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Als Propriozeption bezeichne ich eine Empfindung zur Konstellation des eigenen Körpers.

Die Propriozeption ist wie die Viszerozeption, die Empfindung von Organtätigkeiten, eine Interozeption, die keine Umwelt vermittelt.


 

Die Propriozeption ist ein diskrusives Prinzip im Dialog, das ich im Aufsatz Konstruktivismus beschreibe.
In Bezug auf das Denken gibt es eine vergleichbare Empfindung.


 

Franz Fricz (im Facebook):
Propriozeption meint die Eigenempfindung, die dem Menschen die Echtzeit-Wahrnehmung der Lage seines Körpers im Raum gestattet und damit das Gehen, Laufen und Schreiben erst möglich macht. Im Gegensatz zu den anderen fünf Sinnen hat die Propriozeption kein eigenes Sinnesorgan. Die Eigenwahrnehmung kommt zustande, weil das Gehirn permanent Nervenreize verarbeitet, die ihm Tausende Rezeptoren aus dem Körper, vor allem aus Faszien, Muskeln und Sehnen, übermitteln.

D. Bohm: Der Dialog:
Propriozeption des Denkens

Sie sehen, dieses Thema in seiner ganzen Bandbreite mag am Anfang recht elementar oder einfach wirken; aber dadurch, daß wir im Dialog dem Denken unsere Aufmerksamkeit zuwenden, stoßen wir in der Tat zum Kern unserer Probleme vor und bereiten den Weg für eine kreative Transformation.

Das Denken ist in die Irre gegangen, und wir kommen noch einmal zu der Erkenntnis zurück, daß die Hauptursache die folgende ist: Das Denken tut etwas und sagt dann oder deutet an, daß es gar nichts getan hat, daß diese Dinge unabhängig von ihm geschehen sind und es sich dabei um »Probleme« handelt. Wir müssen daher diese Denkweise ablegen und aufhören, das Problem damit erst zu schaffen. Das »Problem« ist unlösbar, solange wir es ständig durch unser Denken reproduzieren. Das Denken muß sich in gewisser Weise seiner Konsquenzen bewußt sein, und gegenwärtig ist das nicht hinreichend der Fall. In der Neurophysiologie gibt es ein ähnliches Phänomen, das Propriozeption genannt wird, was »Eigenwahrnehmung« bedeutet. Der Körper kann seine eigenen Bewegungen wahrnehmen. Wenn wir unseren Körper bewegen, wissen wir um den Zusammenhang von Intention und Handlung. Der Impuls, sich zu bewegen, und die Bewegung selbst werden als miteinander verbunden wahrgenommen. Wenn diese Beziehung gestört ist, ist der Körper nicht lebensfähig. Ich habe von einer Frau gehört, die offenbar mitten in der Nacht einen Schlaganfall hatte. Sie wachte auf und schlug sich selbst. Andere Leute kamen herein, machten das Licht an und fanden sie so vor. Folgendes war vorgefallen: Ihre motorischen Nerven arbeiteten noch, aber die snsorischen Nerven nicht. Also hat sie sich wahrscheinlich berührt, wußte aber nicht, daß sie es selbst gewesen war, und nahm daher an, daß jemand anders sie anfaßte, was sie als Angriff interpretierte. Je heftiger sie sich verteidigte, desto schlimmer wurde es. Die Propriozeption war zusammengebrochen. Die Frau konnte den Zusammenhang zwischen der Absicht, sich zu bewegen, und dem Resultat nicht mehr wahrnehmen. Als das Licht angedreht wurde, wurde die Propriozeption auf neue Weise wiederhergestellt, durch das Sehvermögen.

Die Frage ist: Kann das Denken propriozeptiv sein? Wir haben die Absicht zu denken, sind uns dessen normalerweise aber nicht bewußt. Wir denken, weil wir die Absicht haben zu denken. Das rührt von der Vorstellung her, daß es notwendig ist zu denken und es irgendwo ein Problem gibt. Wenn Sie sich beobachten, werden sie eine Intention zu denken erkennen, einen Impuls zu denken. Dann kommt der Gedanke, und der Gedanke kann ein Gefühl hervorrufen, was vielleicht eine neue Absicht zu denken auslöst, und so weiter. Wir sind uns dessen nicht bewußt, so daß es scheint, als käme der Gedanke ganz von selbst, und das Gefühl scheint ebenfalls ganz von selbst zu kommen. Dadurch wird ein falscher Sinn vermittelt, wie im Fall der oben erwähnten Frau. Ein Gedanke kann ein Gefühl hervorrufen, das Ihnen nicht gefällt, und eine Sekunde später sagen Sie: »Ich muß dieses Gefühl loswerden.« Aber der Gedanke ist immer noch da und arbeitet in Ihnen, besonders wenn es ein Gedanke ist, den Sie für absolut notwendig halten.

Die Probleme, die wir bislang erörtert haben, sind im Grunde alle auf diesen Mangel an Propriozeption zurückzuführen. Der Sinn des In-der-Schwebe-Haltens ist es, Propriozeption möglich zu machen, einen Spiegel zu schaffen, damit wir die Folgen unseres Denkens erkennen können. Wir haben ihn in uns selbst, denn unser Körper fungiert als Spiegel, und wir können wahrnehmen, wie Muskelanspannungen entstehen. Auch unsere Mitmenschen sind ein Spiegel, und die Gruppe ist ein Spiegel. Wir müssen unsere Intention wahrnehmen. Wir haben den Impuls, etwas zu sagen, und fast gleichzeitig sehen wir, wie das Resultat eintritt.

Wenn jeder seine Aufmerksamkeit darauf richtet, wird eine neue Art des Denkens zwischen den Menschen oder sogar in einem einzelnen entstehen, ein propriozeptives Denken, das sich nicht so verheddert, wie es das nicht-propriozeptive Denken gewöhnlich tut. Wir könnten sagen, daß praktisch sämtliche Probleme der Menschheit auf die Tatsache zurückzuführen sind, daß das Denken nicht propriozeptiv ist. Das Denken schafft auf diese Weise ständig Probleme und versucht dann, sie zu lösen. Aber damit macht es alles nur noch schlimmer, weil es nicht merkt, daß es die Probleme selbst schafft; und je mehr es denkt, desto mehr Probleme schafft es – weil es nicht propriozeptiv ist und nicht merkt, was es tut. Wenn unser Körper so wäre, würden wir sehr schnell ernsthaft zu Schaden kommen. Wir würden nicht lange überleben. Und man könnte sagen: wenn unsere Kultur so ist, wird unsere Zivilisation auch nicht allzu lange überleben. Auch auf diese Weise kann der Dialog also dazu beitragen, kollektiv ein neues Bewußtsein zu schaffen.


 
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