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Literatur

As We May Think

zitiert in:
Todesco, R.: Hyperkommunikation - Eine Einführung

Zur Person

Vannevar Bush (1890-1974) war in zwei Hinsichten der "Datenmanager" der USA. Einerseits befasste er als Ingenieur mit der Technik des Datenmanagements (siehe unten), und andrerseits ist er als graue Eminez eine sagenumwobene Figur, weil er von 1939–1955 als Präsident Carnegie Institution for Science in verschiedenen Ausschüssen die kriegsrelevanten Daten der USA managte.

V. Bush verkörpert exemplarisch, fast idealtypisch die us-amerikanische Vermengung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in der Form der privatrechtlichen "Stiftung", die öffentliche Aufgaben absorbiert.
V. Bush hat diese Art Stiftung nicht erfunden - das war eher A. Carnegie - aber er hat deren Funktion voll entfaltet. Als Stiftungspräsident hatte er ein quasi neutrale Position zwischen den Interessenverbänden, die er mit Stiftungsgeldern versorgte. Er war Berater oder "quasi-interner Interessenkommunikator des US-Präsitenten, und begründete eine eigentlichen Kriegswissenschaft in Form von Kommissionen, wie dem Office of Research, das unter anderm das Manhattenprojekt koordinierte und die Computertechnik vorangetrieben hat, in welcher V. Bush selbst als Ingenieur gearbeitet hatte. Da V. Bush auch die Elektronikfirma Raytheon Company (heute > als 20 Mia $ Umsatz) mitgegründet hatte, war ihm die Finanzierung der Forschung auch von dieser Seite her bestens vertraut.

V. Bush sorgte noch vor dem Kriegseintritt der USA für die Gründung von allerlei Koordinations- und Kontrollinstanzen, die schliesslich im CIA mündeten (die Chronologie)
27. Juni 1940
28. Juni 1941
11. Juli 1941
  8. Dez. 1941
13. Juni 1942
              1945
20. Sep. 1945
18. Sep. 1947
      Dez. 1947
NDRC
OSRD
zunächst zivile Office of the Coordinator of Information (COI)
Kriegserklärung
in das Office of Strategic Services umgewandelt
Office of Strategic Services (OSS)
OSS ersetzt durch SSU (Strategic Services Unit)
National Security Act - CIA
OSRD aufgelöst

Die Koordination oder genauer das englische "Controll" von "Forschungsresultaten" aller Art veranlasste V. Bush sich mit grossen Datenmengen und der Automatisierung von deren Verwaltung zu befassen. Er entwickelte den "Rapid Selector" in welchem die Dokumente auf Mikrofilm gespeichert und maschinenlesbar kodiert wurden. Die Maschine wurde 1942 patentiert und unter anderem in Bibliotheken eingesetzt, war aber eine Sackgasse, die V. Bush auf neue Ideen brachte:

Hypertext als Datenmanagement

V. Bush, der bei seiner Koordination der amerikanische Verteidigungsforschung x-tausend Dokumente organisieren musste, erkannte, dass sein Schlagwortverzeichnisse, die ich als a href="../lexikon/metatext.htm">Metatext bezeichne, nicht helfen die Zusammenhänge sichtbar zu machen. Er erkannte, dass Links als innere Textorganisation dazu jeder äusseren Form wie Register überlegen sind. (Was er damals nicht erkennen konnte, war die Automatisierung von Metatext-Verwaltung, die viel später von Google gemacht wurde)

V. Bush stellt diese Erkenntnis in seinem 1945 publizierten Essay As We May Think einerseits pragmatisch in Form der Maschine Memex dar, einer Maschine, die er nur beschrieben, aber nie gebaut hat, weil er nicht mehr als Ingenieur arbeitete. Mit dem Titel seines Textes suggeriert er andrerseits eine Konnotation auf die Kognition, indem er die assoziative Verlinkung - in einem KI-Wahn - mit einem vermeintlich menschlichem Denken verbunden hat.

Kritik:
Links - wie V. Bush sie verwendet hat, sind auf dem Papier oder dem Mikrofilm, nicht im menschlichen Denken. Dass wir mit Links gut umgehen können, mag etwas über menschliches Denken sagen, aber keinesfalls etwas darüber, was das Denken ist und wie es funktioniert.

V. Bush hat weder den Link noch das "Verlinken" erfunden, aber er hat das zuvor intuitive Verlinken als bewusste Textorganisation auf den Punkt gebracht. Davor haben ganz viele Texte Verweise auf andere Texte, also auf Fussnoten oder andere Aufsätze und Bücher enthalten. Vor allem in Lexika war es schon lange üblich Schlagworte als Verweise zu lesen. V. Bush hat das in seiner Memex bewusst konstruiert, also als mechanische Verknüpfung angedacht.

Das, was ich als eigentlichen Hypertext kenne, hat noch ein paar Voraussetzungen, die V. Bush noch nicht so vorausgesehen hat. Der wohl wichtigste Aspekt ist das Maus-GUI, das D. Engelbart zwanzig Jahre später (ab 1962) in einer ebenfalls revolutionären Arbeit unter dem Begriff Augmentation of Man's Intellect vorgestellt hat. D. Engelbart machte eine Referenz auf V. Bush, aber sein Titel spricht eine ganz andere, bewusst technische Sprache, in welcher die Technik nicht vermenschlicht wird, sondern als Mittel des Menschen erscheint..

Der eigentliche Durchbruch war - nochmals 10 Jahre später - der Xerox Alto, der 1973 von Xerox PARC vorgestellt wurde, der erste Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche (GUI) und einer Maus, wie er schliesslich 1984 - als nochmals 10 Jahre später - als Macintosh von Apple auf den Markt kam.

T. Nelson hat die Idee des eigentlichen Links in seinem Projekt Xanadu entfaltet und 1974 in "Dream Machines" vorgestellt, wobei er auch den Ausdruck "Hypertext" eingeführt hat. Aber auch das blieb graue Theorie bis Apple die Dreammachine 1987 als Hypercard auf den Markt gebracht und damit ein grundlegendes Konzept des WWWs realisiert hatte. Dann ging die Entwicklung plötzlich sehr rasch. 1989 schlug T. Berners-Lee ein Protokoll für ein weltweites Netzwerk vor, das quasi über Nacht zum WWW wurde.

Bei V. Bush geht es aber gerade darum, wie man Text organisieren kann, wenn man keine Computer und vor allem keine Suchmaschinen und schon gar kein automatisiertes Datamining kennt. Er hatte also noch keine Ahnung davon, was Google ein paar Jahr mit dem WWW machen würde, und wie seine Agenturen a la NSA dann das WWW "kontrollieren" würden - obwohl er genau das herbeigewünscht hat.

Eine kleine dazu passende Verschwörungstheorie:
V. Bush erkannte sehr früh, wie wichtig die Technologie der Datenverarbeitung werden würde und hat deshalb in seiner Funktion als Verwalter des militärisch-kommerziellen Komplexes die Xerox überreden können, die Entwicklung in den PARC auszulagern und mit staatlichen Geldern zu finanzieren, so dass der Staat umgekehrt auch immer wusste, was da kommen würde. Der Xerox PARC und die Tatsache, dass Xerox von den Erfindungen des PARC so wenig profitiert hat, rufen förmlich nach einer Verschwörung. Am lautesten ist dieser Ruf natürlich durch die Affären geworden, die mit Xerox's Praktiken nach 2000 endgültig Schluss gemacht und den Firmenwert von Xerox auf einen Bruchteil reduziert haben.


 
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