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Zentrum für
  sensitive
 Wahrnehmung

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Rolf Todesco

Eine Lehre vom Zeichnen


 

Inhalt

Vorwort
Prolog
Einleitung
Zeichnen als herstellende Tätigkeit
   Gegenstandsbedeutung
   Flache Wahrnehmung
   Anschauwerk
   Bild
   Zeichnung
Die Genesis des Zeichnens
   Genese
   Markierung
   Zeichnen versus Malen
Die Entwicklung des Zeichnens
   Umriss und Kontur
 


   Sinnzeichnung
Gemälde und Gegenstand
 
 
 
 

Vorwort

Der vorliegende Text repräsentiert einen Teil meines dialogischen Projektes Schrift-Sprache, in welchem es mir darum geht, mir meine Sprache bewusst zu machen, indem ich reflektiere, wie ich welche Wörter verwende. Ich verwende dabei ein Verfahren, das ich als Hyperkommunikation bezeichne, durch welches ich die Wortverwendungen in meinen Texten durch ein mitentwickeltes Wörterbuch, das ich als Hyperlexikon bezeichne, systematisch kontrolliere. Im Rahmen dieses Projektes reflektiere ich meine je eigene, dabei verwendete Theorie in einem separaten Text, indem ich die von mir verwendeten Kategorien beobachte.

Das Projekt beruht in diesem Sinne auf mehreren aufeinander bezogenen Texten, die ich nicht nacheinander, sondern nebeneinander schreibe und die sich gegenseitig beeinflussen. Wer sich für das zugrundeliegende Verfahren insgesamt interessiert, kann das in den anderen Texten des übergeordneten Projektes ausführlicher nachlesen.[1]. Der vorliegende Text war im Projekt nicht geplant, sondern ist eine Auslagerung, um den Text über die Schrift zu entlasten.

Im Projekt Schrift-Sprache entwickle ich das Schreiben als eine Tätigkeit, die ich vom Zeichnen unterscheide, weil ich beim Schreiben in einer bestimmten Hinsicht Zeichen zeichne. Weil ich in der Markierung, die ich in einen Baum oder einen Felsen ritze, den logisch-genetischen Ursprung vom Zeichnen und vom Schreiben erkenne, habe ich zunächst beide Tätigkeiten gemeinsam behandelt und dann erkannt, dass der Text dadurch zu kompliziert wurde. Deshalb habe ich micht entschieden, das Zeichnen zunächst in einem eigenen Text darzustellen, ohne dabei die Einheit meiner Unterscheidung zu vergessen. Die Markierung ist weder Zeichnung noch Schriftzeichen, aber ich betrachte sie als eine Keimform von beidem.[1a]

Ich versuche diesen Text so zu schreiben, dass er unabhängig vom übergeordneten Projektzusammenhang als Text über das Zeichnen gelesen werden kann. Der Text bleibt aber Teil des Projektes und mithin des verwendeten Verfahrens, in welchem die dabei entwickelte Theorie die Sichtweise auf den Gegenstand bestimmt. In diesem Text beschreibe ich also nicht das Zeichnen überhaupt, sondern eine bestimmte Auffassung davon, was als Zeichnen gesehen werden kann.

Ich schreibe hier über das Zeichnen. Das Zeichnen ist dabei exemplarisches Thema zur Entfaltung des Projektes insgesamt. Mich interessiert, wie ich spreche, und hier, wie ich das Zeichnen beschreibe, wenn ich es durch meine Theorie betrachte. Teil meiner Theorie ist, dass ich alles unter dem Gesichtspunkt einer herstellenden Tätigkeit betrachte. Zunächst betrachte ich mein Schreiben als ein Herstellen von Text. Und natürlich sehe ich dann das Zeichnen auch als ein Herstellen.

bildIch will an dieser Stelle noch etwas zum Projekt insgesamt nachtragen, das helfen kann, den vorliegendnen Text in seiner Art verständlicher zu machen. Mich interessiert nicht das Herstellen überhaupt, sondern die Aspekte des Herstellens, die ich - in einem behavioristischen Sinn - auch bei je anderen Menschen beobachten kann. Ich bezeichne diesen mir sinnlich zugänglichen Bereich als meine Lebenswelt.[2] Als Lebenswelt bezeichne ich das, worauf ich meine Tätigkeit intentional beziehe, also das, was ich als Gegenstände der jeweiligen Tätigkeiten jenseits meiner Introspektion erkennen kann. Wenn ich beispielsweise mit einer Axt einen Baum fälle, um Bretter für eine Hütte herzustellen, interessiert mich weder wie die Atome des Baumes noch wie die Planeten der Milchstrasse davon betroffen sind. Ich brauche das Holz, das ich zweckmässig formen kann. Das Holz dient mir als Träger von Eigenschaften, die ich durch meine Tätigkeit hervorbringen will. Holz verwende ich in meiner Lebenswelt der anfassbaren Sachen jenseits von physikalischen Ideen und jenseits von ökonomischen Werten. Ich verbrauche es beim Heizen und gebrauche es, wenn ich einen Tisch herstelle.

In meiner Lebenswelt spielen wissenschaftliche Abstraktionen praktisch keine Rolle. Die Gesellschaft und das Bewusstsein kommen darin so wenig vor, wie Arbeit oder politisches Handeln. Ich meine nicht - wie etwa Frau Thatcher -, dass es Gesellschaft nicht gibt.[3] Sie ist aber, wie alles, was in der Wissenschaft behandelt wird, einfach keine Bestandteile meiner hier betrachteten Lebenswelt, die sozusagen die Welt des Homo fabers oder der Ingenieure ist, die ja auch zeichnen.[4] Und weil es hier ums Zeichnen geht, ich kenne kunstvolles Handwerk, aber keine Kunst.

Was beim Zeichnen auf einer quantenphysikalischen Ebene passiert und wie die Sterne der Milchstrasse davon betroffen sind, kommt hier so wenig zur Sprache wie Wahrheit und Realität. Hier geht es nur um das Zeichnen.


 

 

Prolog

Als Oncas, dessen Name Rote Feder bedeutet, nach dem Unfall, von dem er absolut nichts mehr wusste, das Bewusstsein wieder erlangte, sah er eine junge Frau, die er noch nie gesehen hatte, neben ihm sitzen und etwas tun, was er auch noch nie so gesehen hat. Sie verteilte eine rote Flüssigkeit, die ihn an Blut erinnerte, auf einer Art Tuch, die er auch nicht kannte. Eigentlich hätte er sich fragen sollen, wo er weshalb war und wie er dahhin gekommen ist, aber er war fasziniert, von dem, was er beobachtete. ... [ ]



 

Einleitung

Der Titel dieses Textes legt zwei Missverständnisse nahe, sie ich vorab zu verhindern versuche. Hier geht es nicht um Kunst und nicht darum, was in einem Zeichnen-Kurs behandelt wird, sondern um eine Lehre über das Zeichnen. Kunst und gutes oder schönes Zeichnen spielen hier keine Rolle. Das Zeichnen fungiert hier nicht als Ausdruck von selischen Zuständen oder Emotionen. Hier geht es um die Tätigkeit.

Fast alles, was ich über das Zeichnen in der Literatur und im Internet finden kann, behandelt, wie ich am besten zeichnen würde. bildEs sind Zeichnen-Kurse, in welchen das Zeichnen selbst nicht thematisiert wird.[5] Die Kurse, die sehr oft auch Malkurse sind, setzen voraus, was als Zeichnen bezeichnet wird. Sie behandeln verschiedene Techniken der Bilderherstellung und die dazu passenden Arbeitsmittel und Materialien. Wer solche Kurse besucht, will nicht wissen, was Zeichnen ist, er will das Zeichnen besser können, im besten Fall sogar Kunstmaler werden. Zeichnenkönnen wird durch Vormachen vermittelt, nicht durch Beschreibungen davon, was Zeichnen ist. Mich interessiert aber nicht, was ich wie zeichnen sollte oder könnte, sondern die Tätigkeit, die ich zeichnend ausübe. Ich will sage können, was ich beim Zeichnen mache.

Als Lehre bezeichne ich die Beschreibung eines durch diese Beschreibung begründeten Sachverhaltes. Eine Lehre des Zeichnens beschreibt, was als Zeichnen bezeichnet wird, nicht, wie man zeichnen sollte. Die eigentliche Lehre verzichtet auf die Reflexion, sie beschreibt die Sachen, nicht wie, also mittels welcher Kategorien die Sache beschrieben wird. Im vorliegenden Fall mache ich aber dazu eine Ausnahme, weil die Beschreibung der Sache vor allem der Entwicklung einer Theorie dienen soll.

In der konventionellen Geschichtsschreibung erscheinen die Menschen - etwas verkürzt - als vom Himmel gefallene Nachfolger von Affen, die zuerst gesprochen, dann gezeichnet und schliesslich geschrieben haben. Dabei wird einerseits die Entwicklung eines Kindes, das heute in einem zivilisierten Land aufwächst und spricht, bevor es zeichnet, als haeckelsches Muster für die Geschichte des Menschen verwendet,[6] und andrerseits gilt vorab als geklärt, was Sprechen, Zeichnen und Schreiben bedeutet, auch wenn niemand eine Vorstellung davon hat, wie die Affen diese Fähigkeiten jenseits der Götterdämmerung erworben haben könnten.[7]

Die sogenannte Evolutionstheorie beispielsweise, deren Begründung oft C. Darwin zugeschrieben wird, beschreibt als Lehre, dass und wie verschiedenen biologische Arten von einander abstammen. In dieser Lehre erscheint der Mensch ganz anders als in der biblischen Lehre, die beschreibt, dass die Erde und alle Geschöpfe von Gott geschaffen wurden. In beiden Lehren spielt das Zeichnen keine Rolle. Hier spielen diese Lehren keine Rolle. Es geht nicht um die Geschichte der Menschen, sondern um eine des Zeichnens.

Hier interessiert auch nicht, dass Zeichnenlehrer als Lehrer bezeichnet werden, obwohl ihr Lehren mit einer Lehre vom Zeichnen nichts zu tun hat. Dieses Lehren ist ein Euphemismus für das Unterrichten, das wie die Berufslehre auf ein Können abziehlt, ohne dass dabei eine Lehre, die ein Wissen darüber bezeichnet, dazu vermittelt wird. Der Schullehrer dagegen unterrichtet kein Können, sondern ein Wissen, zu welchem es gar kein Können und keine Tätigkeit gibt. Nach einer entsprechenden Schulung kann ich beispielsweise sagen, was die Hauptstadt von Italien ist, welcher Fluss durch Rom fliesst und wer Rom und Italien wann gegründet hat. Das ist ein Sagenkönnen von Sachen, die man nicht machen oder können kann. Es ist explizites Wissen im Unterschied zum impliziten Wissen, das M. Polany als tacit knowing bezeichnet hat, das genau bedeuten soll, dass es sich um ein unaussprechbares Wissen handelt.

In der Schule wird neben dem Zeichnen auch Schreiben unterrichtet. Damit ist aber nur das Können gemeint, Buchstaben herzustellen und in zulässigen Reihenfolge anzuordnen. Bei diesem Unterrichten geht es um die Entwicklung eines praktischen Könnens, nicht um Reflexion.[8]

Eine Lehre richtet sich nicht an Schüler, die etwas noch nicht können. In diesem Text setze ich viel mehr voraus, dass die Leser zeichnen können und in einem phänographischen Sinn hinreichend wissen, was sie als zeichnen bezeichnen. Ich gehe aber natürlich auch davon aus, dass das Wort zeichnen sehr verschieden verwendet wird, sonst hätte dieser Text gar keinen Sinn.

