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Ciompi, L.: Aussenwelt _ Innenwelt. Die Entstehnung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen. Vandenheock & Ruprecht, Göttingen, 1988. ETH_BIB 950 898

Anmerkungen von ...

Zusammenfassung
C versteht unter Struktur das Produkt aus Varianz und Invarianz (199). In der Tat lässt sich leicht nachweisen, dass jede 'Struktur' aus charakteristischen, sich wiederholenden Formelementen (...) besteht, die in bestimmter Weise abgewandelt werden. Mit anderen Worten, ein gemeinsames Element (= eine Invarianz) verbindet sich gesetzmässig mit etwas immer wieder Neuem (= einer Varianz) (ebd. 142). In dieser Hinsicht unterscheidet sich nach C die Struktur nicht vom System. Alle Elemente einer typischen 'Struktur', beziehungsweise eines 'Systems', stehen somit unter der Herrschaft einer übergeordneten Gesetzmässigkeit (der Autoregulation), der sie ihre 'Ganzheit' (Totalität) oder 'Einheitlichkeit' _ und damit die erwähnte Invarianz _ verdanken. Und eine 'Differenzierung' (Transformation) besteht theoretisch ganz einfach in der Einführung von immer mehr 'Varianz' in einen gegebene 'Invarianz' (...) (142). C versteht den Vorgang der Abstraktion (...) in erster Linie als 'Auszug von Invarianz aus Varianz', (...) das heisst als Erkennen von Gemeinsamkeiten oder Regelmässigkeiten in einem vorher undifferenziert erscheinenden Durcheinander. (198). Abstraktion und Differenzierung erweisen sich somit als genau gegenläufige, spiegelbildlich symetrische Vorgänge (...). In ein übergeordnetes Konstruktionsprinzip, zum Beispiel dasjenige eines Tisches, werden immer neue Unterschiede oder 'Differenzen' (steinerne oder hölzerne (...) Tische) eingeführt. Umgekehrt besteht die 'Abstraktion' aus der enstandenen Vielfalt gerade in der Erkenntnis (beziehungsweise im 'Auszug') der genannten, übergeordneten Invarianz, das heisst im vorliegenden Beispiel des allgemeinen, des immer wieder gleichen Konstruktionsprinzips eines Tisches (= der Kombination einer waagrechten Abstellplatte mit einer senkrechten Stütze) (143).
Das Kleinkind speichert seine inneren und äusseren Erfahrungen in zwei verschiedene Bereiche, einen positiven und einen negativen (171f). (...) mit etwa drei bis fünf Jahren wird (...) das Kind allmählich fähig, sowohl 'gute' wie auch 'schlechte' eigene oder fremde Persönlichkeitsanteile als zu sich selber, beziehungsweise zu einer anderen 'ganzen Person' gehörig zu akzeptieren (173). Aufgrund der Erfahrung entstehen schliesslich affektiv_kognitve_Bezugssysteme. Einmal gebildet, wirken diese wie ein vorgegebenes Raster, das alle künftigen Wahrnehmungen und Abläufe im gleichen Kontext entscheidend beeinflusst. Damit bestätigen und konsolidieren sich auch psychische Systeme gleich andern autopoietischen Gebilden fortwährend rekursiv selber. Die Folge davon ist, dass wir die Gegenwart (fast) nur noch durch die Brillen der Vergangenheit zu sehen vermögen. (...) Erst wenn die Ordnungen und Affekte, welche diese Bezugssysteme charakterisieren, einmal durch Widersprüche massiv infrage gestellt werden und daraufhin labil hin- und herzuschwanken beginnen von einer möglichen 'Auffassungsweise der Wirklichkeit' zu einer anderen, merken wir plötzlich, dass sich unsere gewohnte Welt keineswegs 'von selbst versteht' (177). Nach dem Kontext der Affektlogik gibt es deshalb gar keine objektiven Wahrheiten, sondern bloss kontexgebundene 'operationale Stimmigkeiten' mit obligat kongnitiven und affektiven Komponeten (177). Jeder (...) Wechsel des herrschenden 'Paradigmas' macht deutlich, dass selbst wissenschaftliche 'Wahrheiten' nichts als in einem bestimmten, historischen Kontext erworbene und äquilibrierte, umfassende affektiv_kognitve Bezugssysteme sind, die bloss innerhalb von bestimmten zeitlichen und räumlichen Grenzen Gültigkeit besitzen (178). Zusammenfassend können wir festhalten, dass im Laufe der Kindheit aufgrund der fortlaufenden Mentalisierung von konkreten Aktionen ein komplex hierarchisiertes System von verinnerlichten Schemata oder Programmen entsteht, das wir als 'Psyche' oder 'psychischen Apparat' bezeichnen (178).!Die Krisentheorie fasst den 'psychischen Apparat' als Informations-verarbeitungssystem mit einer gewissen 'Kanalkapazität' auf. Wird nun diese Kapazität durch soziale, affektive oder kognitive Belastungen aller Art überfordert, so kommt es zu einer Krise in Form von psychopatologischen Störungen. Anzeichen einer solchen sind unter anderem, in aufsteigender Reihenfolge: erhöhte Spannungen und Angst, Unsicherheit, Zwiespältigkeit, Erregung, Gereiztheit, Aggressivität oder Depressivität, affektiv_kognitive Verwirrung (...) bis hin zu eigentliche Psychosen. Unter dem Aspekt der Autopoiese müssen selbst diese als traditionell als krankhaft betrachteten Symptome als unter den gegebenen Umständen bestmögliche Bewältigungsmechanismen des 'psychischen Systems' verstanden werden (180).

