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Kunst nenne ich den Handlungszusammenhang, dessen autopoietische Entwicklungslogik durch Abbildungen wie prähistorische Höhlenzeichnung und religiöse Ikonen in Gang gesetzt wurde. Diese Abbildungen waren Abbildungen von etwas. Das Kunsthandwerk bestand in der möglichst adäquaten Abbildung, was bestimmte Verfremdungen stets miteinbezogen hat. Kunst wurde zu Kunst, indem sie erstens gegenüber Abbildungsreferenten und zweitens gegenüber Rezeption autonom wurde. Ein Kunstwerk bildet nicht etwas ab, was jenseits des Kunstwerkes existiert, und es orientiert sich nicht an existierenden Rezeptionsbedingungen. Kunst ist kein Medium der Mitteilung, sondern ein Medium des Ausdruckes.

Kunst hat sich im ausgehenden Mittelalter als funktionales System entwickelt, indem die Hersteller von Bildern, die damals eben Handwerker waren, einen neuen Handlungszusammenhang hervorbrachten, in welchem sie als Künstler wahrgenommen wurden. Künstler gibt es erst seit es Kunst gibt, so wie es Benediktiner und Marxisten erst gibt, seit sie sich so nennen. Funktionale Systeme organisieren sich selbst. Wenn im Mittelalter Bilder von Heiligen und Fürsten gemalt wurden, dann im Sinne einer handwerklichen Fotografie, die mir allenfalls unter heutigen Kategorien kunstvoll erscheint. Wenn ich diese Bilder unter dem Gesichtspunkt berachte, dass sie möglichst gute Abbildungen eines Urbildes sind, dann sind sie keine Kunst, sondern allenfalls Kunsthandwerk.

Die bürgerliche Literatur ist abbildend und rezeptionsorientiert. Die bürgerliche Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit Interpretationen (vgl dazu S.J. Schmidt). Texte sind Kunstwerke, wenn sie keine Mitteilungs-Funktion (Zweck) haben.

Die Werkfalle


Ueber Kunst:
Gregory Bateson zitiert eine Tänzerin, die auf die Frage nach der "Bedeutung" ihres Tanzes antwortet: "Könnte ich Ihnen sagen, was es bedeutet, dann bestünde kein Anlaß es zu tanzen."


Links:
netzkunstwoerterbuch


die Kunstlehre des Aristoteles: Zu einer systematischen Durcharbeitung des von ihm als »poietisch« abgegrenzten Gebietes der künstlerischen Tätigkeit scheint der Philosoph nicht gelangt zu sein. Erhalten ist nur seine Schrift »Über die Dichtkunst « (deutsch von Ueberweg, griechisch und deutsch mit Einleitung und Anmerkungen von Susemihl, kritische Ausgabe von Vahlen, 3. Aufl. 1886) und auch von dieser im wesentlichen nur der die Tragödie und das Epos betreffende Teil. Die Lyrik scheint er überhaupt nicht berücksichtigt zu haben. Das stimmt zu seiner ganzen nüchternen Anschauungsweise. Denn auch die Kunst leitet Aristoteles im Gegensatz zu Plato nicht aus der Schöpferkraft der erzeugenden Ideen ab, sondern von dem allen Geschöpfen gemeinsamen, besonders aber den Menschen eigenen Naturtrieb der Nachahmung. Freilich soll die Nachahmung nicht im bloßen Kopieren des Zufälligen bestehen, sondern das »Wahrscheinliche« und »das, was meistenteils geschieht«, so »wie es geschehen müßte« darstellen, sodaß die freie Tätigkeit nicht ganz unterdrückt ist. Aber ein weiterer Maßstab für das schöpferische Gestalten wird nicht gegeben; und nicht das Ewige und Unveränderliche, sondern die Welt des Veränderlichen ist ihr Gebiet. Der Zweck der Kunst ist - abgesehen von den dem unmittelbaren praktischen Nutzen dienenden technischen Künsten - zunächst Erholung und edle Unterhaltung des Geistes, indes doch auch ein höherer: zeitweilige Befreiung (Läuterung, katharsis) der Seele von den sie überwältigenden Affekten. Denn das scheint, nach den mannigfachen neueren Untersuchungen von Bernays u. a., der Sinn der berühmten und viel umstrittenen aristotelischen Definition der Tragödie zu sein: »Die Tragödie ist die Nachahmung einer bedeutenden und abgeschlossenen Handlung von einem gewissen Umfang in anmutiger Rede... welche durch Mitleid und Furcht die Reinigung dieser Affekte (zugleich: von diesen Affekten) vollzieht.«
 