* * *

Die vorliegende Lehre des Zeichnens ist eingebettet in einen übergeordneten Zusammenhang, in welchem am Anfang das gegenständliche Herstellen steht. Am Anfang des Zeichnens steht deshalb auch hier die herstellende Tätigkeit.[9]

Als - eigentliches - Zeichnen bezeichne ich eine Tätigkeit, mittels welcher ich Zeichnungen herstelle, die die Form der jeweils gezeichneten Dinge re-präsentieren. Ich werde das als Anschauwerke erläutern.

Historisch mag interessant sein, wann und wo die ersten noch erhaltenen Zeichen oder Zeichnungen geschaffen wurden. Hier interessiert das nicht im Geringsten. Die Geschichte, die ich hier erzähle, beinhaltet die Entwicklung des Zeichnens, nicht dessen erstes Auftreten in ganz anderen Geschichten, wie sie etwa von C. Darwin erzählt werden.

Am Anfang der Entwicklung des hier gemeinten Zeichnens steht das Markieren als eine Tätigkeit mit der Intention, ein Zeichen zu hinterlassen, das nicht wie eine Geste oder ein Warnruf im Moment und für andere gedacht ist, sondern zunächst als externes Gedächtnis für jenen, der das Zeichen setzt. Die Kerbe, die ich in einen Baumstamm schlage, soll mich später an etwas erinnern. Dazu muss das Zeichen eine gewisse Festigkeit haben, dass ich es später als dasselbe wiedererkennen kann.

Am Anfang der vorliegenden Geschichte steht also nicht das Wort oder der Weltgeist. Entscheidend ist hier aber nicht, was am Anfang war, sondern von welchem Anfang die Rede ist.[10] "Am Anfang" bedeutet hier also - anders als bei vielen Philosophen und anders als beim Geist, den etwa Faust zu Rate zieht - nicht irgendetwas historisch Erstes in Bezug auf die Entstehung der Welt. Anfang bedeutet hier selbstreferentiell das, womit ich diese Lehre des Zeichnens beginne.[11]

Zeichnen ist hier zunächst im umgangssprachlichen Sinn gemeint. Ich verwende ich das Wort "zeichnen" für das, was ich typischerweise mit einem Bleistift mache, wenn ich nicht schreibe oder einfach kritzle. Ich zeichne Striche. Meine Lehre des Zeichnes beginnt also - quasi tautologischerweise - mit dem Herstellen und Anordnen von Strichen. Ich beschreibe dieses zeichnende Herstellen unter zwei Gesichtspunkten. Zum einen beschreibe ich die herstellende Tätigkeit selbst, wobei ich die Entwicklung dieses Herstellens rekonstruiere. Ich beginne diese Rekonstruktion mit dem Markieren und mit der Differenzierung, durch die Zeichnen und Schreiben zu verschiedenen Tätigkeiten wurden. Das Herstellen unterliegt einer quasi phylogenetischen Entwicklung über Generationen hinweg, in welcher vor allem die Werkzeuge und die Bildträger entwickelt wurden. Diese Entwicklung verläuft in vielen Hinsichten zusammen mit jener des Schreibens, das sich durch Mechanisierungen und Druckverfahren verändert hat. In diesem Zusammenhang werde ich auch das Malen vom Zeichnen unterscheiden.

Zum andern beschreibe ich, wie ich durch das Zeichnen meine Anschauung entfalte. Ich werde dabei anhand von naturwüchsigen Zeichnung, wie sie Kinder machen, eine Entwicklung des Zeichnes beschreiben bis hin zu perspektivischen Zeichnungen, in welchen die Striche an Fluchtpunkten ausgerichtet werden. Diese Entwicklung ist quasi ontogenetisch, indem sie auch der einzelne Mensch durchläuft. Allerdings ist fraglich, wie weit sich das Zeichnen bei den Menschen jeweils entwickeln würde, wenn sie nicht belehrt würden. Auch diese Entwicklung hat eine Geschichte im historischen Zeitraum.

Ich werde mich insbesondere damit befassen, wie das Zeichnen das begriffliche Beschreiben prägt, indem ich die Differenzierung zwischen Zeichnen und Schreiben rekonstruiere. Die Perspektive spielt dabei eine wesentliche Rolle, die ich mir zeichnend bewusst mache. Zeichnend verdopple ich mein Herstellen. Ich stelle einen Gegenstand her, den ich in Form einer Zeichnung nochmals herstelle. Durch das Zeichnen mache ich mir die Form und die Form der Form bewusst und gewinne so eine spezifische Sicht auf die Welt, noch bevor ich sie beschreibe.
[ Diesen Abschnitt muss ich noch etwas ausführen !!, er ist vorerst einfach Teil des Programmes, das die Einleitung bildet. Im Moment ist mir noch unklar, was ich davon in die Einleitung schreibe ]
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Zeichnen als herstellende Tätigkeit

bildAls - eigentliches - Zeichnen bezeichne (sic!) ich eine herstellende Tätigkeit, mittels welcher ich Zeichnungen herstelle, also Striche so forme und anordne, dass sie - im Prinzip - die Form der jeweils gezeichneten Dinge re-präsentieren, diese Dinge also in anderer Form nochmals zeigen.[12]


Herstellen

Weil ich Zeichnen als Herstellen auffasse, beginne ich diese Lehre des Zeichnens nicht mit Zeichnen, sondern mit Herstellen. Gleichgültig was ich herstelle, ich forme dabei immer Material. Ich denke hier exemplarisch an das Herstellen einer einfachen Schale aus Lehm, den ich entsprechend forme. bildJedes Herstellen entwickelt sich mit den Werkzeugen, die ich dabei verwende. Die jeweiligen Werkzeuge zeigen mir, was zuvor noch in der Tätigkeit aufgehoben war. Die Töpferscheibe zeigt, dass ich die Schale beim Herstelllen auch ohne Scheibe drehe. Die angetriebene Töperscheibe zeigt, dass das Drehen Muskelkraft braucht. Der Bleistift, um ein Zeichnenwerkzeug als Beispiel zu nehmen, erübrigt, dass ich Farbe zum Zeichnen - wie etwa die Tinte, wenn ich mit der Feder zeichne - separat herbeischaffen muss.

bildWas ich herstelle, bezeichne ich als Gegenstand. Jeder Gegenstand hat eine Gegenstandsbedeutung, die ich ihm durch das Herstellen gebe. Ein Hammer etwa ist zum Hämmern gemacht. Er bleibt ein Hammer, auch wenn ich ihn als Briefbeschwerer verwende. Die Gegenstandsbedeutung einer Schale besteht darin, Mengen von Flüssigkeiten oder relativ losen Objekten aufzubewahren. Die Schale kann verschiedene Funktionen erfüllen, ich kann sie beispielsweise zum Schöpfen verwenden und natürlich auch als Briefbeschwerer.

Beim Zeichnen stelle Striche her. Diese Striche sind materielle dreidimensionale Körper, die beim Zeichnen als Bauelemente fungieren. Im Unterschied zu Bausteinen stelle ich diese Bauelemente her, wenn ich sie verwende. bildWas ich womit zeichne, spielt dabei keine Rolle. Um ein paar grundsätzliche Aspekte der Tätigkeit zu erläutern, beschreibe ich zunächst den exemplarischen Fall, in welchem ich eine Zeichnung mit einem Bleistift auf einem Stück Papier herstelle. Der Bleistift ist ein Werkzeug. Ich kann auch ohne Werkzeug und mit viel entwickelteren Werkzeugen zeichnen. Hier geht es vorerst einfach um eine anschauliche Variante des Zeichnens, die wohl alle Menschen, die lesen können, aus eigener Erfahrung kennen.

Beim Zeichnen mit einem Bleistift ordne ich Graphit, das zunächst in der Bleistiftmine gelagert ist, auf dem Papier in der gewünschten Form an. bildDer gezeichnete Strich besteht aus einer Anordnung von kleinen Gafitkörpern, die zusammen- und gleichzeitig auf dem Papier haften. Der Körper dieses Striches ist durch eine Lupe betrachtet eine Art flache Trockenmauer, die nicht besonders hoch ist. Durch das Vergrösserungsglas erscheint der Strich wie die chinesische Mauer von einem hochfliegenden Flugzeug aus gesehen, also wie eine Mauer, die einer bestimmten Linie folgt.

bildDas Zeichnen mit einem Bleistift ist ein eigentliches herstellendes Handwerk. Das Zeichnen entwickelt sich wie jede herstellende Tätigkeit mit der Entwicklung der Werkzeuge, womit auch eine Entwicklung des verwendeten Materials einhergeht. Auch wenn ich mittels eines Computers zeichne, stelle ich - wie vermittelt auch immer - materielle Striche her.[13]

Zeichnungen bestehen aus Strichen, die einer hinzugedachten Linie folgen. Als Linie bezeichne ich - in einer etwas euklidischen Auffassung -, was ich mit einer nicht unterbrochenen Bewegung mit einem Bleistift auf einem bildPapier darstellen kann. Die gerade Linie oder Gerade stellt ein Spezialfall dar, der andere Linien als Kurven erscheinen lässt. Die Linie hat bei Euklid nur eine Dimension. Was ich zeichne ist also keine Linie, sondern einen Strich, der ein dreidimensionaler, materieller Gegenstand ist. Mit einem Strich kann ich insbesondere auch den Verlauf einer Linie darstellen.

Wenn ich beispielsweise ein Buch oder eine Türe mit einem rechteckigen Umriss zeichne, zeichne ich die Form eines Rechteckes. Umgangssprachlich kann ich sagen, dass ich ein Rechteck zeichne. Aber in dieser Redeweise erscheint das Rechteck wie eine Katze oder ein Einhorn als sichtbare Sache. Geometrische Figuren sind aber keine sichtbaren Sachen, sie bestehen aus Linien, nicht aus Strichen, deshalb kann ich sie nicht sehen. Meine Zeichnung ist ein hergestellter Gegenstand, die geometrische Figur nicht. Was ich zeichne, ist von der Form des jeweiligen Gegenstandes abhängig. Dass ich im Falle eines Buches ein "Rechteck" zeichne, ist von der Form des Buches abhängig. Ich zeichne das Buch. Dass ich die Anordnung der dabei verwendeten Striche als "Rechteck" bezeichne, beruht darauf, dass ich darin ein bestimmtes Muster oder eine bestimmte Gestalt aus der Geometrie erkenne.[14]


Gegenstandsbedeutung

Der materielle Gegenstand, den ich zeichnend herstelle, hat - wie jeder hergestellte Gegenstand - eine durch die Herstellung gegebene Form. Die Striche, die ich zeichnend herstelle, fungieren als Konstruktionselemente, die ihrerseits eine Form haben, so wie Backsteine, bilddie ich für eine Mauer verwende, auch ein Form haben, ohne dass sie die Form der Mauer festlegen. Die Form der Konstruktionselemente beschränkt, was ich mit ihnen herstellen kann, aber sie bestimmt nicht die Form des hergestellten Gegenstandes. Mit Bachsteinen kann ich sehr verschiedene Mauern herstellen und ich kann auch sehr verschieden grosse Bachsteine verwenden. Ich kann Bleistifte mit verschieden dicken und verschieden weichen Minen verwenden, was die Form der Striche beeinflusst, aber nicht bestimmt.

