Gedächtnis        zurück ]      [ Stichworte ]      [ Literatur ]      [ Die Hyper-Bibliothek ]      [ Systemtheorie ]

Als Gedächtnis bezeichne ich die mentale Reproduktion früherer Zustände. Systeme haben kein Gedächtnis (Automaten haben einen Speicher, wobei auch diese Redeweise metaphorisch ist), sie können sich nicht erinnern, aber ein deutender Beobachter kann das Verhalten einer Blackbox als Gedächtnisleistung interpretieren.

R. Ashby problematisiert den Begriff des Gedächtnis als Beobachterkonstruktion, die sinnvoll ist, wenn der Beobachter nicht alle Variablen eines Systems beobachten kann. Der Zustand einer Variablen X wird durch den Zustand von 2 anderen Variablen (A / B) bestimmt, die ihrerseits in einer Abhängigkeit stehen. Wenn man beide Variablen A und B sehen kann, kann man ohne Rückgriff auf früher sagen, was die Variable X macht. Wen man aber nur A sieht, muss man X via Gedächtnis rekonstruieren. In seinem Beispiel, muss man wissen, ob B zuvor in einen bestimmten Zustand versetzt wurde. Das heisst, man muss etwas über das Vorher wissen, was als Gedächtnis bezeichnet wird, weil man im Augenblick nicht genug weiss. (R. Ashby 1974, S.172f)

Der Hund, dessen Verhalten ich zuererst nicht erklären kann, dann höre ich er hatte einen Unfall, dann denke ich er hat ein Gedächtnis und dann kann ich mir sein Verhalten erkären. Das Gedächtnis dient dem Beobachter.

H. von Foerster, der R. Asby angestellt hatte, hat eine Arbeit über das Gedächtnis geschrieben.

R. Keil über das externe Gedächtnis


Literatur:

.. Gedächtnis als Fähigkeit, Vergessen und Erinnern zu diskriminieren .. Luhmann, GdG, S. 122

"Das letzte Rätsel des Denkens oder des Sprechens ist das Gedächtnis. Wir lösen das Rätsel nicht, aber wir stellen die Rätselfrage doch bestimmter, als es bisher geschehen ist, wenn wir uns darauf besinnen, dass das Gedächtnis der verbalen Welt angehört. Wie die 'Seele'. Der substantivischen Welt gehört das Gedächtnis ganz gewiss nicht an; es gibt keinen Stoff, aber auch keine Kraft, es gibt KEIN BLEIBENDES, das etwa das AMT hätte, sich zu erinnern. Das Gedächtnis ist kein nomen agentis. Auch der adjektivischen Welt gehört das Gedächtnis nicht an, man wollte es denn eine Eigenschaft der psychischen Geschehnisse nennen, dass sie dauern, d. h. dass sie sich erhalten. Wie sich jeder Stoff und jede Kraft erhält. Wir sagen nur tautologisch von diesen dauernden Eindrücken, Wahrnehmungen, Wortfransen, dass sie sich erneuern; aber wir sind es nicht, die uns ihrer erinnern: SIE selbst (die Eindrücke usw.) erinnern UNS. Das Gedächtnis, das physiologische wie das psychologische - die Sonder! ung ist nicht natürlich, ist nur hoministisch -, ist eine Tätigkeit, ist ein Tun, ist eine Bewegung, ist immer auch mit Bewegungen verbunden, im Falle sogar des lautlosen Sprechens, des Denkens, mit nachweisbaren Bewegungen der Sprachorgane." (F. Mauthner, Die drei Bilder der Welt, in: Wittgenstein Studies 1/97)

Heinz von Foerster: "Was ist Gedächtnis, dass es Rückschau und Vorschau ermöglicht?" in "Gedächtnis" (stw), hrsg. V. S.J. Schmidt (1991), (aber auch in H.v. Foerster 1993 "Wissen und Gewissen")
Heinz von Foerster: "Gedächtnis ohne Aufzeichnung" in: Ders.(1985) "Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie"
Peter Fuchs "Die Psyche", "Das System SELBST"

Raoul Schrott/Arthur Jacobs (2011): Gehirn und Gedicht []
 
[wp]