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Abstraktion und Verallgemeinerung (oft auch als Generalisierung) gehören umgangssprachlich diffus als Quasisysnonyme zueinander. Hier geht es demnach um die Differenz(en).

Als Abstraktion bezeichne ich das Verhältnis zwischen zwei Beobachtungen, die ich auf dasselbe Referenzobjekt beziehe, wobei die abstraktere Beobachtung weniger Aspekte des Objektes bezeichnet.

Beispiel:
Puddel - Hund

Die Abstraktion ersetzt einen Begriff durch dessen Oberbegriff (siehe dazu auch Formalisierung). Im jeweiligen Oberbegriff sind Bedeutungs-Aspekte und Form-Bestimmungen der Begriffes "weggelassen".

Erläuterung:
Wenn mir jemand erzählt, dass er einen Hund gesehen hat, dann könnte er mir auch sagen, das er einen Puddel oder ein Tier gesehen hat. Diese Unterscheidung bezieht sich nicht darauf, was er gesehen hat, sondern auf die Beschreibung von dem, was er gesehen hat. Die Wahrnehmung ist dafür unerheblich, ich höre ja nur, was gesagt, also beobachtet wird.
Ich unterscheide "Hund" und "Tier" als verschiedene Beobachtungen. Wenn ich selbst etwas wahrnehme, was ich als Hund oder als Tier bezeichnen kann, muss ich mich für eine der Beobachtungen entscheiden.
Wann also sage ich - im gegebenen Fall - Hund und wann sage ich Tier?
Das ist nicht vom Wahrnehmungsgegenstand abhängig, sondern davon, worüber ich sprechen will.

Die Verallgemeinerung betrifft das Referenzobjekt. Ich erkenne in jedem Hund den Hund - unabhängig davon, wie ich ihn bezeichne. Wenn ich eine Puddel sehe oder von einem Puddel spreche, meine ich eine besondere Erscheinung eines allgemeineren Falles.
Das je konkrete Tier (hier der Hund) ist keine Abweichung vom "Durchschnittstier", sondern eine Erscheinungsform aufgrund welcher ich - unter Verwendung von beigebrachten Kategorien - mir das je spezifische und das Allgemeine (hier Tier) bewusst machen kann. Dabei werde ich nicht bei jedem konkreten Tier eine je beliebige Verallgemeinerung leisten.
Im Kontext der Subjektwissenschaft erkenne ich (je) mich als einmalige Ausprägung einer Anzahl mir gegebener Möglichkeiten, in welchen ich das meinen Mitmenschen (allen)Gemeinsame erkennen kann.

K. Holzkamp (S. 549) schreibt über einen spezifischen Fall der subjektwissenschaftlichen Empirie:
Verallgemeinern bedeutet hier also nicht Webabstrahieren, sondern Begreifen von Unterschieden als verschiedene Erscheinungsformen des gleichen Verhältnisses. Dabei fällt das Individuum nicht als blosses Verteilungselement bzw. "Ausnahme" der Verallgemeinerung zum Opfer: Vielmehr liegt das skizzierte Verallgemeinerungskonzept >in der Hand< der Betroffenen. "Je ich" kann mich damit in Durchdringung meiner scheinhaft isolierten Befindlichkeit mit realen gesellschaftliehen Handlungsmöglichkeiten und darüber mit empirisch vorfindliehen anderen Menschen (hinsichtlich unserer personalen Handlungsmöglichkeiten/- notwendigkeiten) ins Verhliltnis setzen, so meine Isolation in der Perspektive gemeinsamer Verfügungserweiterung >praktisch< überwinden. Die Verallgemeinerung bezieht sich hier also nicht (vom >Standpunkt außerhalb<) auf >die anderen< als Häufigkeitsverteilung, sondern auf >je mich< in meiner unreduzierten Individualitlit und Subjekthaftigkeit."

 

Weitere Literatur:
A. Rapoprt: Die Abstraktionsleiter
Er suggeriert, dass ich Abstraktionen einer Wirklichkeit wahrnehme. Er meint, dass ein Puddel eine Menge von schwingenden Atome sei, die zu jedem Zeitpunk - wirklich - etwas anderes sei, was er als dynamischen Prozess bezeichnet. Ich kenne keine Wirklichkeit und kann deshalb keine Abstraktion erkennen, weil ich dafür immer das Konkrete und das Abstrkte kennen müsste.

Ciompi (1988, 198) versteht den Vorgang der Abstraktion (...) in erster Linie als 'Auszug von Invarianz aus Varianz', " (...) das heisst als Erkennen von Gemeinsamkeiten oder Regelmässigkeiten in einem vorher undifferenziert erscheinenden Durcheinander."
Ich glaube, dass L. Ciompi eher Mittelwerte als Gemeinsamkeit meint, vielleicht habe ich ihn aber einfach nicht verstanden.

Anmerkungen:

alte Variante

Wenn ich sage: ein Velo ist ein Fahrzeug ... oder ein Ding oder wenn ich sage ein Velo ist etwa 400 Fr oder 20 kg, dann wechsle ich von Begriff zu Oberbegriff und im andern Fall von Begriff zur Hypostasierung einer Eigenschaft.
Wenn ich ein Gewicht von 20 kg brauche, kann ich ein Velo oder einen Hund nehmen. Die beiden sind sich in bezug auf einen Eigenschaftswert gleich. Wenn ich ein Fahrzeug brauche, kann ich ein Velo oder ein Motorrad nehmen, die beiden sind sich in bezug auf eine Funktion gleich
Tauschwert und Gebrauchswert.
Formal: unvollständige Isomorphie


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[NZZ]
[ (körper-)sprachliche Abstraktionsgrad]
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