Die Striche, die ich für eine Zeichnung verwende, stelle ich erst beim Zeichnen her und gebe ihnen die Form, die ich im jeweiligen Fall brauche. In diesem Sinn sind Striche sehr flexible Konstruktionselemente, deren Länge, Dicke und Form ich in einem weiten Bereich wählen kann.

Wenn ich - im hier gemeinten Sinn einer Tätigkeit - zeichne, stelle ich einen von mir intendierten Gegenstand her, der aus Strichen besteht. Jeder Gegenstand hat eine Gegenstandsbedeutung, die der Intention des Herstellers entspricht.

bildDie Gegenstandsbedeutung einer Zeichnung liegt nicht in einer irgendwie gearteten inhaltlichen Bedeutung, sondern in der Bedeutung der gegenständlichen Zeichnung selbst. Wer eine Zeichnung herstellt, mag zwar einen von Menschen interpretierbaren Verweis intendieren, aber er konstruiert einen materiellen Gegenstand, also beispielsweise eine pixelmässig geordnete Graphitkonstruktion, die ich als Artefakt auffassen kann, ohne mich dafür zu interessieren, was die Zeichnung für wen bedeuten oder was sie zeigen soll. Die Zeichnung dient dazu, Licht in einem wohldefinierten Muster zu brechen, so dass entsprechende Signale zum Auge des Betrachters fliessen.


Flache Wahrnehmung

Vorerst geht es mir hier darum, weshalb ich die Striche einer Zeichnung naturwüchsig nicht als materielle Körper - wie etwa eine flache Mauer - wahrnehme, obwohl Zeichnungen wie Skulpturen körperliche Gegenstände sind. Es gibt einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen Zeichnungen und Skulpturen. Wenn ich einen Gegenstand wie beispielsweise eine Pfeife wahrnehme, nehme ich nicht nur nicht das gebrochene Licht war, das in meine Augen fällt, ich nehme auch keine irgendwie strukturierte Materie wahr, an welcher sich das Licht bricht. Ich nehme den Gegenstand in seiner Gegenstandsbedeutung, im Beispiel die Pfeife, wahr.[15]

Dass dabei Lichtwellen an Materie gebrochen reflektiert werden und auf der Retina des menschlichen Auges Nerven reizen, ist eine physikalische Abstraktion, die ich nicht wahrnehme, wenn ich etwas anschaue. Ich verwende diese Beschreibung, die eine Sicht von aussen darstellt, als Erklärung des erlebten Phänomens, dass ich Striche und mithin Zeichnungen sehen kann - wenn genug Licht vorhanden ist und die Striche eine andere Farbe als ihr Trägermaterial haben. Ich sehe die Striche aber unabhängig davon, wie ich mir die Sache erkläre. Hier muss ich vielmehr auch erklären, weshalb ich die Striche nicht als körperliche Striche sehe.

bildDie Zeichnung einer Pfeife ist ein hergestellter materieller Gegenstand, aber natürlich keine Pfeife. Ich kann die gezeichnete Pfeife - wie R. Magritte mehrmals erklärt hat - nicht zum Rauchen verwenden. Der semiotische Witz von R. Magritte beruht vordergründig darauf, dass man angesichts des Bildes ohne weiteres sagen könnte, es sei eine Pfeife. Anders als R. Magritte ironisch unterstellt, sehe ich aber natürlich eine Zeichnung, nicht eine Pfeife, wenn ich eine Zeichnung von einer Pfeife sehe.[16]

Ich nehme die Gegenstandsbedeutung der Zeichnung wahr. Die Gegenstandsbedeutung verweist nicht wie die sogenannte Symbolbedeutung auf ein Referenzobjekt eines Symbols. Sie verweist nicht, sie ist die Bedeutung, die ich wahrnehme. Die Gegenstandsbedeutung der Zeichnung betrifft aber nicht nur die Zeichnungt als solche, sie beinhaltet auch, dass die Zeichnung von Menschen hergestellt wurde, dass sie zum Anschauen gemacht wurde, und insbesondere auch, wie sie wahrgenommen werden sollte. All dies und viel mehr bildet ein Gesamtcharakteristikum der Zeichnung als Gegenstand. Dinge nehme ich nicht nur als Bedeutungseinheiten, sondern im Zusammenhang mit Bedeutungsstrukturen wahr, die gleichermassen gegenständlich gegeben sind. Ich sehe, dass die Zeichnung nicht aus einer Schreibmaschine kommt, ich sehe gleichzeitig die Beziehung der Zeichnung zu einem Bilderrahmen oder einem Ausmalbuch. Die wahrnehmbaren Bedeutungsbezüge zwischen den Gegenständen sind unerschöpflich.

Gegenstandsbedeutungen stelle ich mir nicht vor, ich nehme sie im eigentlichen Sinne wahr. Die Gegenstandsbedeutung ist nicht etwas, was ich zu den figural-qualitativen Merkmalen eines Gegenstandes hinzudenke oder hinzudeute. Vielmehr beruhen die figural-qualitativen Merkmale eines Gegenstandes auf einer einer Abstraktion von der Gegenstandsbedeutung. Dass eine gegebene Zeichnung beispielsweise aus Graphit besteht, macht sie nicht zur Zeichnung. Das Erkennen der Graphitstruktur beruht auf einer Abstraktion, die ich normalerweise gerade nicht vollziehe wird, wenn ich eine Zeichnung anschaue.[17]

Zur Gegenstandsbedeutung der Zeichnung gehört, dass sie aus dreidimensionalen Strichen besteht, die einer Ablenkung von Lichtstrahlen dienen. Natürlich fallen nicht die Striche und auch nicht deren Oberfläche in meine Augen, sondern das durch sie strukturierte Licht trifft meine Retina, die auch ein dreidimensionales Gebilde ist.[18] Wenn ich eine Zeichnung anschaue, interessiert mich, was ich sehe, also der Umriss des gezeichneten Dinges. Die Striche würden diese Funktion auch erfüllen, wenn sie flächig oder zweidimensional wären. Es spielt in diesem Sinne keine Rolle, dass sie dreidimensional sind. Es genügt zwei Dimensionen zu beachten. Ich betrachte sozusagen ihren Grundriss. Ich erkenne sie als Darstellung von Rissen, die im Falle von Abbildungen Umrisse der gezeichneten Dinge sind.

Ich erspare mir das genaue Hinschauen, weil ich vor den Strichen die Zeichnung als Zeichnung wahrnehme, und dabei aufgrund der Gegenstandsbedeutung erkenne, dass ich nur den Verlauf und die Breite der Striche beachten muss. Ich verzichte auf eine höhere Auflösung, weil ich dabei nichts gewinnen würde. Wenn ich eine Zeichnung unter ein Mikroskop lege, sehe ich die Striche. Dann schaue ich aber nicht die Zeichnung an, sondern interessiere mich für die Striche. Ich werde später nochmals darauf zurückkommen, wenn ich Zeichnungen und Gemälde unterscheide. Hier will ich nur darauf hinweisen, dass das dreidimensionale Wahrnehmen eine sehr aufwendige Sache ist, die ich mir eben in bestimmten Fällen ersparen kann. Die Inversion dazu besteht darin, dass ich auf beim Betrachten der flachen Oberfläche einer Fotografie dreidimensionale Dinge wahrnehmen kann.


Anschauwerk

Bei hergestellten Gegenständen unterscheide ich Anschauwerke von anderen Gegenständen. Als Anschauwerk bezeichne ich eine Teilmenge jener hergestellten Gegenstände, die dafür hergestellt werden, angeschaut zu werden, und mithin diese Gegenstandsbedeutung haben.[19] Einen Hammer oder eine Schale kann ich auch anschauen, aber ich stelle beides nicht wie beispielsweise Zeichnungen zum Anschauen her. bildZeichnungen können verschiedene Funktionen erfüllen, aber sie müssen jenseits dieser Funktionen angeschaut werden. Viele Zeichnungen dienen - was auch meiner Wortwahl "Anschauwerk" zugrunde liegt - als Kunstwerke. Kunst bedeutet in diesem Kontext vor allem auch, dass Anschauwerke nicht eine festgeschrieben Funktion erfüllen. Zeichnungen müssen nicht auf etwas Bestimmtes verweisen und nichts abbilden, was jenseits der Zeichnung existiert. Sie haben ihren Sinn jenseits davon, was sie zeigen, im Angeschautwerden.

Als eigentliche oder entwickelte Anschauwerke bezeichne ich Gegenstände, die im Unterschied zu eingeritzten Markierungen einen je eigenständigen Körper haben und nicht nur Veränderungen beispielsweise an Baumstämmen sind. Natürlich sind auch Uhren Anschauwerke. Ich befasse mich hier nicht mit allen Anschauwerken, sondern vor allem mit Zeichnungen und Bildern.


Bild

bildUmgangssprachlich verwende ich das Wort Zeichnung hauptsächlich für Bilder, die typischerweise ein Bleistiftzeichnung zeigen. Bleistift und Papier bilden sozusagen den idealtypischen Normalfall, ich kann sie aber durch allerlei andere - hinreichend verwandte - Werkzeuge und Materialien ersetzen, mit welchen ich auch Striche produzieren kann. Aber die Zeichnung im hier gemeinten Sinn ist kein Bild. Ein Bild besteht nicht aus Strichen.

Als Bild bezeichne ich einen hergestellten Gegenstand, der aus einem Bildträger und beispielsweise einer Zeichnung aus Graphit auf dem Bildträger besteht. Beim Herstellen eines Bildes verwende ich farbiges Material, das ich auf einen Farbträger, etwa ein Stück Papier oder eine Leinwand auftrage. Ich will hier davon absehen, dass ich als Farbträger auch naturwüchsige Dinge verwenden kann. Eigentliche Bilder haben oft einen Rahmen und hängen an einer Wand. Ich kann sie wie alle Artefakte bewegen und transportieren. Wenn ich ein Bild bewege, bewege ich den Träger der Farbe.

bildWenn ich mit einem Messer etwas in einen Baumstamm ritze, trage ich kein Material auf, sondern verwende den Baum anstelle eines Materials und als Träger. Dabei "zeichne" ich, ohne ein Bild herzustellen. Ich bezeichne solches Zeichnen als Keimform, also als noch nicht entwickeltes Zeichnen. Wenn ich eine Wand bemale, wie das bei Höhlenmalerei und Fresken der Fall ist, stelle ich auch kein Bild her. Ich könnte eine Wandmalerei transportieren, indem ich die Wand oder ein Stück davon transportiere. Dabei würde ich - quasi sekundär - die Wand zum Träger eines Bildes machen, da sie ja nicht dafür hergestellt wurde. Und mangels eines Papierblattes könnte ich auch auf ein Laubblatt malen. Zeichnen und Malen kann ich also auch ohne ein Bild herzustellen - ich kann es nur nicht so wie der gemalte Maler von R. Magritte tun. R. Magritte bezeichnete das Herstellen eines Gemäldes ohne Bildträger als Versuch des Unmöglichen.[20]

bildEin Bild hat einen Rand, der durch den Bildträger gegeben ist. Die Zeichnung hat im Unterschied zu einem Bild keinen Rand. Wenn ich einen Hund in einer Ecke eines Papiers zeichne, bleibt offen, welche Fläche des Bildträgers zur Zeichnung gehört. Natürlich kann eine Zeichnung auf einem Papier nicht grösser als das Papier sein, aber ich kann auf einem Papier mehrere Zeichnungen machen.