[Kunst als Practise]

[westliche Meisterschaft]

Holzkamp: Grundlegung
Die Charakterisierung der neuen Vermitteltheil der Symbolwahrnehmung bei gesamtgesellschaftlicher Synthese muß noch in besonderer Weise akzentuiert werden, sofern die wahrgenommenen Symbole nicht diskursiver, sondern bildlich- >ikonischer< Art, also z.B. Kunstwerke sind. Zwar liegt auch hier der >symbolische< Bedeutungsgehalt >im< Wahrnehmungsgegenstand selbst, der mithin Verweisungscharakter über seine sinnlich-präsente figural-qualitative Beschaffenheit hinaus hat. Dennoch ist hier, anders als bei den diskursiven Symbolen, der Bedeutung die sinnliche Gestalt, in der sie prllsent ist, nicht IJußerlich. Ein bildliebes Symbol >ist< in gewissem Sinne immer auch das, worauf es verweist, in ihm sind sinnlich-emotionale Erfahrungen der gesellschaftlichen Menschheit in einer Weise verdichtet und verallgemeinert, daß sie durch die symbolvermittelte Erkenntnis in der Verdichtung und Verallgemeinerung zugleich als sinnlich-emotionale Erfahrungen unmittelbar gegeben sind. Wenn ich z.B. Raffaels Bild >Die Schule von Athen< oder Mahlers 6. Symphonie >sehe< bzw. >höre<, so tritt hier zwar einerseits angesichts der Tiefe, Vielbezüglichkeit, Allgemeinheit der zu erfassenden symbolischen Bedeutungszusammenhänge die bloß >perzeptive< Ebene des >Sehens< bzw. >Hörens< in den Hintergrund: Wenn ich die Symphonie >höre<, so sind dabei die gleichen perzeptiven Wahrnehmungsgesetzlichkeilen im Spiel, als wenn ich das Wasserrohr brummen höre, >Hören< ist 314 Funktionale Kategorialanalyse des Psychischen hier also offenbar nicht >wörtlich< gemeint. Dennoch erscheinen mir dabei die symbolischen Bedeutungsbezüge in einer prasenten Sinnlichkeit, die gerade die Spezifik meiner Erfahrung mit dem Kunstwerk ausmacht, indem hier der Widerspruch zwischen hlJchster Abstraktheil und sinnlicher Unmittelbarkeit - diskursiv unüberwindlich - in der ikonischen Symbolsprache aufgehoben ist und mir so die nur im Medium von >Kunst< (im weitesten Sinne) vermittelbare gnostisch-emotionale Betroffenheit von allgemeinen menschlichen Erfahrungen zuteil wird. Dies kann nur gemeint sein, wenn mit Bezug auf Kunst von SchlJnheit die Rede ist: die zwingende sinnliche Gestalt einer allgemeinen menschlich-gesellschaftlichen Erfahrung, die zugleich in symbolvermittelter Erkenntnis durchdringbar ist. Die Schönheit von diskursiven Symbolen, etwa Buchstaben, tritt für mich im Gegensatz dazu, da dem symbolischen Bedeutungsgehalt äußerlich, nur dann zutage, wenn ich von dem, auf das hier i nhaltlich verwiesen ist, absehe: Sie trägt zum Verständnis der gemeinten Sache nichts bei, kann sogar, wenn dadurch die Lesbarkeit beeinträchtigt, dabei eher stören; mithin handelt es sich hier um eine Schönheit, minderen, bloß >dekorativen< o.ä . , Ranges.


 
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