Die Strukturelle Koppelung zwischen 'Fühlmensch' und 'Denkmensch' (186_198).
Fühlen - phylogenetisch älter - und Denken - phylogenetisch jünger (Stamm- und Zwischenhirn, limbisches System) (Neocortex) _ vorwiegend ganzheitlich, synthetisch _ vorwiegend partikular, analytisch _ relativ langsam (relative Invarianz) _ relativ schnell (relative Varianz) _ vorwiegendsynchron, präsentisch, simultan, _ vorwiegend diachron, sequentiell, digital, analogisch, bild_ und raumnahe _ sprach_ und zeitnahe _ wahrscheinlich vorwiegend rechtshirnig _ wahrscheinlich vorwiegend linkshirnig (188).
Definition: (...) Gefühle, Affekte, Stimmungen etc. insgesamt zu definieren als diejenigen Ereignisse im psychischen Bereich, die mit körperlichen Begleiterscheinungen einhergehen (189). Bemerkenswert ist ferner, dass das immateriell_abstragke Denken im Vergleich zu den körpernahe lansam an- und abschwellenden Gefühlsregungen um vieles beweglicher und schneller ist: Die Gedanken springen mühelos vom einen Thema zum andern in Sekundenschnelle - nicht so dagegen die Gefühle. Letztere haften und überdauern mindestens Minuten (...), selbst wenn unterdessen die unterschiedlichsten kognitiven Inhalte (zum Beispiel im Gespräch) auftauchen. Entsprechend dem zentralen Postulat der Affektlogik, dass Denken und Fühlen zu einem übergeorneten Doppelsystem verbunden sind, imponiert das Denken deshalb gewissermassen als 'Varianz', als 'Feinmodulation' einer tragenden, gefühlsmässigen 'Invarianz' oder Grundstimmung. Aus der Kombination von Invarianz mit Varianz aber entstehen (...) typische 'Strukturen' (...). Denken und Fühlen sind also (...) komplementär. Sie bilden zusammen ein (...) klar strukturiertes (...) Gesamtgebilde, (...) die das Begegnende in einem einfachen Doppelcode fasst: Im 'Gefühlscode' einerseits und im 'Denkcode' andererseits (189). Gefühl isteine Art von Wahrnehmung. (190). Ein ausgewogenes Zusammenwirken (von Fühlen und Denken /ot) (...) kann ähnlich wie das binokulare Sehen im optischenBereich zu jener optimalen 'Tiefenschärfe' in der Wahrnehmung der Realität führen,die offensichtlich als wunderbare neue Möglichkeit in der menschlichen Psyche angelegt ist (191). Deshalb gilt es nach der Entwicklung vom Fühl_ zum Denkmenschen nunmehr, diejenigen zum äquilibrierten Fühl_Denk_ oder Denk_ Fühlmenschen zu erreichen! (191). Der 'Fühlmensch' bildet (...) den tragenden (...) Sockel der Psyche, auf den sich erst sekundär der 'Denkmensch' im Laufe der Entwicklung allmählich aufpfropft. Ersterer kann (...) schematisch charakterisiert werden, als ein vorwiegend ganzheitlich, körper_ und raumhaft präsentisch im Augenblick lebendes Wesen, das druch mehr oder weniger langsam an_ und abschwellende Stimmungen geleitet ist und in erster Linie averbal mit Zeichen und Gesten und Körperhaltungen, beziehungsweise mit Handlungen kommuniziert (phylogenetisch dürfte der 'reine Fühlmensch' der Zeit vom Australopithecus bis weit über den Neandertaler hinaus entsprechen). Das spätere und viel agielere 'Denkwesen' dagegen verfügt, wiederum schematisch es lebet bewusst in der Zeit und vermag sequentielle Kausalzusammenhänge zunehmend digital_rational zu analysieren. Damit ist es viel stärker körperfern_ gedanklich bestimmt und operiert und kommuniziert vor allem mit Worten, beziehungsweise neuerdings mit noch präzieseren Codes (...) (192). Vgl. dazu Externes Gedächtnis ! ! In der gelebeten Wirklichkeit freilich gibt es keinerlei so schematische Trennung, sondern nur ein stetes und intimes Zusammenwirken beider Komponenten, das am ehesten ebenfalls als typische 'strukturelle Koppelung' zu verstehen ist (192). 'Es ist unmöglich, ein Verhalten zu finden, das nur affektiv und ohne irgendwelchen kognitivnen Elemente wäre. Ebenso umöglich ist es, ein nur aus kognitiven Elementen bestehendes Verhalten zu finden.' 