Zeichnung

Als Zeichnung bezeichne ich einen zum Anschauen hergestellten Gegenstand, der aus materiellen Strichen besteht, die das Licht in den Augen des Betrachters steuern sollen. Damit ist sehr wenig darüber gesagt, wie ein Zeichnung aussieht, oder worauf ich achte, wenn ich eine Zeichnung herstelle. Diese Bestimmungen reichen bei Weitem nicht, sich eine Zeichnung vorstellen zu können. Ich habe mit dieser abstrakten Formulierung angefangen, weil mir die herstellende Tätigkeit wichtig ist. Ich gehe dabei einerseits davon aus, dass Leser dieses Text wissen, was eine Zeichnung ist, und ich habe andrerseits Zeichnungen in den Text eingefügt, um wenigstens am Beispiel zu zeigen, wovon die Rede ist.

Das Herstellen habe ich als Formen und Anordnen von Material bezeichnet. Bisher habe ich aber nur das Formen von Strichen beschrieben und deren Anordnung beseite gelassen, obwohl natürlich dieses Anordnen der Striche gemeinhin als wesentlich für das Zeichnen aufgefasst wird. bildWenn ich eine Mauer aus Backsteinen herstelle, ordne ich diese Steine an. Wenn ich mit einem Bleistift einen Strich zeichne, mache ich in gewisser Hinsicht dasselbe, aber ich nehme dabei die Graphitelemente nicht als einzelne Teile wahr, weil mir Graphit als homogene Masse erscheint.[21]

Wenn ich etwas zeichne, hat der einzelne Strich im Normalfall eine komplizierte Form. Er hat einen Querschnitt, der grob die Form einer Pyramide hat und er hat einen Grundriss, der der Form des gezeichneten Gegenstandes entspricht. Ich werde später ausführlich auf dieses doppelte Anordnen zurückkommen, wenn ich mich mit den Umrissen befasse. Vorerst geht es mir immer noch um das Herstellen von Zeichnungen.

Ich begreife, was Zeichnungen sind, indem ich deren Geschichte auf eine bestimmte Art rekonstruiere. Die Geschichte einer einzelnen Zeichnung betrifft deren Herstellen. Dieses spezifische Herstellen, das Zeichnen hat auch eine Geschichte.[22]


 

Die Genesis des Zeichnens


 

Genese

Als Genese bezeichne ich eine logisch-genetische Rekonstruktion, in welcher ich die Entstehung des jeweilig zur Sprache gebrachten Gegenstandes, hier also des Zeichnens, nach entwicklungslogischen Gesichtspunkten darstelle.[23] Dabei geht es darum, die Geschichte des Gegenstandes so darzustellen, dass die Sache in einer bestimmten Weise begriffen wird, nicht darum, ob oder inwiefern sich die Sache historisch so entwickelt hat. Die Genese ist also eine etwas andere Geschichte als die Zeitachsen-Geschichten, die Historiker schreiben. Jeder historischen Geschichte des Zeichnens fehlt zwangsläufig der Anfang, weil niemand wissen kann, wann Menschen mit dem Zeichnen angefangen haben.

Auch in der Genese beschreibe ich die Entwicklung des Gegenstandes als eine Abfolge von Zuständen, die er im Verlauf seiner Entstehung durchlaufen hat. Die logisch‑genetische Rekonstruktion beruht auf dem Wissen über die aktuelle Entwicklungsstufe des Gegenstandes. Ich setze also voraus, was ich als Zeichnungen bezeichne, hier also dass ich beim Zeichnen materielle Striche herstelle und anordne. Die Kategorien, mit denen ich diesen Prozess nachzeichne, entstammen auch dem je aktuellen Wissen und sind daher Resultate, die ich retrospektiv als Voraussetzungen behandle. Die Genese des hier gemeinten Zeichnens endet mit dem Herstellen von Zeichnungen, die aus bestimmt geformten Strichen bestehen. Die methodische Aufgabe einer genetischen Darstellung besteht folglich darin, den logischen Ausgangspunkt der Entwicklung zu bestimmen. Die Rekonstruktion beginnt mit der einfachsten Form des Gegenstandes, die als Anfang dieser Entwicklung betrachtet werden kann.

Ich verwende den Begriff Genese nicht für eine irgendwie reale oder ontologische Entstehung des Gegenstandes, sondern für deren Darstellung. Die reale Entwicklung ist Gegenstand der Genese‑Darstellung. Die zu lösende Aufgabe ist von dieser Terminologie, bei welcher es um das Auseinanderhalten von Beschreibung und Beschriebenem geht, nicht betroffen. Sie besteht darin, jenen begrifflich einfachsten Anfang zu bestimmen, aus welchem die bekannte Endgestalt logisch-genetisch hervorgeht. Die Frage bleibt, womit ich die Rekonstruktion beginne.

Anders gesagt, ich gehe davon aus, dass niemand wissen kann, wann und wie die ersten Zeichnungen gemacht wurden. Ich weiss, was ich aktuell beim Zeichnen mache. Die Genese des Gegenstandes beruht mithin auf einer Inversion, in welcher ich die Entwicklung des Gegenstandes rückwärts, als eine Reihe von Entdifferenzierung betrachte. Evolution lässt sich nur rückwärts begreifen. Ich kann keinem Gegenstand ansehen, welche Entwicklungsschritte ihm folgen. Ich kann aber erkennen, woraus sich etwas entwickelt hat.[24]

Die Genese eines Gegenstandes beginnt, anders als dessen historische Geschichte, nicht mit seinem zeitlich ersten Auftreten. Sie besteht vielmehr aus zwei verschiedenen Geschichten, die dort logisch-genetisch zusammentrreffen, ohne dass damit ein bestimmter Zeitpunkt bezeichnet wäre. Wenn ich beispielsweise von der Genese des Menschen spreche, unterscheide ich in diesem Sinne eine naturhistorische Entwicklung innerhalb des Tierreiches, die mit dem Auftreten des Menschen abgeschlossen ist, und eine sozialhistorisch Entwicklung des Menschen, die mit dem Auftreten des Menschen beginnt und in welcher sich nicht mehr der Mensch, sondern dessen Lebensverhältnisse als Kultur entwickeln. Menschen kann ich beispielsweise - wenn mir das gefällt - als toolmaking animals sehen. Dann beobachte ich im Tierreich eine Entwicklung hin zur Verwendung von Objekten, welche am Schluss den Menschen als Herstellenden hervorbringt, und eine zweite Entwicklung, in welcher sich die Menschen dadurch entwickeln, dass sie ihre Werkzeuge entwickeln. In der ersten Hälfte dieser Geschichte kommt der Mensch gar nicht, respektive nur als Endpunkt vor, obwohl - oder weil - es um die Geschichte des Menschen geht.

Die vorliegende Genese des Zeichnes beinhaltet also eine Geschichte darüber, wie das Zeichnen entstanden ist, und eine Geschichte darüber, wie sich das Zeichnen danach entwickelt hat. Im ersten Teil der Geschichte kommt das Zeichnen nicht vor, dagegen Tätigkeiten, die ich als Keimformen des Zeichnens erkenne, weil sie wie das Zeichnen das Anlegen von Spuren zum Anschauen bezwecken und dabei Werkzeuge verwenden. Die einfachste Form der Werkzeuge, die ich hier in Betracht ziehe, ist ein bearbeiteter Gegenstand, beispielsweise ein geschärfter Stein, wie er typischerweise als Artefakt gefunden wird. Oft lässt sich nicht entscheiden, ob ein solcher Stein ein Artefakt ist oder ob er seine Form naturwüchsig erhalten hat. Auch wenn leicht erkennbar ist, dass der Gegenstand bearbeitet wurde, ist bei Artefakten oft unklar, wozu sie benutzt wurden.[25]

Zeichnen begreife ich als eine Tätigkeit, die ich - neben dem Schreiben, für das das gleiche gilt - wie kaum eine andere Tätigkeit sonst auf den verschiedenen Stufen ihrer technologischen Entwicklung selbst ausübe und deshalb in einem spezifischen Sinn erkenne.[26] Als herstellende Tätigigkeit entwickelt sich das Zeichnen vor allem auch durch die Entwicklung der dabei verwendeteten Werkzeuge. Die einfachsten oder ursprünglichsten Werkzeuge, die ich beim Zeichnen verwenden kann, muss ich nicht rekonstruieren, weil ich sie auch aktuell, als rezente Exemplare einer Evolution immer noch verwende. Ich benutze auch heute noch hin und wieder Kreide zum Zeichnen, obwohl ich auch Zeichnungen mit Computerprogrammen im Internet herstelle. Ich kann sogar ohne Werkzeug mit meinem Finger im Sand zeichnen, wobei ich unter dem Gesichtspunkt von Werkzeugen den Finger natürlich nur als Ersatz für ein fehlendes Werkzeug, in diesem Fall etwa den Stichel oder den Griffel sehe.[27]


 

Markierung

Ich beginne die Genese des Zeichnens mit einer Markierung, die ich als absichtlich angelegte Spur auffasse, für deren Hervorbringen ich ein Werkzeug verwende, weil ich das Zeichnen schliesslich genau in diesem Sinn begreife. Ich betrachte hier einen beliebig gewählten, aber anschaulichen Fall, in welchem ich einen geschärften Stein verwende, um einen Felsen oder einen Baumstamm durch das Einritzen einer Kerbe markiere. Natürlich hat auch dieses Markieren einen Kontext.

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Spuren hinterlasse ich nämlich auch ohne Absicht, etwa wenn ich im Schnee oder im Sand gehe. Ich kann Spuren erkennen und einer Verursachung zuordnen. Meine Spuren sehen anders aus als jene eines Hasen oder eines Vogels. Auch anderes als jene eines Schlittens oder eines Autos. Ich kann einer Spur folgen und ich kann meine eigene Spur erkennen und sie zurückverfolgen. Die nicht beabsichtigte Spur verwende ich als Anzeichen, sie ist kein Zeichen, da ich keine Absicht, geschweige denn eine Herstellerintention erkennen kann. Dabei wiederholt sich die Ungewissheit, die ich bei potentiellen Artefakten habe. Ich muss entscheiden, ob ich ein Anzeichen oder ein Zeichen sehe, wenn ich die Spur nicht selbst gelegt habe. Rauch nehme ich als Anzeichen für Feuer, aber als Zeichen jenseits vom notwendigen Feuer, wenn ich Rauchzeichen beobachte. Dann beobachte ich natürlich nicht den Rauch, sondern dessen Struktur, in welcher ich eine Absicht erkenne, wenn ich die Struktur keiner natürlichen oder zufälligen Ursache zurechnen kann. Anzeichen kann ich verursachen, aber ich mache sie nicht.

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Markierungen kann ich auf sehr viele verschiedene Arten machen. Ich erwähne hier ein paar exemplarische Varianten, die sich im Hinblick auf die hier verfolgte Entwicklung gleichen, obwohl sie sehr verschieden sind. Spuren, die ich absichtlich anlege, dienen als einfache Markierungen. Als eigentliche Markierung bezeichne ich aber eine geformte Spur, die nicht ein bloßer Abdruck ist, der gar nicht zeigt, ob er bewusst hervorgebracht wurde. Eine Kerbe, die ich als eingeritzt erkenne, markiert eine Intention.[28]

Ich betrachte hier zunächst Markierungen, die ich für mich anbringe, die also von anderen Menschen nicht als solche erkannt werden müssen, geschweige denn sinnvoll gedeutet werden sollen.[29] Eine Markierung, die ich für mich anbringe, dient mir als externes Gedächtnis, wobei ich auch bei den einfachsten Markierungen mein eigenes Gedächtnis brauche, um zu wissen, wofür sie stehen. Ich habe keine Ahnung, wie mein Gedächtnis funktioniert. Von einem externen Gedächtnis spreche ich, weil mich eine Markierung an etwas erinnern soll. Ich kann bei einer Wegverzweigung einen Stein hinlegen oder einen Ast abbrechen, um beim nächsten Mal zu sehen, welchen Weg ich gegangen bin. Die Kerbe in einem Baumstamm erfüllt dieselbe Funktion, ist aber deutlicher und nachhaltiger.

