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Deleuze, Gilles: Sacher-Masoch und der Masochismus. In: Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz. Insel, Frankfurt 1968; S. 163–281 (Orig.: Présentation de Sacher-Masoch. Le froid et le cruel. Avec le texte intégral de „La Vénus à la fourrure“. Editions de Minuit, Paris 1967)

"Bei Sade ist eine höchst erstaunliche Entwicklung des Beweisvermögens zu beobachten. Die logische Demonstration schiebt sich als höhere Funktion der Sprache in die szenische Beschreibung ein, wenn – zwischen zwei Befehlen – die Libertins der Ruhe pflegen: dann verliest ein Libertin ein streng abgefaßtes Pamphlet, entwickelt seine unerschöpflichen Theorien, arbeitet eine Verfassung aus. Er mag sich auch dazu herablassen, mit seinen Opfern zu diskutieren. Solche Atempausen sind recht häufig, vor allem in der Justine: jeder ihrer Henker benützt Justine auch als Zuhörerin und Vertraute. Und dennoch kann dabei von einer wirklichen Überzeugungsabsicht gar keine Rede sein. Der Libertin mag sich den Anschein geben, als suche er zu überzeugen und zu überreden; er kann sogar »Schule« machen, indem er neue Adeptinnen heranbildet (so in Die Philosophie im Boudoir). Doch liegt in Wirklichkeit nichts dem Sadisten so fern wie der Wunsch, zu überreden und zu überzeugen: die pädagogische Absicht fehlt ihm ganz. Worum es in der Tat geht, ist der Nachweis, daß die rationale Darlegung selbst eine Gewaltsamkeit ist, daß sie mit ihrer ganzen Strenge, ihrer ganzen Heiterkeit, ihrer ganzen Gelassenheit auf der Seite ist, wo Gewalt ausgeübt wird. Es geht nicht einmal darum, jemandem etwas zu zeigen, sondern um das bloße Erbringen des Beweises kraft einer logischen Demonstration, in der sich nur die totale Einsamkeit und die Allgewalt des Beweisführenden immer wieder selbst beweisen. Es geht um den Nachweis, daß die Ausübung von Gewalt und die logische Beweisführung identisch sind. Daher braucht die Darlegung auch von dem Zuhörenden, dem sie vorgetragen wird, ebensowenig mitvollzogen werden wie die Lust von dem Objekt, an dem sie gewonnen wird. Die von den Opfern erlittene Gewalt ist nur das Abbild einer höheren, von der die Beweisführung zeugt. Inmitten seiner Komplizen und Opfer vollzieht jeder Beweisführende seine Demonstrationen im absoluten Zirkel seiner Einsamkeit und Vereinzeltheit – selbst dann, wenn alle Libertins die gleiche Demonstration vollziehen. Wie im weiteren noch gezeigt wird, ist der sadistische »Schulmeister« dem masochistischen »Erzieher «in jedem Betracht entgegengesetzt."