'Es gibt keinen Grund, die Intelligenz von der Affektivität zu trennen, noch ist es nötig zu fregen, welcher der beiden Aspekte vorangeht und den anderen konditioniert. Es handelt sich um zwei untrennbare Aspekte der mentalen Entwicklung' (Zitat von Piaget) (194). Ciompi kann sich Piagets hartnäckig immer wieder vertretenen berzeugung nicht anschliessen, wonach die Affekte in Bezug auf diekognitiven Strukturen einzig als 'Energetika' wirken würden, vergleichbar etwa demMotor im Automobil, und im übrigen am Zustandekommen dieser Strukturen inkeiner Weise beteiligt sein sollen. So schreibt er (Piaget / ot) zum Beispiel: 'Verstehen is nicht mehr Ursache der Affektivität als Affektivität die Ursache des Verstehens ist. Weder können Energetika Strukturen generieren noch Strukturen Energie.' 'Wir können weder akzeptieren, dass es eine formative oder modifizierende Wirkung der Intelligenz auf die Affektivität noch eine solche Wirkung der Affektivität auf die Intelligenz gibt'. (196f). Die Rolle der Gefühle beim Vorgang der Abstraktion (198_207). Verweis auf das Beispiel von Piaget mit der aufdämmernden Erkenntnis des 4_ oder 5_Jährigen, dass das Volumen einer bestimmten Menge Wasser, von hohen und dünnen in niedrige und breite Gläser umgeschüttet, trotz äusserlich stark wechselnder Form konstant bleibt. Piaget beschreibt die Arbeit, die das Kind dafür zu leisten hat unter dem Begriff 'reflektierende Abstraktion' die in die ' quilibration kognitiver Strukturen' mündet (201f). 'Spontan tendiert der Geist dazu, sich auf die Affirmationen und positiven Eigenschaften der Objekte zu konzentrieren, während die Negationen vernachlässigt sind oder sekundär mühsam konstruiert werden. Da sie aber für alle Formen von quilibration nötig sind, können diese nur mit viel Schwierigkeiten realisiert werden (...)' (Zitat von Piaget) (203). Beim Auswalzen der Platilinwurst besteht das zugehörige 'Gegenteil' beispielsweise im Umstand, dass reziprok zum 'Mehr' der Verlängerung der Wurst auch ein 'Weniger' in From ihres Dünnerwerdens wahrgenommen und verstanden werden muss, und umgekehrt. Das eine ist immer gerade die Verneinung des andern. Erst wenn dieser Zusammenhang klar erfasst ist, kann sich ein wiederumvoll äquilibriertes Verstehensschema auf höherem Abstrationsniveau ausbilden (203). Denken und Fühlen, Zeit und Raum, linkes und rechts Hirn (207_215). In der Tat deutet vieles darauf hin, dass Sprache und Denken als typisch sequentielle Abläufe eine besonders nahe Beziehung zu Zeit und Zeitlichkeit, beziehungsweise zu 'diachronen Systemen' haben, während das 'Gefühl' mit dem Körper auch dem Raum, das heisst dem 'Gleichzeitigkeitssystem', der Synchronie, näher steht (207). '... die dominante Hemisphäre ist vorwiegend symblisch und propositional in ihre Funktion, mit einer Spezialisierung für die Sprache und syntaktischen, semantischen, mathematischen und logischen Fähigkeiten.' '...die nichtdominante Hemisphäre auf der anderen Seite ist übergeordnet hinsichtlich Bildern und Mustern, auch im musikalischen Sinn; ihre synthetischen Fähigkeiten enstprechen den analytischen der dominanten Hemisphäre.' (Zitat von Popper udn Eccles) (208). Das 'rechte Hirn' steuert vorwiegend die Invarianz, das heisst etwas Umfassendes und Gemeinsames, das 'linke Hirn' dagegen die Varianz, das heisst etwas Spezifisches und Partikulares bei. Da beliebige Strukturen (...) druch die Kombination einer Invarianz mit einer Varianz zureichend definiert werden können, genügt die Registrierung beider, zur operationalen Erfassung der Wirklichkeit (208). Maturana und Piaget behaupten, dass es im Nervensystem keine bildhaften Vorstellungen gebe, sondern dass sie bloss der Beschreibung eines Beobachters in einem 'konsensuellen Bereich' angehören (212).! Die Bildung der Zeit_ und Raumbegriffe (215_231). 