Eine Markierung, die ich für mich anbringe, setzt weder eine Vereinbarung mit anderen Menschen noch eine Sprache voraus. Sie dient keiner zwischenmenschlichen Kommunikation und ist mithin logisch-genetisch älter als diese, weil sie schon Sinn macht, bevor sie für andere ein Zeichen darstellt. Schreiben ist in diesem Sinn logisch älter als sprechen. Ich rekonstruiere hier mögliche Entwicklungen der Markierung, in welchen ich eine Keimform der Schrift erkenne. Zunächst einer Protoschrift, die nur lesen kann, wer die Markierungen für sich verwendet. Ich verwende Beispiele, die leicht nachvoziehbar sind und in diesem Sinn möglichst wenig veraussetzen. Ich setzte in der Genese aber natürlich voraus, dass die ersten hier gemeinten Markierungen von Menschen gemacht werden, die wissen, was sie damit wozu tun.

Ich unterscheide eine naturhistorische Entwicklung, in welcher auch Tiere Spuren "lesen", und eine Entwicklung, die im Tier-Mensch-Übergangsfeld zum absichtlichen Spuren legen invertiert, was etwas anderes ist, als nur Spuren zu hinterlassen. Wenn ein Tier sein Revier markiert, kann ich darin zwar ein instinktives Verhalten erkennen, aber dieses "Markieren" - das Wort ist ein Homonym - ist hier nicht gemeint. Das Markieren von Tieren braucht keine Vereinbarung darüber, was es bedeutet, obwohl es an andere Tiere gerichtet ist.[30]

Die Gestaltung der Markierung

Ich unterscheide zwei Verwendungen von Markierungen. Zum einen kann ich eine Kerbe an einem Ort anbringen, den ich wieder erkennen will, beispielsweise an einen Baumstamm, der an diesem Ort steht. Ich kann Kerben aber auch auf einem Gegenstand anbringen, wo sie mich an anderes, nicht ortsgebundenes erinnern. Es soll Jäger geben, die für jedes erlegte Tier eine Kerbe in ihren Bogen schnitzen. Der Bogen ist aber natürlich nicht dafür gemacht, Kerben zu tragen. Bewegliche Markierungsträger, die als solche hergestellt sind, werden auf späteren Entwicklungsstufen immer wichtiger. Erste Beispiele sind leicht ritzbare Tonplatten.

Eigentliche Markierungen sind gestaltet. Logisch-genetisch sind einfache Kerben die einfachste, praktisch formlose Form von Markierungen. Ich werde später darauf zurückkommen, hier geht es vorerst nur darum, dass ich zwei Kerben als eine Markierung auffassen kann, so dass ich verschiedene Markierungen unterscheiden kann, obwohl sie nur aus einfachen Kerben bestehen, die ich nicht unterscheiden muss. Ich kann beispielsweise vier Kerben als ein Zeichen für vier oder für vier Dinge lesen.[31]

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Ich kann verschiedene Markierungen verwenden, die mich an verschiedene Sachen erinnern sollen. Ich kann beispielsweise etwas mit einer Kerbe bezeichnen und etwas anderes mit zwei Kerben. Ich kann die Kerben verschieden gestalten und verschieden anordnen. Ich kann Kerben kreuzen und mit anderen Kerben kombinieren. Darin erkenne ich eine bereits etwas entwickeltere Keimform der Schrift, die zunächst auch als ikonische Bildschrift in Form von Hieroglyphen erscheinen kann. Solche Markierungen können dann beispielsweise auf Werkzeugen, gewollt oder nicht, auch als Verzierungen gesehen werden. Sie sind dann eben nicht nur Kerben, sondern gestaltete, und vielleicht auch schöne Kerben.

Einen für die Genese des Zeichnens entscheidenden Entwicklungsschritt sehe ich darin, dass Kerben, wie zuvor die Spur, geformt und angeordnet wurden. Die Gestalt der Kerbe ist dabei wichtig geworden.[32] Ich unterscheide an dieser Stelle der Genese zwei verschiedene Formgebungen, die ich als Zeichen und als Zeichnung unterscheide.

Wenn die Kerbe einer Linie folgt, die ich als Umriss eines Dinges erkenne, spreche ich von einer Proto-Zeichnung, weil ich eigentliche Zeichnungen aus Material herstelle. Die Form der Kerbe zeigt dann in einer bestimmten Hinsicht, wofür die Kerbe steht. Eine Kerbe, die den Umriss eines Tieres zeigt, ist eine Darstellung. Das heisst, ich muss mir nicht merken, woran mich diese Markierung erinnern soll, weil ich es sehen kann. Hier spielt zunächst keine Rolle, dass andere das auch sehen können. Es geht immer noch um Markierungen, die ich für mich mache.

Ich lasse hier vorerst ausser Acht, dass eine Zeichnung auch als Zeichen verwendet werden kann. Der Umriss eines Mannes auf einer Toilettentüre ist ein Beispiel dafür.

Die Unterscheidung zwischen Zeichen und Zeichnung wird später durch die sogenannte Bildschrift aufgehoben. Umgangssprachlich oder historisch wird von Bilderschriften gesprochen, wenn - wie das exemplarisch bei sogenannten Hieroglyphen der Fall ist - mehrere Markierungen, die als reduzierte Bilder aufgefasst werden, textartig angeordnet sind. Hieroglyphen sind aber keine Bilder, ich kann darin allenfalls sehr abstrakte Abbildungen erkennen.[33] Wenn sie als Schriftzeichen verwendet werden, sind sie Zeichen. Hier interessieren sie als Beispiel für Markierungen, die etwas zeigen und so einen genetischen Ursprung des Zeichnen bilden, weil sie Umrisse darstellen.

bildWenn ich Umrisse zeichne, kann ich leicht erkennen, wie gut ich die gezeichnete Sache treffe. Eine solche Kerbe wird dann relativ gut und relativ schön, weil sie mehr oder weniger gut passt. Eine gute, schöne Proto-Zeichnung ist als Markierung zu aufwendig. Ich mache sie aus anderen Gründen. Ich verziere beispielsweise damit meinen Lebensraum, so wie ich viel später in meinem Wohnzimmer Gemälde von P. Picasso aufhängen würde. Die historisch ersten, noch findbare "Bilder" sind wohl Hölenmalereien, die sich schlecht als Markierungen verstehen lassen, und deshalb als Kunst begriffen werden.

Zeichnungen bekommen im Laufe ihrer Entwicklung viel später einen praktischen Sinn, indem sie etwa als Konstruktionszeichnungen als Anweisungen dienen. Als Schriftzeichen sind Zeichnungen viel zu kompliziert.

Farbe, auftragen statt einritzen

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Die Kerbe, das Einritzen oder Gravieren ist die logisch einfachste Art nachhaltige Markierungen anzubringen. Die Kerbe, die ich in einen Baum oder einen Fels ritze, ist auch wenn sie einen Umriss zeigt, keine Zeichnung im hier gemeinten Sinn. Sie ist kein geformtes Material, sondern ein Negativ, wie ich es mit meinem Finger im Sand "zeichne". Dabei stelle ich keinen Gegenstand her. Ich kann in solchen Vertiefungen Gussformen erkennen, die ich mir mit herausnehmbaren Material gefüllt vorstellen kann. Wenn ich ein Negativ "zeichne", "zeichne" sozusagen die Form der Form, die ich beim Zeichnen mit farbigem Material herstellen würde.[34] Die geritzte Kerbe hat selbst kein Material.

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Die einfachste Markierung, bei welcher ich etwas aus Material herstelle, beruht auf dem Auftragen von Farbe, was etwa in einem Blutfleck auch unbeabsichtigte Spuren als Keimformen hat. In meiner aktuellen Umwelt wimmelt es von solchen Markierungen auf und neben den Strassen und Wanderwegen. Diese Markierungen sind auch weitgehend symbolisch, viele sind aber in dem Sinne ikonisch, dass ich ihren Sinne erkennen oder wenigstes erahnen kann. Die weissen Striche in der Mitte der Strasse zeigen, wo ich fahren muss, und der sogenannte Fussgängerstreifen erinnert mich an eine Leiter oder an eine Brücke zum Überqueren der Strasse.

Als Malen bezeichne ich das Auftragen von Farbe auf einen Farbträger. Ich unterscheide das Malen von Gemälden und das Streichen von Gebrauchsgegenständen. Im ersten Fall geht es um eine Anschauungsobjekt, im zweiten Fall darum, ein Objekt von seiner Umgebung abzuheben oder es von äusseren Einflüssen zu schützen. Hier interessiert nur der erste Fall, der umgangsprachlich gerne mit zeichnen verwechselt wird. Wenn ich einen Gegenstand anmale, will ich den Gegenstand sichtbar machen, nicht etwas auf dem Gegenstand. Ich stelle dabei keinen Gegenstand her, sondern führe eine Teiltätigkeit beim Herstellen eines Gegenstandes aus. Ein Gemälde ensteht durch das Aufbringen von feuchten Farben mittels Pinsel, Spachtel oder anderer Werkzeuge auf einen Malgrund. Diese Techniken werden unter dem Begriff Maltechniken zusammengefasst. Nicht zu den Maltechniken gerechnet werden in der Regel Drucktechniken, auch wenn dabei mit feuchter Farbe gearbeitet wird. Und natürlich auch nicht die Technik, die ich beim Streichen verwende, auch wenn sich die Techniken weitgehen überlagern, wie etwa das Sprayen von Graffitis zeigt.

Der Gegenstand, den ich beim Zeichnen in Form von Strichen herstelle, verlangt ein Material, das hinreichend fest ist oder sich schnell genug verfestigt. Ich kann Kreide oder Graphit verwenden, ich kann aber auch mit Tinte Striche herstellen. In all diesen Fällen brauche ich einen Zeichnungsträger. Der Zeichnungsträger lässt entwicklungslogisch zurückblickend erkennen, dass ich Kerben auch nicht in der Luft anbringen kann. Die Kerbe besteht nicht aus einem Material, sie beruht auf einer Verformung von stofflichen Körpern, bei welcher ich etwas entferne, nicht etwas hinzufüge..

Auch bei Kerben kann ich mobile Stoffkörper verwenden, wie das etwa exemplarisch beim Stein von Rosette der Fall ist, aber dann auch bei den Wachstafeln, die zum Schreiben verwendet wurden. Die Lochkarten und die magnetisierten Datendisk zeigen, dass diese Art der Markierung auch in moderner Zeit noch Anwendung findet. Und zeichen kann ich, wie die Höhlenmalerei zeigt, auch auch unbeweglichen Grundlagen. Hier interessiert mich aber, dass die Träger von Zeichnungen separat hergestellte Gegenstände sein können. Mit einem Bleistift zeichne ich hauptsächlich auf einem Stück Papier. Die hergestellten Zeichnungsträger durchlaufen eine eigene technologische Entwicklung, mit welcher ich mich hier nicht näher befasse. Ich werden später darauf zurückkommen, wenn ich das Zeichnen mit Computern behandle.

