder Theorie darstellen. Theorien beobachten heisst, deren Kategorien explizit und bewusst zu machen.

Beispiele:

  • In der autopoietischen Theorie von H. Maturana gilt: "Alles, was beobachtet wird, wird von einem Beobachter beobachtet."
    H. Maturana begrenzt die Möglichkeiten der Beobachtungen durch das von Menschen Sagbare. Er lässt offen, warum Menschen überhaupt etwas sagen.
  • In der kybernetischen Theorie von N. Wiener gilt: "Alles ist geregelt - wir fragen nicht, was es ist, sondern wie es funktioniert".
  • In der funktionalen Systemtheorie von N. Luhmann gilt: "Es gibt Systeme. Sie produzieren beobachtbare Kommunikationen."
  • In meiner Theorie verwende ich in Anlehnung an A. Leontjew die Kategorie Tätigkeit. A. Leontjew hat in seiner Theorie die Kategorien der Psychologie beobachtet und kritisiert. Er selbst bezeichnet für seine Theorie die Kategorien Tätigkeit, Bewusstsein und Persönlichkeit. Allerdings verwendet er einen anderen Tätigkeitsbegriff als ich.

    Weil Kategorie so vieldeutig verwendet wird, verzichten viele Autoren auf den Ausdruck und sprechen stattdessen beispielsweise nur von Unterscheidungen oder von Differenzen im Sinne von Différance .

    Anmerkungen:

    In der Wissenschaftstheorie werden Kategorien oft auf Wissenschaften (statt auf Theorien) bezogen. Als Kategorien der Physik gelten in dieser Notation dann etwa physikalische Grössen.

    Kategorisch bedeutet bei I. Kant nicht an Bedingungen geknüpfte Aussagen wie etwa A ist B. Ich sage dagegen, dass solche Aussagen keine Kategorien enthalten.

    Literatur:

    M. Foucaults Diskursanalyse beispielsweise führt den Begriff eines historischen Apriori ein, der wie folgt beschrieben wird:
    „Ich will damit ein Apriori bezeichnen, das nicht Gültigkeitsbedingung für Urteile, sondern Realitätsbedingung für Aussagen ist. Es handelt sich […] darum […] die Bedingungen des Auftauchens von Aussagen, das Gesetz ihrer Koexistenz mit anderen, die spezifische Form ihrer Seinsweise und die Prinzipien freizulegen, nach denen sie fortbestehen, sich transformieren und verschwinden. Ein Apriori nicht von Wahrheiten, die niemals gesagt werden oder wirklich der Erfahrung gegeben werden könnten; sondern einer Geschichte, die gegeben ist, denn es ist die der wirklich gesagten Dinge.“ (Archäologie des Wissens, S. 184f).

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