'Das Bild [des Raumes] ist nie etwas anderes als die verinnerlichtesymbolische Imitioatin früher ausgeführter Handlungen.' (Zitat von Piaget)(216). Ich sehe (...) eine Bestätigung der These, dass ganz allgemein dieIntegration der dynamischen und unsichtbaren Zeitdimension, dass heisst der 'Diachronie' eine wesentlich schwierigere geistige Leistung darstellt, als die Erfassung des sozusagen 'greifbaren' und 'stillstehenden', synchronen Raumes (218). ber die Untersuchungen von Piaget: Ob etwa verschiedene Bewegungen (...)mehr 'Zeit' beanspruchen, lässt sich nach Ansicht des Kindes rein aus der durchlaufenen Strecke ablesen: So wird es unter Umständen behaupten, das schnellste und deshalb in einer bestimmten Zeit am weitesten gelangte Automobil habe 'am längsten' gehabt (...). (224). Die Zeit (...) ist offensichtlich nicht etwas direkt Anschauliches, wie dies bis zu einem gewissen Grad für den Raum der Fall ist, sondern sie 'ist' beziehungsweise 'resultiert' aus einem Verhältnis, und zwar, nach der physikalischen Formel, aus dem Verhältnis zwischen Weg und Geschwindigkeit (...). Um jedoch dieses Verhältnis zu erkennen, muss das Kind zumindest zwei Bewegungen beziehungsweise Geschehensreihen mit verschiedener Geschwindigkeit miteinander vergleichen und innerlich 'verrechnen' oder 'koordinieren'. Offenbar bildet es mental ein Art von Doppelreihen aus lauter gleichzeitigen Zeitpunkten, aber mit verschiedenen Wegstrecken (...). Erst wenn es (...) fühig wird, solche Doppel_ oder vielmehr Mehrfachreihen simultan zu berücksichtigen, ohne sich länger von einer einzigen Ereigniskette gefangennehmen zu lassen, vermag es darin ein unsichtbares Gemeinsames (eine Invarianz, einmal mehr) zu entdecken. Und dieses Gemeinsame ist nichts anderes als eben _ dieZeit! (225). Piagtes Formel, wonach die Zeit als übergeordneter Begriff 'die Koordination von Bewegungen mit verschiedener Geschwindigkeit' sei, wird damit verständlich. Zugleich klärt sich auch das Wesen des Raums, indem sich dieser nun eindeutig von der Zeit sondert und seinerseits zu einem Verhältnis, aber zu solchen iel statischerer Art wird: Der Raum ist Verhältnis zwischensimultanen Positionen von Körpern, wobei Geschwindikeit und Bewegung keineRolle mehr spielen (225). 'Die Zeit verstehen heisst, also durch geistigeBeweglichkeit das Räumliche überwinden. Das bedeutet vor allem Umkehrbarkeit (Reversibilität). Der Zeit nur nach dem unmittelbaren Lauf der Ereignisse folgen,heisst nicht sie verstehen, sondern sie erleben, ohne ihrer bewusst zu werden. Siekennen heisst dagegen, in ihr voraus_ und zurückzuschreiten und dabei ständigüber den wirklichen Verlauf der Geschehnisse hinauszugehen' (Zitat von Piaget) (226). Soziale Aspekt von Raum und Zeit (231_241). Hall (Hall, E. T.: La danse da la vie. Temps culturel, temps vauecu, Paris 1984 / ot) unterscheidet einerseits 'monochrome' und andererseits 'polychrone' Kulturen, wobei Nordländer gewöhnlich ersteren, Südländer dagegen letzteren angehören. (...) In monochronen Kulturen wird die Zeit (...) vorwiegend al ein linear geordnetes, typisch sequentielles Nacheinander erlebt (...). Ganz anders dagegen in ploychronen Kulturen: Hierlaufen viele Eigenzeiten beziehungsweise _aktivitäten parallel und mehroder weniger unahängig neben_ und miteinander (238). (...) jedes Individuum, jede Familie und jede Gruppe ist in typischer Weise zeit_räumlich gemustert (...) (240).! Zwischenbilanz: Die Beziehung zwischen Zeit, Raum und Psyche (241_248). Psychische Strukturen , und damit der 'Geist' überhaupt, erscheinen als ein von äusseren Aktionen abgeleitetes, abstrakt_immaterielles Gefüge von verinnerlichten 'Programmen' zur Herstellung von Beziehungen zwischen konkret begegnenden Fakten. Mit anderen Worten: Sie