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Das Markieren hat im Auftragen von Farbe neben dem Ritzen seine einfachste Form. Wenn ich beispielsweise weisse Steine auf dunklem Grund als Markierung verwende, trage ich in dieser Hinsicht eine Farbe auf. Deutlicher wird das beim Mosaik, wo die Farbe der Steine eine wichtige Rolle spielt. Hier ist wichtiger, dass das Auftragen von Farbe das Gestalten der Markierungen vereinfacht und so die Entwicklung des Zeichnens von erkennbaren Umrissen unterstützt oder begünstigt. Natürlich lassen sich auch die Zeichen besser und einfacher gestalten und differenzieren, wenn sie mit Farbe aufgetragen werden.

Im einfachsten Fall trage ich farbiges Material mit meinen Fingern auf. Das kann zunächst wie das Legen von Spuren ohne Absicht erfolgen. Ein Beispiel dafür, auf das ich anhand von Kinderzeichnungen zurückkommen werde, ist das Spielen mit farbigem Brei beim Essen. Ich kann aber auch entdecken, dass ich mit kreide- oder kohlenartigen Materialien Striche hinterlasse, die ich so gar nicht intendiert habe.

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Für das Auftragen von Farbe kann ich Werkzeuge verwenden. Jede herstellende Tätigkeit wird durch Werkzeuggebrauch aufgehoben. Werkzeuge kann ich auch verwenden, wenn ich keine Gegenstände herstelle, etwa beim Ritzen von Kerben. Natürlich müssen diese Werkzeuge zu handen sein, also ihrerseits entdeckt oder hergestellt worden sein. Die Feder wurde wohl urspünglich auf beiden Seiten zum Auftragen von Farbe benutzt. Ich werde die Entwicklung der Zeichnenwerkzeug später behandeln. Vorerst geht es nur darum, den genetischen Anfang des Zeichnens zu beschreiben.

Der Griffel, der zum Einritzen verwendet wird, ist ein Werkzeug. Die zugespitzte Kreide sieht einem Griffel ähnlich, sie ist aber das Material, das ich beim Zeichnen verwende. In dieser Kreide ist die Unterscheidung zwischen Material und Werkzeug noch aufgehoben. Das Material ist in eine zweckmässige Form gebracht, die in gewisser Hinsicht einem Werkzeug gleicht und dieses vorwegnimmt. Ein Bleistift ist ein Werkzeug, das das Material, das zum Zeichnen verwendet wird, als Mine enthält. Die Kreide wird ihrerseits zu einer Mine, wenn sie in Papier eingekleidet wird. Sie entspricht dann einem Bleistift mit sehr dicker Mine und sehr wenig Holz.

Der Federkiel nimmt den Bleistift vorweg. Er dient als Werkzeug, das das aufzutragende Material wie eine Mine, die laufend ergänzt wird, enthält. Bevor ich den Federkiel verwende, ist er aber leer. Das Material, beispielsweise Tinte, muss ich zusätzlich zum Werkzeug und zum Papier herbeischaffen. Ich nehme aber die Tinte in das Werkzeug, bevor ich sie verwende. Im Bleistift ist diese Trennung aufgehoben.[35]

An dieser Stelle der Genese habe ich das Zeichnen und das Malen noch nicht unterschieden. In beiden Fällen geht es darum Farbe aufzutragen, wobei es auch keine Rolle spielt, ob ich einen Bleistift, eine Feder oder einen Pinsel verwende. Den Ausdruck Farbe verwende ich sowohl für das Material als auch für die Farbe des Materials. Der gezeichnete Strich erfüllt die ihm zugedachte Funktion natürlich nur, wenn das Material ein andere Farbe als der Farbträger hat. Und wenn ich Farbe als Markierung auftrage, muss sie auch eine andere Farbe als ihr Hintergrund haben.

Zeichnen versus Malen

bildUmgangssprachlich wird ein Bild, das mit einem Pinsel hergestellt wird, als Gemälde bezeichnet, während Bilder, die mit einem Bleistift gemacht werden, als Zeichnungen gelten. Als Kriterium gilt dabei das verwendete Werkzeug, unabhängig davon, wie es verwendet wird.[36]

Zeichnen und malen sind aber unabhängig von den verwendeten Werkzeugen zwei sehr verschiedene Tätigkeiten. Das zeigt sich zunächst in einem Unterschied bei den hergestellten Produkten. Zeichnungen bestehen aus Strichen, die nur einen kleinen Teil der Fläche des Bildträger bedecken. Bei Gemälden dagegen wird normalerweise die ganze Fläche mit Farbe belegt. Ein Gemälde mag nie ganz fertig sein, aber es ist sicher nicht fertig, wenn noch unbemalte Leinwand zu sehen ist. Gemälde bestehen aus Farbflecken, die ich als Korpuskel bezeichne. bildDa die Farbkorpuskel materiell sind, sind wie Striche auch dreidimensionale Körper. Sie haben sie zwangsläufig eine Form, aber sie werden nicht geformt. Die Striche einer Zeichnung bestehen in einer bestimmten Hinsicht auch aus Farbkorpuskel, Striche sind aber auf Linien angeordnete Bauteile, die überdies monochrom sind, während die Farbkorpuskel, die ein Gemälde ausmachen, nach anderen Gesichtspunkten, mosaikartig angeordnet sind.

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Zeichnungen bestehen aus Strichen. Die Form des einzelnen Striches ist durch die Form des gezeichneten Gegenstand bestimmt. Ich zeichne die Form des Gegenstandes, indem ich die Striche forme. Jeder Strich hat eine bestimmte Form und in der Zeichnung einen bestimmten Ort. Die Striche bilden eine nicht homogene Menge von geformten Elementen, aus welchen die Zeichnung besteht. Die Zeichnung zeigt die Form des gezeichneten Gegenstandes dadurch, dass die Striche entsprechend analog angeordnet sind. Die Striche re-präsentieren im Sinne einer Wiederholung den Umriss des Gegenstandes.

Das Gemälde zeigt keine geformte Dinge, sondern eine Anordnung von Farbflecken, die in einem gewissen Sinn analog zur Farbverteilung auf der Retina meiner Augen ist. Ich muss merken, welche Farbflecken zusammen gehören, um in einem Gemälde verschiedene Ding unterscheiden zu können.

Zeichnen im hier gemeinten engeren Sinn kann ich nur, was eine Form hat. Ich werde diese Bestimmung später etwas relativieren. Hier geht es darum, dass ich Dinge in meinem Gesichtsfeld isolieren muss, bevor ich sie zeichne. Beim Malen muss ich auch keine Dinge unterscheiden. Ich fülle ein gedankliches Raster mit Farbflecken. "Gedanklich" bezieht sich dabei - wie die Form der Form - auf eine Technik des Vor-Stellens, nicht auf Bewusstsein.

Beim Herstellen eines Bildes kann ich die Rasterfelder - wie die Biene die Zellen ihrer Waben - mit Farbmaterial füllen. bildBei einem Mosaik werden die Farbkörper, also die einzelnen Mosaik-Steinchen auf einem Träger aufgeklebt und durch schmale Fugen getrennt. Die Fugen bilden nachdem sie gefüllt sind, einen Raster, die Mosaiksteinchen bilden das Füllmaterial. Das Mosaik repräsentiert ein Bild, das wie die Bilder im Pointillismus aus einzelnen Bausteinen hergestellt wird, die als Bildpunkte fungieren. Bei Mosaik ist das Raster gut sichtbar, weil es materiell vorhanden ist, auf den Gemälden des Pointillismus ist es erkennbar und bei vielen gedruckten Bilder, kann ich es mit einem Vergrösserungsglas sehen.

Wenn ich ein Bild von Hand herstelle, kann ich einen Raster verwenden, um Bildpunkte genau zu lokalisieren. In einem gewissen Sinn übertrage ich damit einen Aspekte der Technik der Digitalkamera, indem ich die Rasterpunkte, auch deren Grösse und Abstände vorab festlege. Diese Verfahren verwende ich vor allem, wenn ich etwas fotorealistisch abbilden will. bildL. Alberti hat 1435 in seinem Traktat über Malerei das Fadengitter als notwendige Voraussetzung für korrekte Abbildungen beschrieben und A. Dürer, der sich sehr für die Werkzeuge interessierte, mit welchen Bildern gemacht werden, hat es bekannt gemacht.

Das Fadengitter wird auch als Reproduktionsinstrument verwendet, wo beispielsweise bereits vorhandene Gemälde vergrössert auf die Wand einer Kapelle übertragen werden. Hier interessiert das Fadengitter als Beobachtungsinstrument beim Herstellen eines Gemäldes, das abbilden soll. Ich muss dabei im Unterschied zum Zeichnen nicht erkennen, was ich abbilde.

Ich will hier die Differenz nochmals hervorheben. Ein Gemälde isoliert keine Dinge. Ich muss beim Betrachten eines Gemäldes die Dinge selbst erkennen und unterscheiden, was ich anhand nur des Gemäldes nicht tun könnte. bildDas Gemälde erscheint wie mein Gesichtsfeld insgesamt als Anhäufung verschiedener Farbflecken, die keine ausgezeichneten Gegenstände repräsentieren. Als Betrachter kann ich einen Baum oder eine Fahnenstange erkennen, aber das gibt das Gemälde nicht her. Das Bild sagt nicht welche Bildpunkte ich zusammen von anderen abgrenzen muss. Wenn ich MonaLisa anschaue, muss ich erkennen, wo die Person ihre äussere Grenze hat. Wenn ich MickyMaus anschaue, ist diese Grenze durch Striche markiert.

Die Zeichnung eines Dinges re-präsentiert das Ding durch eine Darstellung von dessen Form. Ich vergleiche dabei die Formen von zwei sehr verschiedenen Sachen. Ich vergleiche beispielsweise die Form einer Graphitstruktur mit der Form des damit gezeichneten Gegenstandes, also beispielsweise mit der Form einer Pfeife oder einer Uhr. Dazu muss ich natürlich den Gegenstand mindestens vor meinem geistigen Auge haben. Ich muss - im Prinzip - wissen, wie eine Pfeife aussieht, dass ich sie in einer Zeichnung erkennen kann. Wenn ich eine Zeichnung von einem DIng seh, das ich nicht kenne oder noch nie gesehen habe, erschliesse ich mir die Form dieses Dinges anhand der Zeichnung, aber auch dann erkenne ich die Formen von verschiedenen Dingen. Auf einer entsprechenden Zeichnung kann ich sehen, wie das Einhorn aussieht, das gezeichnet wurde.

Meine Umwelt besteht nicht aus Dingen, sie enthält Dinge. Ich sehe in meiner Umwelt einen Hammer oder einen Baum genauso, wie ich diese Dinge auch auf einem Gemälde erkennen kann. Im beiden Fällen reagiere ich auf Licht in meinen Augen, das ich mir als eine Verteilung von Farbflecken vorstelle. Ich halte dabei Dinge und deren relativen Hintergründe auseinander. Das Licht in meinen Augen zeigt - wie das Gemälde - nichts davon.

