Gefühl (feeling)        zurück ]      [ Stichworte ]      [ Die Hyper-Bibliothek ]      [ Systemtheorie ]         [ Meine Bücher ]
 
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Anmerkungen:
Es gibt Redeweisen wie ein "ungutes Gefühl" oder "nur ein Gefühl" zu haben. Gefühl wird oft synonym zu Ahnung, Meinung, Emotion, Einschätzung usw. verwendet. Zur Zeit habe ich noch eine unsortierte Anhäufung von Ideen zum Ausdruck Gefühl, respektive zu dessen Verwendungen. Hier befasse ich mich nur mit einer spezifischen Differenz, die in der englischsprachigen Unterscheidung zwischen feeling und emotion Ausdruck findet. Die eine Seite dieser Unterscheidung ist in der deutschen Sprache durch die neudeutschen Ausdrücke Emotion und Motivation sichtbar geworden, die andere, mit feeling bezeichnete Seite der Unterscheidung wird aber gemeinhin mit Gefühl bezeichnet, wodurch die Unterscheidung aufgehoben wird.
Hier verwende ich den Ausdruck Gefühl im Sinne des englischen feeling's.

Gefühl begreife ich als eine Hypostasierung von fühlen. Ich fühle etwas und sage, dass ich ein Gefühl von etwas habe. Das Gefühl ist in mir, aber ich fühle etwas ausserhalb von mir. Das entspricht der visuellen Wahrnehmung, die in meinem Körper zwischen Retina und Hirn stattfindet, während ich etwas in meiner Umgebung sehe.


 

Als Gefühl bezeichne ich einen Deutungszusammenhang, in welchem ich Empfindungen als Resultat von Tätigkeiten deute. Mit Gefühl bezeichne ich aber nicht die Empfindung, sondern mein Vorwegnahme möglicher Empfindungen.

Beispiel (eine Redeweise, die ich verwende):
Ich habe ein gutes Gefühl für das Verhalten meines Motorrades im Grenzbereich. Ich paraphrasiere: Ich spüre sehr gut, ob ich mich mit meinem Motorrad am Limit bewege und ich kann sehr gut abschätzen, wo das Limit ist und wie mein Motorrad sich verhält, wenn ich noch näher ans Limit komme oder es überschreite. Für all das habe ich ein gutes Gefühl, und etwas verkürzt und verallgemeinert: Ich habe ein gutes Gefühl für (!) mein Motorrad.

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Ein Beispiel im Beispiel:
Ein Motorrad wird optimal gebremst, wenn das Vorderrad permanent an der Rollhaftgrenze zwischen Pneu und Strassenbelag ist, bis es stillsteht.
Ein ABS (Antiblockiersystem) regelt den Bremsdruck so, dass das Rad beim Bremsen nicht blockiert. Der kybernetische Mechanismus hat und braucht dafür kein Gefühl. Die Ist-Soll-Differenz der Raddrehzahl steuert mechanisch die Bremskraft als Regelungsmassnahme.

Wenn ich ein Motorrad ohne ABS optimal bremse(n will), brauche ich Gefühl. Anhand des ABS kann ich verdeutlichen, was ich in diesem Fall mit Gefühl tue. Ich bremse so, dass das Rad immer kurz davor ist zu blockieren. Ich spüre dabei die Radauflage und den Strassenbelag. Das Motorrad habe ich dabei so einverleibt, dass ich nicht das Motorrad, sondern die Strasse spüre. Ich orientiere mich an meinem Gefühl für dies Situation, dass ich zuvor durch üben entwickelt habe. Ich fühle die kommende Empfindung vorab und verhalte mich so, dass sie entsprechend eintreten wird, dass also das Rad nicht blockiert.


Erweiterung des Beispiels:
Das ABS hilft mir nicht beim Abschätzen des notwendigen Bremsweges, wenn ich beispielsweise mit 100 km/h fahre. Dazu brauche ich ein Fahrerassistenzsystem wie es in autonomfahrenden Fahrzeugen verwendet wird und viel komplizierter als ein ABS ist. Es verrechnet viele verschiedene Sensordaten (noch viel mehr als auch ein modernes Schräglagen-ABS schon tut).
Als Motorradfahrer ohne Fahrerassistenzsystem leiste ich solche Abschätzungen mit Gefühl. Auf dieser Stufe des Gefühls kann ich nicht mehr sagen, was ich alles erspüre und berücksichtige. Ich müsste dazu das Fahrerassistenzsystem erläutern können. Weil ich das nicht kann, spreche ich von tacit knowledge, von einem impliziten Wissen darüber, was ich und das Assistenzsystem tun. Ich spreche bei so diffusem Gefühl von einer Art Intuition oder einem Instinkt.

Die Intuition entspricht einer Inversion des Gefühls. Im Beispiel geht es nicht mehr darum, dass mein Gefühl einen Fahrerassistenten ersetzt, sondern dass immer noch mehr Erwägungen hinzukommen, die mit dem Motorrad immer weniger zu tun haben. Als Motorradfahrer ahne ich, habe ich ein Gefühl dafür, dass auf der Strasse eine Oelspur sein könnte, dass ein Kind auf die Strasse springen könnte oder dass andere Verkehrsteilnehmer bei Vollmond auf der falschen Fahrbahn fahren.

Wenn ich einem Lebewesen kein Gefühl zusprechen will, spreche ich von angeborenem Instinkt. Als Gefühl bezeichne ich in diesem Sinn einen Instinkt, der kein Instinkt ist, weil sich Gefühl durch praktizieren entwickeln lässt.

Noch eine Anmerkung zu einem uneigentlichen Wortgebrauch. Die Redeweise, ein "ungutes Gefühl" zu haben, bezeichnet oft eine Emotion, meistens Angst. Ich kann auf dem Motorrad Angst haben, weil es mir gefährlich vorkommt. In diesem Zustand habe ich dann praktisch kein Gefühl für das Motorrad mehr. Emotion vernichtet Gefühl.

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