stellen einen 'Niederschalg', ein 'Kondensat' der erfahrenen 'Wirklichkeit' (=dessen, was wirkt) dar. Als solche beinhalten sie nach dem Konzept der Affektlogik neben kognitiven Aspekten sinnvollerweise immer auch mit ihnen untrennbar verbundene affektive Komponenten, die obligat den Körper 'affizieren' und so vorbereitend auf früherer Lust_ oder Unlusterlebnisse im selben Kontext einstimmen. Derartige 'affektiv_kognitive Bezugssysteme', wie ich die internalisierten Fühl_ Denk_ undVerhaltensprogramme aus guten Gründne nenne, existieren in primitiver Form bereits im Tierreich (...). Die ganze Psyche kann als komplex verschachtelte Hierarchie von affektiv_kognitiven Bezugssystemen verstanden werden. Jedes solches 'Bezugssystem' stellt ein fein ausbalanciertes Unterganzes dar, das sich assimilatorisch_akkomodatorisch im Austausch mit der Umwelt ausbildet und sich unter gegenseitiger Beeinflussung zugleich reziprok mit ihr koppelt (...). Differenzierte Bezugssysteme, die viele Einzelaktionen und _verhältnisse unter einem gemeinsamen Aspekt zusammenfassen (z.B. das Mutter_ oder Vaterbild, oder ein 'Weltbild') sind zugleich typische 'Wahrheitssysteme' (oder 'Eigenwahrheiten'), die mit je einer bestimmt getönten Affektpalette versehen sind. Die Gefühle spielen im Gefüge der Psyche unter anderem die Rolle eines'Bindegewebes', das die kognitiven Elemente organisiert, zusammenhält und ihnendamit Konsistenz und Kontinuität verleiht. Gleichartige Gefühlskomplexe bilden eineArt von 'Register'; es sind Gefühle, die in der Folge die zugehörigenGedankeninhalte bestimmen, und nicht umgekehrt! Damit die Psyche realitätskonform funktioniert, ist eine bestimmte minimale Stabilität der Gefühle (insbesondere der den kognitiven Elementen attribuierten Wertsysteme) vonnöten (243). Gefühle stellen unter anderem eine Art von umfassender Wahrnehmung dar; sie wirken ferner als Organisatoren, Indikatoren und Stabilisatoren von kognitiven Strukturen (246).
Insofern als alle Erfahrung in Zeit und Raum stattfindet, sind wahrscheinlich sogar sämtliche (ja aus konkreten Handlungen entstandenen) affektiv_kognitiven 'Programme' oder Bezugsysteme neben ihren sonstigen Charakteristika auch spezifisch 'zeiträumlich gemustert'. Mit anderen Worten, die esamte Psyche besitzt eine Zeit_Raum_Struktur! (247). Ansätze zu einer 'allgemeinen psycho_physischen Feldtheorie (250_259). Die 'Eigenwahrheit' eines jeden affektiv_kognitiven Bezugssystems beeinflusst und 'krümm' also in der Tat das umliegende psychische und psychosoziale Feld prinzipiell gar nicht anders, als lokal verdichtete materielle 'Bezugssysteme' benachbartes materielles Geschehen eeinflussen. Eine darartige 'Gravitionskraft' wird von psychischen Verdichtungne beliebiger rössenordnung ausgeübt, sowohl von einzelnen Begriffen oder ganzen Theorien, Ideologien, wie auch von einzelnen Menschen oder ganzen Gruppen, Staaten etc. (252). Was für Zeit und Raum der Physik gilt, ist (...) spiegelbildlich im immateriellen psychischen Feld gültig. In der Tat errschen auch hinsichtlich der Kommunikationsphänomene in beiden Berichen offenbar grunsätzlich ganz analoge Gesetze, bloss spielen sie sich auf der einen Seite an Konkreta, das hiesst an materiellen 'Verdichtungen von Energie' ab, während es im andern um Abstrakta, das heisst um die immaterielle Verdichtung von Information geht. _ Gerade die schon mehrfach erwähnte Analogie zwischen Energie und Information stellt übrigens selber wieder eiene höchst bedeutsame 'psycho_physische Korrespondenz' dar: Systemdynamisch betrachtet spielt die Information in psychischen Bezugssystemen ganau die gleich Rolle wie die Energie in physischen Bezugssystemen: Psychische Begriffe sind verdichtete Information, gleich wie Materie verdichtete Energie ist; strukturelle Transformationen