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Das "Erfundene Mittelalter" (auch Phantomzeit-Theorie) ist eine Hypothese, nach welcher die vorherrschende historische Chronologie 297 Jahre, die Zeit zwischen 614 und 911, zuviel beobachtet und die Geschichte dort quasi enorm in die Länge zieht, um "Karl dem Grossen" und den Karolinger eine Existenzzeit zu geben.

Das "Erfundene Mittelalter" ist einerseits ein Streit unter Historikern, der mich nicht interessiert, insbesondere auch weil er extrem traditionell verläuft. Andrerseits finde ich interessant, wie die Historiker streiten, also welche Realitäten sie wie ins Feld führen.

und noch eine andere Anmerkung:
"Überdies seien vom 10. Jahrhundert bis in die Zeit von Friedrich II. (Anfang 13. Jh.) zahlreiche Urkunden von Majuskel-Schrift (Grossbuchstaben) auf Minuskel-Schrift (Kleinbuchstaben) umgestellt, also neu geschrieben worden, wonach man die alten Urkunden vernichtet habe. Eine Verfälschung um rund 300 Jahre sei dabei möglich gewesen."
Unterstellt wird dabei eine bewusste Fälschung, die u. a. Otto III. zugeschrieben wird. Jedes Mittelalter ist eine Erfindung, ob Irrtum oder Fälschung im Spiel ist, ist eine ganz andere Frage. Ich kann mich fragen, welches Mittelalter ich erzähle und was ich davon habe, dass ich es so erzähle.

Literatur: H. Illig: Das erfundene Mittelalter

Ich verwende das "Erfundene Mittelalter" als bewusste (kritisierende) Perspektive auf Geschichtsbilder. Es geht mir dabei gerade nicht darum, was wirklich der Fall war, sondern darum, wie welche Geschichten auch geschrieben werden könnten.
In einer - auch beliebigen und auch plausiblen - Geschichte, müssten die Ereignisse, die jetzt in den 300 Jahren angesiedelt sind, umverteilt werden. Die Araber müssten viel früher nach Europa gekommen sein und Karl der Grosse hätte vielleicht später (und allenfalls in einem nicht so grossen Reich regiert).

In einer beispielhaften Kritik schreibt etwa Rudolf Schieffer (1997): „Ob und wie sich der Gang der Geschichte nach dieser messerscharfen Amputation noch plausibel zusammenfügt, wird in dem Buch nur an einer Stelle erwogen (...) Von dieser einen Lappalie abgesehen bleibt der Autor indes jede Erklärung schuldig, wie eigentlich das Langobardenreich untergegangen und die byzantinische Macht aus wichtigen Teilen Italiens verschwunden ist, wie es zur Ausbreitung slawischer Völker bis zur Elbe und den Ostalpen, zum Vordringen der Bulgaren auf dem Balkan kam, vor allem aber, in welcher dunklen Nacht der Islam vom Himmel fiel, an den 614 noch niemand dachte, der aber 911 von Spanien bis Mittelasien herrschte“ (Ein Mittelalter ohne Karl den Großen, oder: Die Antworten sind jetzt einfach. , Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 10/97, 611–617).
Er unterstellt dabei fraglos, dass die anderen Jahrhunderte ganz gewiss so stattgefunden haben, wie es seine Geschichte gerne hätte.

In der Geschichte der Münzen und der Metalltechnologie würden so riesige (und ganz unplausible) Löcher verschwinden. Wenn man die Geschichte(n) aber überhaupt auch anders erzählen würde, könnte man sicher noch viele weitere Lücken in der Plausibilität schliessen. Welche Geschichten passen warum wozu? (Und inwiefern ist das Erzählen von Geschichten eine Wissenschaft?


 
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Wikipedia

Die "Theorie" des Erfundenen Mittelalters (auch Phantomzeit-Theorie) besagt, dass etwa 300 Jahre, beginnend mit dem 7. Jahrhundert, erfunden wurden. So soll auf das Jahr 614 das Jahr 911 gefolgt sein. Von Geschichtswissenschaftlern und Mediävisten wird diese Theorie als fehlerhaft betrachtet und zurückgewiesen. In der Öffentlichkeit hat die These ein gewisses Interesse gefunden.
Die in Deutschland verbreitete Version geht auf Heribert Illig zurück. Er vertritt die Ansicht, man könne mit der Entfernung angeblich erfundener Jahre die Chronologie des Mittelalters korrigieren. Hans-Ulrich Niemitz, der sich dieser Theorie anschloss, nannte den Zeitraum dann Phantomzeit, weil das Fränkische Reich nach Chlodwig I. ein Produkt der Fantasie oder der Täuschung gewesen sei. Insbesondere hätten laut dieser Theorie Personen wie Karl der Große und die anderen Karolinger vor Karl III. dem Einfältigen entweder überhaupt nicht existiert, oder sie seien vor 614 beziehungsweise nach 911 einzuordnen.

Heribert Illig: Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der Geschichte. Ullstein, Berlin 2005, ISBN 3-548-36429-2.
Franz Krojer: Die Präzision der Präzession. Illigs mittelalterliche Phantomzeit aus astronomischer Sicht. Differenz-Verlag, München 2003, ISBN 3-00-009853-4 .
Ralf Molkenthin: Die Phantomzeit und das Mittelalter – oder: Wie Heribert Illig eine Erfindung erfand. Eine mediävistische Erläuterung. In: Ralf Molkenthin, Bodo Gundelach (Hrsg.): De Ludo Kegelorum. Skriptorium-Verlag, Morschen 2008, ISBN 978-3-938199-16-9, S. 19–35.


 
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