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Beim Herstellen eines Gemäldes kann ich im Nachhinein Teile des Bildes durch eine Umrandung, die ich als Outline bezeichne, hervorheben. Das ist eine Art Gegenteil des Vorzeichnens, bei welchem die gezeichneten Striche eigentlich unter der Farbe verschwinden sollten, und vom Ausmalen, bei welchem die Linien vorab gezeichnet werden. Die Outline re-präsentiert, was ich im Gemälde als Dinge unterscheide.


 

Die Entwicklung des Zeichnens

Ich begreife das Zeichnen nicht als Erfindung, sondern als eine sich autopoietisch entwickelnde Verhaltensweise, die im Tier-Mensch-Übergangsfeld allmählich zu einer herstellenden Tätigkeit wird, bei welcher Werkzeuge verwendet werden.[37] Wenn ich von einer Autopoiese spreche, bezeichne ich in gewisser Hinsicht einen spezifischen Moment einer dort geteilten Entwicklung. Wenn ich beispielsweise von der Entwicklung des Menschen spreche, unterscheide ich in diesem Sinne eine naturhistorische Entwicklung innerhalb des Tierreiches, die mit dem Auftreten des Menschen abgeschlossen ist, und eine sozialhistorisch Entwicklung des Menschen, die mit dem Auftreten des Menschen beginnt und in welcher sich nicht mehr der Mensch, sondern dessen Lebensverhältnisse als Kultur entwickeln. Wenn ich Menschen als werkzeug­herstellende Tiere sehe, beobachte ich eine Entwicklung im Tierreich hin zur Verwendung von Objekten, welche am Schluss den Menschen als Herstellenden hervorbringt, und eine zweite Entwicklung, in welcher sich die Menschen dadurch entwickeln, dass sie ihre Werkzeuge entwickeln.[38]

In der Autopoiese des Zeichnens unterscheide ich dessen quasi naturhistorische Entwicklung, die ich im Lesen von Spuren begründet sehe, und dessen sozialhistorische Entwicklung, die mit dem Herstellen von Markierungen beginnt. Wo Menschen im Tier-Mensch-Übergangsfeld bereits bewusst Spuren legten, etwa durch Hinlegen von gefundenen Gegenständen oder durch Knicken von Ästen entlang des Weges, sehe ich Keimformen der späteren Zeichen und Schriftzeichen, auch wenn solche Spuren noch sehr noch naturwüchsig und analog waren.

Die Evolution des Zeichnens verstehe ich in dem Sinne exemplarisch für die sozialhistorische Seite der menschliche Entwicklung, als ich das Zeichnen als Tätigkeit sehe, für welche auch immer umfassendere Werkzeuge entwickelt werden. In dieser Entwicklung wird das handwerkliche Zeichnen aufgehoben. Ich habe mich bisher mit dem Entstehen des Zeichnens befasst, jetzt schreibe ich über einige Aspekte der Entwicklung des Zeichnens.

bildIch habe bisher vor der elementarsten Form des hier gemeinten Zeichnens gesprochen, in welcher ich den Umrisse eines einzelnen Referenzobjektes zeichne. In vielen Fällen genügt ein Umriss, um das gemeinte Referenzobjekt zu identifizieren, weil ich ein mir bekanntes Referenzobjekt durch den jeweiligen Umriss hinreichend gut erkennen kann. Wer weiss, was ein Hund ist, wird ihn in meiner Zeichnung ohne weiteres erkennen, auch wenn kaum ein Hund genau so aussieht. Das mag wahrnehmungstheoretisch ungemein komplizierte Voraussetzungen haben, die aber im Erkennen des gezeichneten Objektes alle aufgehoben sind.

Im Prinzip zeichne ich Umrisse der jeweils refenzierten Objekte. Der Wortteil Riss hat quasietymologisch durch ritzen oder reissen die Bedeutung „Zeichnung“. Die Linie, die ich als Umriss bezeichne, gehört nicht zum Körper des Objektes, sie hat den Charakter einer geometrischen Figur. Als Umriss bezeichne ich die geschlossene Linie, die den jeweils von einem Standpunkt her gesehenen Rand eines betrachteten Körpers bildet. Die Linie besteht aus der Menge der Punkten, die zwischen dem Körper und seiner Um-Welt liegen. Wenn ich den Gegenstand zeichne, zeichne ich einen Strich, der dieser Linie folgt.

bildIn vielen Fällen stelle ich aber Zeichnungen mit mehreren Umrissen her. Solche Zeichnungen bestehen aus elementaren Umrisszeichnungen. Ich muss erkennen, dass mehrere - zusammengehörige - Dinge mit je einem eigenen Umriss eine Zeichnung bilden, ich muss die Einheit der Zeichnung erkennen, was wahrnehmungstheoretisch auch kompliziert sein mag, mir aber im Alltag nicht die geringsten Probleme bereitet.

=======Wenn ich zeichne, stelle ich eine Zeichnung her. Die Zeichnung hat im Unterschied zu einem Bild keinen Rand. bildWenn ich einen Hund in einer Ecke eines Papiers zeichne, bleibt offen, welche Fläche zur Zeichnung gehört. Das Wort Umriss beziehe ich auf den Zeichnungsgegenstand, nicht auf die Zeichnung. Natürlich kann eine Zeichnung auf einem Papier nicht grösser als das Papier sein, aber ich kann auf einem Papier mehrere Zeichnungen machen. =======

Bei Zeichnungen mit mehreren Umrissen unterscheide ich zwei Fälle.

Ich kann mehrere Dinge neben einander zeichnen, beispielsweise mehrere Häuser und eine Kirche. Dabei zeichne ich die Häuser, auch wenn ein Betrachter der Zeichnung ein Dorf sehen mag, weil er das Dorf als Einheit im Sinne eines Kollektivsingulars kennt. Ein Dorf hat keinen Umriss, es ist kein Ding.

Ich kann andrerseits innerhalb des Umrisses eines Hauses ein Fenster zeichnen. Dann ist das Fenster ein eigenes Ding, das ich auch unabhängig von einem Haus zeichnen kann, beispielsweise in einer Wand meines Wohnzimmers.

Beim Fenster kann ich überdies den Rahmen und das Glas als verschiedene Dinge unterscheiden, auch wenn ich das Glas im Fenster nicht zeichnen kann. Ich kann auf der Zeichnung eines Fensters gar nicht erkennen, ob das Glas vorhanden ist.

bildInnerhalb der verschachtelten Umrisse gibt es auch den speziellen Fall eines Lochs. Wenn ich beispielsweise eine Sechskantmutter zeichne, zeichne ich den Umriss des Gegenstandes in Form eines Sechseckes. Die Mutter hat aber ein Loch, also sozusagen einen zweiten, inneren Umriss, den ich hier Binnenumriss nenne, weil ich ja weiss, dass ich - in gewisser Hinsicht - einen Gegenstand mit einem Loch zeichne, so dass das Loch als Gegenstand erscheint.

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Abbildung


Sinnzeichnung


 
 
 

Literatur

Jenni, Oskar: "Wie Kinder die Welt abbilden - und was man daraus folgern kann"


 