entstehen in beiden Bereichen durch fortwährende Energie_ beziehungsweise Informationszufuhr (257f). Lob des Dualismus; Zweiheit und Einheit (260_266). Synchrone und diachrone Systeme (267_276).! Gleich wie jedes physikalisches Ereignis in einem 'Eigenraum' und einer 'Eigenzeit' stattfindet _ der 'Eigenraum' ist gegeben durch alle Gleichzeitigkeitsbeziehungen zu benachbartem physikalischen Geschehen, die 'Eigenzeit' dagegen durch alle 'Ungleichzeitigkeitsbeziehungen', das heisst druch die spezifischen Rhythmen und Tempi, die in einer bestimmten Ereigniskette auftreten _, so besitzen (...) geistige und psychosoziale Ereignisse (...) je ihren 'Eigenraum' und ihre 'Eigenzeit'. Auch der 'psychische Raum' wier gebildet (...) durch alle jeweils gleichzeitig im innerpsychischen Bereich vorhandenen Inhalte und ihre gegenseitigen Beziehungen. Die 'psychische Zeit' dagegen ist wiederum charakterisiert durch die Rhythmen und Tempi, mit denen innerpsychische Bezugssysteme sich verändern und entwickeln. (...) Was jetzt geleichzeitig alles innerlich in mir präsent ist und was ich introspektiv fühlend_denkend wahrnehmen kann, das ist mein bewusster subjektiver 'psychischer Innenraum'. (...) Was diachron in mir präsent und zusammengehörigist, bildet meine 'psychische Innenzeit', beziehungsweise mein persönlichespsychisches Tempo, meinen Rhythmus (267). Das Raumsystem ist (...) das System der Synchronie; seine Elemente sind immerzu gebildet aus allemgleichzeitig Vorhandenen. (...) Das Zeitsystem dagegen ist ein System derUngleichzeitigkeit, der Diachronie, das durch alle Elementeeiner zusammengehörigen, konkreten Geschehenskette, das heisst einer kausalen Folge gebildet wird (268). 'Gegenwart' kann (...) definiert werden als das, wasfortwährend aus dem Zusammenwirken des synchronen mit dem diachronenresultiert (272). Zusammenfassung: Ausblicke uf eineRelativitätstheorie des Geistes (277_283). Der psychische Bereich,charakterisiert durch die Verdichtung von Information über konrete Ereignisse zu einem abstrakt_immateriellen, geistigen Gefüge von Relationen, kann ebenso wie der konrtet Bereich der materiellen Physis als ein komplexes Feld von Transanktionen zwischen einem ganzen Universum von grösseren und kleineren 'Knotenpunkten' (= einzelnen 'Begriffen' oder 'Konzepten') verstanden werden. Vergleichbar einzelner Himmelskörpern oder Materieteilchen vereinigen sich merhere solcher 'Knoten' zu Bezugssystemen verschiedener Ordnung. Ganz ähnlich wie das materielle Universum scheint ebenfalls dieses 'innere Universum' in ständiger, selbstorganisatorischer Expansion begriffen zu sein (277). Aus meiner ganzen Sichtweise heraus bin ich der tiefen berzeugung, dass alles Physische das Geistige in grossartiger Weise veranschaulicht ('verkörpert'), das heisst greifbar, und damit vielleicht schliesslich auch be_greifbar macht _ wenn wir uns nur, ähnlich dem Kind im sensori_motorischen Stadium, tief und lange genug mit der Physis beschäftigen wollten (282). Was Ciompi hier mit Pyhsis meint ist nicht in erster Linie die konstruierte gegenständliche Welt, sondern die phyische Natur. Diese ist zwar greifbar aber eben nicht eigentlich begreifbar. Praktische Konsequenzen (284_345). Die Hinweise auf die Praxis werden mit einem Kunstgriff ca. ins Jahr 2087 verlegt. Errörterung der Rahmenbedingen dieser Fiktion (285f). Ein neues Menschenbild (287f). C postuliet den 'zeitbewussen, relativistischen Fühl_Denkmenschen'. (...) Mit 'zeitbewusst' ist vor allem ein vertieftes Wissen um Langzeitwirkungen und um die eigene Herkunft, und mit 'relativistisch' unter anderem ein besser dezentrierter Umgang mit fremden 'Eigenwahrheiten' aller Art gemeint (287). Der 'neue Mensch' aber (...) ist weder ein reines, supercomputerartiges Denkwesen noch ein bloss intuitiver, einseitig 'aus