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Projekt diasynchron: Hypertext-Zeittafeln.

Als Zeittafel bezeichne ich eine nach Datum sortierte Tabelle, in welcher Ereignisse und Phänomene wie Erfindungen, Personen, Technologien, Kriege zusammengetragen worden sind. Zeittafeln wurden in der "Encyclopedia Britannica" (1. Auflage 1768 - 1771) als alternative Darstellungen zur bis dahin üblichen Prosa-Chronik populär gemacht, das heisst, sie ersetzen ein narratives Element der Prosa, die über gleiche Ereignisse berichtet.

Die Zeittafel ist in diesem Sinne eine spezielle Form einer Geschichte. Sie beruht auf einer Auswahl von Ereignissen, die oft Kategorien unterliegt, die nur in der Rückschau möglich sind. Die Epochenbezeichnung "Renaissance" beispielsweise stammt aus dem 19. Jhd. und meint eine Zeit im 16. Jhd., in welcher die Renaissance (wohl noch) nicht als Wiedergeburt erlebt wurde. Wenn ich also die Renaissance in einer Zeittafel der Jahreszahl 1600 zuordne, erzähle ich - mehr oder weniger bewusst - dass um 1900 gesehen wurde, dass um 1600 im damaligen Italien vieles wieder so gesehen worden sei, wie es 400 vor Christus im damaligen Griechenland gesehen wurde. Das ist der Anfang einer Geschichte!

Die Zeittafel kann aber auch künftige Ereignisse enthalten, sie ist also auch in diesem Sinne diachronisch, nicht historisch.

Jede Zeittafel hat das Datum als Primärschlüssel und ihren Sinne in der Aufteilung der "Zeitachse" in Abschnitte oder Perioden. In den konventionellsten Zeittafeln bezeichne ich die gewählten Perioden als Zeitabschnitte, deren Eigennamen die Zeitachse reflektieren, wie etwa Mittelalter, wo quasi von einem Alter die Rede ist, oder als Neuzeit, wo eine Zeit neuer als andere Zeiten ist. Ich spreche von Epochen, wenn die Perioden durch spezifizierte kulturelle Merkmale gekennzeichnet sind. So ist für mich die Renaissance eine Epoche in der Neuzeit, weil Renaissance einen Zeitabschnitt bezeichnet, in welchem eine Architektur wieder hervorgeholt wurde, während Neuzeit einen Abschnitt bezeichnet, der einem generelleren Entwicklungsverständnis unterliegt, welches eben die Zeit - in Form der Uhr und der Systemzeit als Invarianz - überhaupt erfunden hat (vgl Fabrikglocke).

    
Primärschlüssel "Zeitabschnitt" Epoche
- minus 6000   Steinzeit
- minus 800 Vorgeschichte  
minus 800 - 500 Antike  
500 - 1500 Mittelalter Inquisition
1500 - 1900 Neuzeit Aufklärung
1900 - Neuste Zeit Weltkrieg
2000 -   21. Jahrhundert

Die Unterscheidung zwischen zeitbenannten Perioden und Epochen reflektiert kategorielle Brüche zwischen Zeit und Chronos. Als Lebewesen etwa erlebe ich eine Jungend und ein Alter, also eine Lebensdauer, davor und danach gibt es nichts und innerhalb der Zeitdauer einen Anfang und ein Ende unabhängig davon, wie alt ich gerade bin. Wenn ich aber meine bisherige Geschichte schreibe, erscheint mir die aktuelle Zeit als relativ neue Zeit und alles davor als älter. Eine gängige Geschichtsschreibung stammt aus dem 19. Jahrhundert. In dieser Geschichte erscheint das 19. Jahrhundert als Neuzeit und davor liegende Zeitabschnitte als mittelalte, alte oder gar antike Zeit. Wenn diese Benennung für festgelegte Bereiche der Zeitachse verwendet werden, ergibt sich das Problem, dass später keine Neuzeit mehr möglich ist, und dass wenn die Geschichte weiter zurückgeschrieben wird, auch sinnvolle Bezeichnung für noch ältere Zeiten fehlen. Deshalb wird eine solche Nomenklatur zwangsläufig brechen und durch Epochen erweitert wie etwa Steinzeit oder 21. Jahrhundert. Ein Ausdruck wie Mittelalter verliert seine unmittelbare Wort(be)deutung und wird als Eigenname für eine Epoche verwendet, die dann auch kulturell unzeitig charakterisiert wird. Man spricht beispielsweise vom dunklen Mittelalter mit der Vorstellung, dass es den Menschen in dieser Zeit an Erleuchtungen fehlte, die dann in der Neuzeit wie der heilige Geist über die Menschheit gekommen sei.

Genau in diesem Sinn ist jede Zeittafel eine spezifische Beobachtung, die ihrerseits beobachtet werden kann.
Die Renaissance beginnt in bestimmter Hinsicht noch im Mittelalter und reicht in die Neuzeit hinein. Gerade deshalb kann man sie als epochenmachende Zeit bezeichnen.


Hinweise:
Es gibt den Versuch einer "Synchron-optischen" Weltgeschichte. Darin wird der an einen Ort gebundnenen Erzählfaden aufgelöst, indem neben der Zeit auch noch der Ort als unabhängige Variable mitgeführt wird.

Siehe auch: Zeitalter, erfundenes Mittelalter


 
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