"Interpretieren" heisst ...
- im konstruktiven Fall, kinetische Energie als Signal und mithin als sekundäre Energie aufzufassen.
- im deutenden Fall, die Zuordnung eines Signales zu einem System durch einen deutender Beobachter
Beispiel:
Anti-Blockier-System: Der Konstrukteur interpretiert das durchgedrückte Bremspedal als Wunsch des Autofahrers möglichst rasch anzuhalten und verhindert, dass die Räder blockieren. Einigen Autofahrer (den Rennfahrern) tut er damit manchmal Unrecht, was in der alltäglichen Verwendung des Ausdruckes "Interpretation" zum Ausdruck kommt.
Lit: S.J Schmidt, 1987:68 Zur Interpretation in der Literaturwissenschaft
Vgl. im Gegensatz dazu Interpretationsfreiheit unter dem Stichwort Formale Sprache, bei Krämer, 1988 resp. bei Keil-Slawik, 1990, (2), 155!
Für den Wissenschafter ist die Stellung der Nadel eines Amperemeters "ein Kriterium nur für den 'Wert' des Stroms. Um sie zu interpretieren, braucht er nur zu entscheiden, auf welcher Skala das Messgerät abgelesen werden soll. Für den Laien andererseits ist die Stellung der Nadel kein Kriterium für irgend etwas anderes. Um sie zu interpretieren, muss er die ganze innere und äussere Verdrahtung untersuchen, mit Batterien und Magneten experimentieren u.a.m. Im metaphorischen wie im buchstäblichen Sinne von 'Sehen' fängt die Interpretation dort an, wo die Wahrnehmung endet. Die zwei Vorgänge sind nicht identisch; und was die Wahrnehmung der Interpretation zu Vervollständigung überlässt, hängt sehr von Art und Ausmass früherer Erfahrung und Ausbildung ab" (Kuhn, 1978, 209).
Anmerkung zu Kuhn: Genau verkehrt, man kann nicht wahrnehmen, ohne davor eine Interpretation geleistet zu haben. Sinnlich sind Nervenzustände, die können wir aber nur interpretiert erleben und wahrnehmen.
Zur Musiktheorie:
"Die elektronische Musik der fünziger Jahre war von der ausdrücklichen Absicht motiviert, die Unvollkommenheit des Interpreten durch die Perfektion der Maschine zu ersetzen. Darüber hinaus dominierten bis in die späten schziger Jahre hinein Kompositionsformen, welche eine quasi subjektfreie Arbeitsweise in die Erstellung der Partituren hineintrugen. Immer wieder konnte man auch Komponisten als Interpreten erleben, welche erklärtermassen durhc Einspielungen eigener Werke die Genauigkeit ihrer schriftlichen Notaion noch ergänzen wollten. Wenn wir dagegen den Entschluss Gustav Mahlers betrachten, alle Metronomangaben aus den Drucken seiner Sinfonien wieder entfernen zu lassen, weil an sich selbst erfahren hatte, wie sehr die Gesetze der Interpretetation von den Gesetzen der schriftlichen Notation verschieden sind, spürt man die Brisanz des Themas". (...) Der Komponist begreift plötzlich eine grosse Terz, die Farbe einer Klarinette so neu, als ob es noch nie Klarinetten oder Terzen gegeben hätte. Um diese Erfahrung festzuhalten, erfindet er eine Formulierung und bringt diese in einen bestimmten Kontext ein. Diese Formulierung - die Form der schriftlichen Aufzeichnung, die der Komponist wählt - ist zwar zweifellos ein Werk seiner individuellen Intelligenz, aber es ist bereits Interpretation: Interpretation dessen, was er vorher spontan empfangen hat. Meisterschaft ist die Kongruenz der gewählten Form mit der unwillkürlich empfangenen Nicht-Form. Die Form allein aber mit ihren beschreibbaren Eigenschaften als das Schöpferische anzusehen, ist ein charakeristischer Irrtum, welcher die tiefe Blindheit der von der Einseitigkeit technologichen Denkens verunstalteten Existenzerfahrung unserer Epoche spiegelt. Ist die Schrift des Autors schon Darstellung, so ist das Tun des Interpreten <