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"Sprechakt" heisst ein pragmatisches Konzept (==> Sprechakttheorie), das John R. Searle (1969, "Sprechakte (Speech acts)") auf John L. Austin (1962, "How to do things with Words") aufbauend entwickelt hat. Sprechakte im Sine von J. Searle sind Aeusserungen von Propositionen unter illokutionären Gesichtspunkten. Der Suhrkamp-Verlag fasst (auf dem Buchrücken von Searle's Sprechakte) wie folgt zusammen:
"Eine Sprache sprechen bedeutet, Sprechakte in Uebereinstimmung mit Systemen konstitutiver Regeln zu vollziehen". "Die Grundeinheit der sprachlichen Kommunikation ist nicht, wie allgemein angenommen wird, das Symbol, das Wort, oder der Sazt, sondern die Hervorbringung des Symbols oder Satzes im Vollzug eines Sprechaktes" (Seite 30).
J. Searle unterscheidet also einen illokutionären Akt, der eine eigentliche (intentionale) Sprech-Handlung darstellt, von einer Proposition, die ein Objekt referenziert.

Beispiel:
Die Proposition "Sam raucht gewohnheitsmässig" referenziert das prädikativ "als rauchend" bestimmte Objekt "Sam".
In einer Sprechhandlung (Illokution) kann ich zu dieser Proposition eine Beschreibung oder eine Frage oder einen Befehl usw machen:
Sam raucht gewohnheitsmässig
Raucht Sam gewohnheitsmässig?
Sam rauche (gewohnheitsmässig)!
usw

J. Searle unterscheidet fünf Illokutionen, wobei sich die Welt und die Worte so zueinander verhalten, dass sich die Worte nach der Welt (wie bei einer Beschreibung) oder die Welt nach den Worten richten soll (wie z. B. bei einem Befehl oder einem Versprechen):

Repräsentativa
auch Assertiva
Direktiva Kommissiva Expressiva Deklarativa
Zweck sagen, wie es sich verhält ander zu einer Handlung bewegen sich selbst auf eine Handlung festlegen Ausdruck der eigenen Gefühlslage mit dem Sagen die Welt entsprechend
dem Gesagten verändern
Ausrichtung Wort auf Welt Welt auf Wort Welt auf Wort keine beide
psych. Zustand Glaube Wunsch Absicht Zustand Verantwortung jemandens zu einer Tat
Beispiele behaupten, mitteilen, berichten bitten, befehlen, raten versprechen, vereinbaren, anbieten, drohen danken, grüßen, beglückwünschen, klagen ernennen, entlassen, taufen

Kritische Anmerkungen:

J. Searle impliziert eine eigentliche Sprache: Sprechakte in Uebereinstimmung mit Systemen zu vollziehen, heisst ganz genau, sich wie eine Grammatik zu verhalten, also Regeln zu folgen.

Mit diesem relativ operativen Ansatz kann J. Searle etliche Komplikationen der bis dahin konventionellen Sprachphilosophie (Frege, Wittgenstein, Russel) ausräumen. J. Searle zieht aber seinen Ansatz nicht durch, sondern blendet aus, wer spricht, wo er ethische Fragen behandelt. Searle befasst sich mit objektiven Handlungen. Er sagt nicht, wer die Handlungen wahrnimmt. Das letzte Kapitel seines Sprechakt-Buches heisst "Die Ableitung des Sollens aus dem Sein". Man kann es "motiv-verräterisch" lesen. Dann geht es J. Searle nicht so sehr um Sprache, wie die sprachwissenschaftliche Rezeption seines Werkes anheischig macht, sondern vielmehr um grundsätzliche, fundamentalistische Fragen, für die er mit seinem Sprech-Konzept eine ihm passende Argumentation gefunden hat.

Wo ich den Beobachter wahrnehme (vergl. R. Todesco: Wer spricht ?), zerfällt J. Searles Ethik zur kruden Moral.

Systemtheoretische Kritik:

J. Searle setzt ein "Sprechen" voraus. Seine Kritiker weisen darauf hin, dass bei ihm beispielsweise das fiktionale Sprechen von Schauspielern nicht mitgemeint ist. Ein Schauspieler, der Romeo spielt, sagt zu einer Schauspielerin, die Julia spielt, er liebe sie. Der Zweck dieses Sprechens ist das Rezitieren eines Textes, was bei J. Searle - sinnvollerweise - keine Sprechhandlung darstellt. So wird aber auch klar, dass J. Searle gerade nicht sagt, was er als Sprechen beobachtet, oder umgekehrt, dass er nur die Realisierung seiner Schemata als Sprechen impliziert. Er erkennt den Handlungszusammenhang nicht, weil er davon ausgeht, dass es Sprache oder Sprechen jenseits einer Interpretation gibt.

Man kann diese Kritik (etwa mit S. Krämer) etwas allgemeiner formulieren. J. Searle fällt hinter den Ansatz der "Performativen Aeusserung" von J. Austin zurück, gerade indem er J. Austin darin folgt. J. Austin hat seinen Ansatz nicht durchhalten können.


 
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