dem Bauch heraus' lebender Gefühlsmensch, sondern eine harmonische Kombination von beidem (289). (..) wo sind sie eigentlich, diese geradezu phantastischen Mengen an Zeit und Raum, die doch eigentlich durch all die Maschinen längst 'gespart' sein müssten? Wer 'hat' denn diese Zeit und Musse wirklich in unserer modernen Industriegesellschaft, anstatt bloss 'auf dem Papier'? (307)! Wo liegt der Denkfehler? Der Fehler ist (...) zumindest zwiefach. Erstens behandeln wir fülschlicherweise unsere innerpsychisch erlebte Zeit entsprechend dem vorherrschenden, abstrakt_linearen Zeitbegriff von Technik un Wissenschaft wie ein Absolutum, das heisst, wie eine von den Ereignissen unabhängige Grösse oder Menge, die beliebig substrahiert und addiert und damit auch gehortet werden kann. Indessen ist unser Zeit_ (und Raum_)erleben in Wahrheit ausgesprochen 'realtivistisch', das heisst dehn_ und komprimierbar, denn es hängt von den konkreten Ereignissen und unseren Einstellung dazu ab: Je mehr Ereignisse innerhalb einer objektiven Zeitspanne passieren, desto weniger Zeit 'haben' wir! Und je nach negativer oder positiver affektiver Einstellung zum Geschehen sprechen wir dann von 'Hetzt' oder 'Kurzweil'. Umgekehrt haben wir 'viel Zeit' ('Langeweile' oder 'Musse'), wenn innerhalb einer gegebenen Zeitspanne wenig passiert. Je schneller wir zum Beispiel arbeiten, reisen, essen oder _ lieben, über desto weniger 'Zeit' verfügen wir deshalb logischerweise. Oder anders gesagt: Indem wir in einen Tag möglichst viele Ereignisse (beziehungsweise Veränderungen) aller Art hineinstopfen _ und gerade dies ermöglichen ja die angeblich 'zeitsparenden' Maschinen! _ gewinnen wir in Tat und Wahrheit keineswegs 'erlebte Zeit', sondern sie bloss, das heisst wir leben gehetzter, oder günstigenfalls 'kurzweiliger'. Gelassenheit und Musse dagegen erlangen wir, wenn wir uns 'Zeit lassen', 'Zeit nehmen', mit anderen Worten: in der Tat durch Verlangsamung! (309). Den zweiten Grund sieht er darin, dass für die zeit_ und raumsparenden Maschinen selbst zuviel Zeit und Raum aufgewendet werden muss (310). Das Beispiel der Intercityzüge mit den getönten Scheiben, die die Farben draussen lassen und den Sitzreihen, wie im Flugzeug, die keine Abteilatmosphäre mehr bieten, um zu zeigen, dass hier nicht mit 'Gefühl' sondern mit berechnendem Intellekt konstruiert wurde. (312f). Es ist zu hoffen, dass unsere Zeit den Menschen in hundert (oder einigen hundert) Jahren als barbarisches, 'primitives Maschinen-zeitalter' erscheinen wird, in welchem die Maschinen noch lärmige und stinkende, menschenfeindliche und umweltzerstörende Ungeheuer waren, während sie inzwischen zu diskreten Dienern eines einfacheren und natürlicheren Lebens geworden sind! (313). Über das Altern und die Veränderung der Wahrnehmung von Raum und Zeit (314f). Zeit- und Raum-probleme in der Psychiatrie (316ff). Es ist sehr auffällig, dass praktisch alle schwereren psychischen Störungen mit ausgeprägten Veränderungen des Zeit- und Raumerlebens einhergehen. Dies gilt inbesondere für Psychosen aller Art. In der Melancholie (einer psychotischen Form der endogenen Depression) beispielsweise werden (...) Zeit und Raum als hochgradig eingeengt erlebt. Beide scheinen zu stocken und können schliesslich völlig erstarren: Die Zeit 'steht still', jede Zukunftsperspektive geht verloren; die Patienten bewegen sich nicht mehr von der Stelle. An einer manischen Psychose leidende Meschen sind im Gegenteil in ihrer euphorischen Angetriebenheit sowohl zeitlich wie räumlich ausufernd expansiv. Sie geraten in jeder Hinsicht vom Hundertsten ins Tausendste, reisen und hetzen oft unsinnig in der Welt herum und jagen den fantastischsten Zukunftsprojekten nach (318). Von Interesse ist ferner, dass mit dem Zeit_ und Raumerleben bei psychischen Störungen