Beobachtung 2. Ordnung        zurück ]      [ Stichworte ]      [ Literatur ]      [ Die Hyper-Bibliothek ]      [ Systemtheorie ]
 

Als Beobachtung 2. Ordnung bezeichne ich eine Inversion der Beobachtung, in welcher das Beobachten beobachtet wird. In der 2. Beobachterordnung wird das Erklärte zur Erklärung.

Die Beobachtung 2. Ordnung ist ein Beobachtung, die ihrerseits beobachtet werden kann. Als Beobachtung beschreibt die Beobachtung 2. Ordnung die Verwendung von Unterscheidungen in der ersten Ordnung.

ausführlicher in: Crashkurs Systemtheorie 2. Ordnung.

Anmerkung:
In der 2. Ordnung geht es darum, die eigene erste Ordnung zu reflektieren. In der Soziologie wird der Ausdruck "Beobachtung 2. Ordnung" oft dafür verwendet, dass ein Beobachter (typischerweise ein Soziologe) einen anderen Beobachter beobachtet. Dabei beobachtet der Soziologe nicht, was der Beobachtete macht, sondern mit welchen Unterscheidungen er beobachtet.

  

Ein Beispiel us der Soziologie:
Beobachtung 1. Ordnung und 2. Ordnung

Die genannten Theorien unterscheiden zwei Beobachtungsebenen: eine Ebene der Beobachtung 1. Ordnung und eine der Beobachtung 2. Ordnung. Nach Bardmann/Lamprecht (1999: Beobachtung) zeichnet sich die Beobachtung 1. Ordnung durch die Beantwortung der Fragen „Was beobachte ich?“ oder „Was ist der Fall?“ aus. Die Antwort entspricht der Bezeichnung der einen Seite der Unterscheidung, wobei die nicht bezeichnete Seite als blinder Fleck des Beobachters erscheint. Mit dem Begriff des „blinden Flecks“ bezeichnet Heinz von Foerster (vgl. dazu Bardmann, 1999: 17) den Umstand, dass beim Beobachten die Unterscheidung nicht im Auge hat, die seiner Beobachtung zugrunde liegt. Er kann also nur sehen, was er sieht, und nicht, was er dabei nicht sieht.

Dieser „blinde Fleck“ kann nur durch eine weitere Beobachtung, eine Beobachtung 2. Ordnung erhellt werden. Es handelt sich dabei um eine Beobachtung, welche die Unterscheidung beobachtet, welche durch den Beobachter 1. Ordnung verwendet wurde „... und zwar mit Hilfe anderer Unterscheidungen (zum Beispiel der von wahr und unwahr)“ (Luhmann, 1994: 515). Die Beobachtung 2. Ordnung sieht also nicht mehr nur die eine Seite der vorher gewählten Unterscheidung, sondern beide, also auch das, was der Beobachter 1. Ordnung nicht gesehen hat. Die Vorzugsfragen lauten jetzt: „Wie, d.h. mit welchen Unterscheidungen, beobachtet der Beobachter?“ oder „Warum so und nicht anders?“ (Bardmann, Lamprecht, 1999: Beobachtung).

Kritik
In dieser Formulierung scheint der Soziologe (oder der Beobachter 2. Ordnung mehr zu sehen, als der Beobachtete. Er sieht aber natürlich nur was er sieht, also glechviel wie der Beobachtete (falls er nicht eine Art göttliches Auge hat). In der 2. Ordnung wird nicht mehr, sondern etwas ganz anderes gesehen.


Textstellen

"Das Beobachten erster Ordnung ist das Bezeichnen - im unerläßtlichen Unterschied von allem[!], was nicht bezeichnet wird" (GdG, 1997, S. 102)

"Wir sagen also: ein Beobachten zweiter Ordnung liegt immer dann vor, wenn auf Unterscheidungsgebrauch geachtet wird; oder pointierter: wenn das eigene Unterscheiden und Bezeichnen auf ein weiteres Unterscheiden und Bezeichnen bezogen wird. [...] [...]" (GdG, 1997, S. 101. 102)

"Aber Beobachtung zweiter Ordnung ist ja nicht nur Beobachtung erster Ordnung. Sie ist weniger und sie ist mehr. Sie ist weniger, weil sie nur Beobachter beobachtet und nichts anderes. Sie ist mehr, weil sie nicht nur diesen ihren Gegenstand sieht (= unterscheidet), sondern auch noch sieht, was er sieht und wie er sieht, was er sieht; und eventuell sogar sieht, was er nicht sieht und sieht, daß er nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht. Auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung kann man also alles sehen: das, was der beobachtete Beobachter sieht, und das, was der beobachtete Beobachter nicht sieht. Die Beobachtung zweiter Ordnung vermittelt einen universalen Weltzugang." (Soz. Aufklärung 5:16)

"Auf der Ebene der Operationen (Handlungen, Kommunikationen, Gefühle, Glaubensvorstellungen) haben wir es mit Beobachtern erster Ordnung zu tun, die mehr oder minder für selbstverständlich halten, was sie tun; auf der Ebene der Form haben wir es mit Beobachtern zweiter Ordnung zu tun (Intellektuelle, Kritiker, Psychoanalytiker, heute zunehmend: Künstler), die sich darüber wundern, was die anderen für selbstverständlich halten und sie über die Kontingenz „aufzuklären“ versuchen, die die Beobachter erster Ordnung in den Augen der Beobachter zweiter Ordnung umgibt." (D. Baecker: Form der Kultur:7)


 
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