Anmerkungen

1) Das Verfahren, das ich als Hyperkommunikation bezeichne, habe ich in den Texten Schrift-Sprache und Theorie der Theorie ausführlicher erläutert. Meine Webseite Hyperkommunikation ist eine umfassende Darstellung des Projektes. Dort gibt es mehrere Texte zur Hyperkommunikation.   (zurück)
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1a) Als Keimform bezeichne ich, was K. Holzkamp in der Grundlegung der Psychologie als Frühform bezeichnet hat. K. Holzkamp spricht auch von Vor-Form: "Wenn hier und im folgenden von »Vorformen« die Rede ist, so muß man sich vergegenwärtigen, daß den verschiedenen Erscheinungen ihr Charakter als »Vorform« nur rekonstruktiv, bei Kenntnis der jeweiligen (vorläufigen) »Endform«, zugesprochen werden kann. K. Marx spricht von einer Keim(form): "Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozess, und Franklin definiert daher den Menschen als "a toolmaking animal", ein Werkzeuge fabrizierendes Tier" (MEW 1867:194).   (zurück)
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2) Als Lebenswelt bezeichne ich - in einer Iversion der husserlschen Inversion - das, was durch die Kontrastfolie von Philosophie und Naturwissenschaft von der Welt sichtbar wird, weil es dort nicht behandelt, sondern vorausgesetzt wird. Als Lebenswelt bezeichne ich, was ich tätig - dia (in der oder durch die) Tätigkeit - erlebe und als Erfahrung noch vor jeder Erklärung zur Sprache bringe, wenn ich darüber spreche, was ich gemacht habe oder wo ich gewesen bin. Die Lebenswelt ist im Mesobereich zwischen Mirko- und Makrokosmos, zwischen Atom und Weltall, zwischen Geist (Bewusstsein) und Gesellschaft.
F. Heider hat in seiner Gestalttheorie seine Lebenswelt dadurch definiert, dass er verschiedene Spähren unterschieden hat. Als Mesospähre bezeichnet er die Welt der Gegenstände, die unserer Grössenordnung haben, in welcher Atome und Gestirne keine Rolle spielen. Zur Beschreibung der Mikro- und der Makrospähre verwenden wir sehr wenige - mathematisch-abstrakte - Begriffe, für die Beschreibung der Lebenswelt reichen uns Milionen von Wörtern nicht.
Auch Arbeit und Politik betrachte ich hier als wissenschaftliche Gegenstände der politischen Ökonomie, auch wenn die Wörter wie Universum und Bewusstsein in der Alltagssprache verwendet werden.    (zurück)
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3) "So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht." (im englischen Original und im Kontext: "They are casting their problems at society. And, you know, there's no such thing as society. There are individual men and women and there are families. And no government can do anything except through people, and people must look after themselves first. It is our duty to look after ourselves and then, also, to look after our neighbours." In: Interview mit Woman's Own vom 23. September 1987.)   (zurück)
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4) Ich unterscheide Wissenschaft und Ingenieurarbeit. Als Homo faber bezeichne ich den Menschen literarisch, um seine herstellende Tätigkeit hervorzuheben, in welcher das Zeichnen eine wichtige Rolle spielt.    (zurück)
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5) Ich kann mich auch gut an die beiden Fächer erinnern, in welchen ich in der Mittelschule zeichnen musste. Das Fach, das Zeichnen geheissen hat, war eine Art Kunstunterericht, und im anderen Fach, das Trigonometrie geheissen hat, zeichneten wir geometrische Figuren.   (zurück)
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6) E. Haeckel baute die Deszendenztheorie von C. Darwin zu einer speziellen Abstammungslehre aus, in welcher er 1866 das biogenetische Grundgesetz formulierte, nach dem die embryonale Entwicklung (Ontogenese) eine Rekapitulation der Stammesgeschichte (Phylogenese) darstellt.   (zurück)
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7) Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die verbreitete Vorstellung, wonach Affen kognitiv sehr wohl im Stande wären zu sprechen, dass sie nur nicht über die notwendigen körperlichen Voraussetzungen zum Artikulieren verfügen. Die körperlichen Voraussetzungen zum Zeichnen hätten sie, sie tun es aber sowenig, wie sie Gegenstände zum Gebrauch herstellen.   (zurück)
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8) Weil an Universitäten Lehren im hier gemeinten Sinn entwickelt werden (sollten), heissen die Belehrer dort nicht Lehrer, sondern Dozenten. Dozieren ist ein Fremdwort für lehren, das den Unterschied zum Lehrer anzeigen soll.   (zurück)
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9) Ich werde in diesem Text nur kurz auf das Herstellen überhaupt eingehen, weil ich das im Projekttext ausführlich behandle. Hier behandle ich das Zeichnen als Herstellen. Auch das Schreiben werde ich hier nicht grundsätzlich behandeln. Ich werde das Schreiben hier nur unter dem Gesichtspunkt der Differenz zum Zeichnen behandeln. Da ich aber das Schreiben wie das Malen als je spezifische Alternativen zum Zeichnen begreife, dienen mir hier die Unterschiede zur Verdeutlichung des Zeichnens.   (zurück)
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10) H. Arendt schreibt, dass jedes Herstellen als linearer Prozess im Unterschied zum zirkulären Arbeiten, das sie der Natur zuordnet, einen Anfang und ein Ende hat, und die Grundlage der Vorstellung eines Anfangs überhaupt bildet. Sie ist aber Philosophin genug, um dem Herstellen keine weitere Beachtung zu schenken.   (zurück)
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11) Die Faust'sche Tat ist eine hilflose Abstraktion, worauf Faust mit seinen Erwägungen über Logos explizit verweist. Faust hat Philosophie studiert, weiss aber nicht, wie er Logos deuten soll. Er weiss nur, dass Philosophie nicht hilft. Ich weiss nicht, was W. von Goethe als Philosophie bezeichnet hat. Ich verwende das Wort im engeren Sinn für die Lehre von I. Kant, die durch G. Hegel aufgehoben und beendet wurde, also für das, was gemeinhin als Deutscher Idealismus bezeichnet wird. Andere Wörter dafür sind Erkenntnistheorie oder dialektische Logik.
Das Elend dieser Philosophie ist - wie K. Marx geschrieben hat -, dass sie keine gegenständliche Tätigigkeit kennt, sondern nur die abstrakte Tat.   (zurück)
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12) "Im Prinzip" heisst "eigentlich nicht". Ich spreche später anstelle von Form auch von Umriss und Kontur.   (zurück)
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13) Ich werde später erläutern, inwiefern Striche, die ich am Bildschirm eines Computers sehe, materielle Striche sind.   (zurück)
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14) Wenn ich mich - wie einstmals Euklid - mit Geometrie befasse, zeichne ich geometrische Figuren, aber solche Zeichnungen betrachte ich nicht als Sinnzeichnungen. Sie sind in einem bestimmten Sinn formal, sie zeigen keine Dinge, sondern (nur) Muster. Ich kann auch in Kunstwerken, etwa von P. Klee, geometrische Figuren erkennen. P. Klee schreibt aber explizit "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar", dass er als Künstler also keine Sinnzeichnungen im hier gemeinten Sinn macht.
P. Klee hat auch Strichzeichnungen gemacht, die ich als Kopffüssler bezeichnen würde, wenn er ein Kind statt ein Kunstmaler wäre (siehe "Was fehlt ihm?").    (zurück)
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15) Ich verwende hier das Wort Wahrnehmen im Sinne von K. Holzkamps sinnlicher Erkenntnis.    (zurück)
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16) R. Magritte und nach ihm auch M. Foucault im Aufsatz "Dies ist keine Pfeife" haben das halbwegs erläutert, den mir hier wichtigen Punkt haben sie allerdings verpasst. Ich habe das in meinen Aufsatz "Ceci n?est pas un Foucault dargestellt. Wenn ich nämlich sehe, dass die Zeichnung keine Pfeife ist, stellt sich die Frage: Was dann?
Die Bilder von R. Magritte werden hier noch mehrfach als Beispiele dienen. Ich halte ihn für ein Genie, dem tautologischerweise - ein adäquates Selbstverständnis fehlt, weil er seine Kunstwerke nicht als Anschauwerke begriffen hat. Ich werde darauf zurückkommen. [ ]    (zurück)
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17) Diese Anmerkungen zur Gegenstandsbedeutung stammen fast wörtlich aus dem Buch "Sinnliche Erkenntnis" (1976, S. 25f) von K. Holzkamp, der die Gegenstandsbedeutung in Anlehnung an S. Rubinstein ausführlicher erläutert hat.   (zurück)
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18) Die hier verwendete Vorstellung von Lichtwellen ist metaphorisch und passt zu einer bestimmten Auffassung der Funktionsweise des Auges, in welcher die Retina als Pixelmuster fungiert, das das Licht, was immer Licht sei, in Strahlen aufteilt, die je eine Nervenzelle aktivieren. Ich will hier nicht näher auf die fototechnologische Erklärung eingehen. Ich sehe natürlich nicht die Lichtwellen, sondern die Striche. Ich werde mich später unter kostruktivistischen Gesichtspunkt genauer mit dem Unterschied befassen, zwischen dem, was ich sehe, und dem, was ich wahrnehme. Und wie das Zeichnen mich dabei - wie in Bezug auf Dinge - schult oder prägt.   (zurück)
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19) Ich habe keinen plausiblen Oberbegriff zu Skulptur gefunden. "Dreidimensionales, körperhaftes Objekt der bildenden Kunst" ist schon halbwegs richtig, aber irgendwie unsäglich. Deshalb habe ich den Begriff Anschauwerk erfunden.   (zurück)
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20) R. Magritte spricht von Tableau, wo er nicht das Gemälde (peinture) meint. Er unterscheidet damit aber nicht das gegenständliche, materielle Bild, sondern als was er seine Bilder angeschaut haben will. Er spricht deshalb auch nicht von Image.
R. Magritte versteht sich als malender Semiotiker, obwohl er die das Bild als hergestellten Gegenstand thematisiert.   (zurück)
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21) Es geht mir dabei weniger um die Frage der Auflösung als darum, wie ich meine Tätigkeit in meiner Lebenswelt wahrnehme. Die Backsteine einer Mauer nehme ich als Gegenstände in meine Hände.   (zurück)
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22) F. Engels hat die materialistische Geschichtauffassung von K. Marx auf den Punkt gebracht: "Einen Gegenstand zu verstehen, heisst seine Entwicklung, seine Geschichte zu verstehen.   (zurück)
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23) Ich verwende das eingedeutschte Wort Genese, weil Genesis hauptsächlich für das erste Buch der Bibel verwendet wird.   (zurück)
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24) "Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutung auf Höheres in den untergeordneteren Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist." (Marx, K.: Grundrisse, MEW 42, S. 39)   (zurück)
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25) Zugespitze Knochen- und Geweihstücke beispielsweise werden in der Paläoanthropologie oft als Griffel interpretiert, weil man diesen Sticheln keine andere Funktionen zuschreiben kann oder will.   (zurück)
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26) Diese Gemeinsamkeit zwischen Schreiben und Zeichnen war Ausgangspunkt in meinen Text Schrift-Sprache, aus welchem ich das Zeichnen dann ausgeliedert habe.   (zurück)
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27) Die klassische Technikphilosophie argumentiert genau umgekehrt. Dort gelten - seit E. Kapp die Vorstellung des Menschen als kompensieredes Mängelwesen - Werkzeuge als Organersatz.   (zurück)
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28) Prägungen sind auch Abdrücke, aber sie sind nicht wie Fussabdrücke, Abdrücke von etwas, was nicht zum Herstellen von Abdrücken gemacht wurde. Auch wenn ich durch das Profil meiner Schuhsohle einen identifizierbaren Abdruck hervorbringe, ist das Profil nicht als Prägestempel gedacht.   (zurück)
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29) Wenn ich in einem meiner Bücher Eselsohren mache oder Textstellen unterstreiche, mache ich das typicherweise für mich. Wenn ein Tier sein Revier markiert, macht es das für - im Sinne von gegen - andere Tiere.   (zurück)
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30) Hier interessieren auch die philosophischen Erwägungen nicht, die sich mit den Bedingungen der Möglichkeit, eine Markierung als solche zu erkennen, befassen. Die Genese beschreibt, was beobachtet werden kann. Menschen verwenden Zeichen, Tiere Anzeichen.   (zurück)
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31) Da war einmal ein Mann, der sprach im Schlaf. Als die Uhr die vierte Stunde schlug, sagte er: "Eins, eins, eins, eins - die Uhr ist ja verrückt, sie hat viermal eins geschlagen!"
Der Mann hatte offensichtlich viermal einen Schlag wahrgenommen, nicht aber, dass die Uhr vier geschlagen hatte. Was er im Sinn hatte, war nicht vier, sondern viermal eins; woraus man ersieht, dass Zählen etwas anderes ist, als mehrere Dinge als gleichzeitig zu betrachten.
Hätte ich vier Uhren in meiner Bibliothek, und alle vier schlügen eins zur gleichen Zeit, so würde ich nicht sagen, sie hätten vier geschlagen, sondern viermal eins. Dieser Unterschied liegt nicht in den Dingen, unabhängig von den Operationen des Geistes. Im Gegenteil, er hängt vom Geist desjenigen ab, der zählt. Der Intellekt also findet keine Zahlen, sondern er macht sie; er betrachtet unterschiedliche Dinge, jedes an sich verschieden, und vereinigt sie willentlich im Denken. (von Glasersfeld, Wissen, XIII)   (zurück)
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32) Ich wähle hier den Ausdruck Gestalt, weil die Kerbe kein Gegenstand ist und mithin auch keine Figur hat. Ich komme später darauf zurück, dass ich solche Negativformen gedanklich wie Gussformen mit Material fülle.   (zurück)
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33) Mit der sogenannten Bilderschrift befasse ich mich im Schrit-Sprache-Buch ausführlicher. Die verbreitete Vorstellung, wonach die chinesischen Schriftzeichen von Bildern abgeleitet seien, ist sehr weit hergeholt und eher als didaktisches Trick zu verstehen.   (zurück)
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34) Die Zeichnung eines Gugelhopfes zeigt nicht, ob ich den Kuchen oder die Backform gezeichnet habe, als die Form oder die Form der Form des gezeichneten Gegenstandes. Ich werde darauf zurückkommen, hier geht es vorerst nur darum, die Zeichnung selbst als materiellen Gegenstand zu erkennen.   (zurück)
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35) Ich werde später auf diese Entwicklung nochmals zurückkommen. Sie ist ein gutes Beispiel für die Genese vom Werkzeug.   (zurück)
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36) Kalligrafen machen mit Pinseln Striche und sehr viele Bilder, die mit einem Bleistift hergestellt werden, vor allem wenn sie keinen praktischen Zweck wie etwa Konstruktionszeichnungen haben, bedecken den gesamten Bildträger durch Schraffuren aller Art bis hin zu Schummerungen, also dem Ausmalen mit "liegender" Bleistiftmine.   (zurück)
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37) Autopoiese ist ein Kunstwort, das quasietymologisch für „(sich) selbst-erzeugt“ (auto-poiesis) steht, das ursprünglich von H. Maturana zur Charakterisierung von Leben eingeführt wurde, aber in einem weiteren Sinn als Eigenname für spezielle Theorien der Selbstorganisation verwendet wird.   (zurück)
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38) In naturhistorischen Zeiträumen mag sich unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten natürlich auch der Mensch weiterentwickeln, aber im historischen Zeitraum kann ich keinerlei Entwicklung des Menschen als biologisches Wesen erkennen. Ich wüsste nicht, inwiefern ich „entwickelter“ sein sollte als beispielsweise die „alten Griechen“, deren Philosophen auch zeigen, dass nicht ernsthaft von einer geistigen Weiterentwicklung gesprochen werden kann. Was wir früheren Generationen voraus haben, sind Maschinen wie das Internet.   (zurück)
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