praktisch immer auch das Zusammenspiel zwischen Fühlen und Denken pathologisch verändert ist. (...) Solche Beobachtungen legen die Annahme nahe, dass Denken und Fühlen mit dem Zeit_ und Raumerleben engstens verbunden sind. Je schwerwiegender die Störungen im einen dieser Bereiche, desto ausgeprägter werden sie offenbar auch im andern. Dies passt natürlich vorzüglich zu unserem Konzept der Psyche als 'Hierarchie von zeit_räumlich gemusterten, affektiv_kognitiven Bezugssystemen': Einmal mehr scheint sich zu bestätigen, dass der 'psychische Apparat' als ein verinnerlichter Niederschlag der Erfahrung (= dr 'Aktion') in Form von Denk_, Fühl_ und Handlungsprogrammen aufgefasst werden muss, denn jede Aktion beinhaltet neben kognitiven und affektiven ja obligat auch zeitliche und räumliche Elemente (319f). Im Verein mit dem Konzept der Affektlogik, der allgemeinen Systemtheorie sowie den Maturana_Varelaschen Ideen zur Selbstorganisation biologischer System verfügen wir nun fast über alle nötigen Informationselemente, um zu versuchen, gegen das Rätsel Schizophrenie von einer neuen Seite her anzurennen (320f). Er, der nach Langsamkeit strebt, will hier 'anrennen'!! Neuroleptika, die bisher einzigen wirkasmen Medikamente zur Bekämpfung psychotischer Störungen, erschwerden in diesem (dopaminergen / ot: Dopamin ist eine Neurotransmittersubstanz) System selektiv die Reizübertragung durch Dopamin an den sysnaptischen Schaltstellen zwischen den einzelnen Nervenzellen; andererseits wird diese durch Amphetamin, eine Droge, die schizophrenieänliche Störungen auszulösen vermag, überstark . Das Dopaminabbauprodukt Homovanillinsüure ist in psychotischen Phasen im Blutplasma oft deutlich erhöht und normalisiert sich mit Abklingen der schizophrenen Störungen; auch die Zahl der Dopaminrezeptoren an den Synapsen scheint bei Schizophrenen vermehrt zu sein. Neuerdings hat man zudem entdeckt, dass das dopaminerge System stressempfindlich ist, unter anderem indem Stressoren darin Bahnungseffekte (...) bewirken. Dies bedeutet nicht mehr und nicht minder, als dass auch dieses zunächst rein 'biologisch' anmutende, biochemische Schlüsselelement des Schizophrenie_Puzzels unter dem Einfluss von sozialen und anderen Umweltfaktoren steht. Wenn man dazu noch realisiert, dass die genannten dopaminergen Faserstränge, grobgesagt, den 'Sitz der Gefühle', das heisst die älteren, basalen Hirnanteile mit dem Neokortex und insbesondere dem Stirnhirn, das heisst dem vermutlichen 'Sitz des Denkens' und des Bewusstseins verbinden, so schliesst sich ein Kreis von Zusammenhängen, der für die hier entwickelten Konzepte offensichtlich von grösstem Interesse ist. Denn erstens treffen wir damit auf eine wahrscheinliche, anatomisch_funktionelle Basis für die von der 'Affektlogik' postulierten affektiv_kognitiven Bezugssysteme, und zweitens erweist sich gerade die Verbindung zwischen Fühlen und Denken bei Schizophrenen, wie ebenfalls schon in der 'Affektlogik' postuliert, als hochgradig kritischer Punkt, an welchem sowohl genetisch_biologische wie auch psychosoziale Faktoren störend einwirken können (331). Hier wird sichtbar, wie alles auf (un)heimliche Weise zusammenwirkt, dank der Vorstellung der strukturellen Koppelung! (...) versteht man unter dem Begriff der 'neuronalen Plastizität' eine Reihe von Erscheinungen, die zeigen, dass das zentralge Nervensystem auf Umweltreize überaus 'plastisch', das heisst durch dauerhaft funktionelle und strukturelle Veränderungen reagiert. Dies beruht unter anderem auf synaptischen Bahnungseffekten, indem häufig benützte neuronale Assoziationskanäle für weitere Reize besser durchlässig, sozusagen 'verbreitert' oder 'vertieft' werden (331f). 'Es muss erlaubt sein, das Ganze zu denken' (350).
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