Rolf Todesco

Autopoiese 2. Ordnung

Anmerkungen zum Forschungskonzept im Studiengang Systemtheorie

 
Ich verwende den Ausdruck "Autopoiese" für eine spezielle Systemtheorie, die Systeme beschreibt, die sich selbst organisieren. In diesem Sinne ist die Autopoiese eine Organisationstheorie, die die Funktionsweise von selbstreferentiellen Organisationen beschreibt.

Den Ausdruck Autopoiese hat der Biologe Maturana eingeführt, um eine spezifische Qualität der biologisch gesehenen Lebewesen zu beschreiben, nämlich dass sie Resultate ihres Prozessierens sind. Maturana hat die Autopoiese anhand von Einzellern erläutert, die unter seiner biologischen Definition die elementaren Lebewesen sind. Einzeller bilden sich selbst, indem sie sich eine "Haut" bilden  (1).

Einzeller organisieren sich - in allen 5 Königreichen der biologisch gesehenen Lebewesen (Gaia L. Margulis) - zu Metazellern. Metazeller sind Wesen, die auf einer strukturellen Koppelung von Zellen beruhen, wobei die Zellen sich zu Organismen oder Kolonien organisieren können. Die Metazeller nennt Maturana (1984:98) "autopoetische Systeme 2. Ordnung", weil sie aus autopoietischen Systemen 1. Ordnung, nämlich aus Zellen, bestehen. Er lässt die Frage exlizit offen, ob Metazeller auch autopoietische Systeme 1. Ordnung sind (1984:100), oder ob sie nur einen wesentlichen Teil von deren Eigenschaften erben. Schliesslich verhalten sich Metazeller so, dass ihre "Autopoiese" der Einzelzellen und der Metazeller gewährleistet ist, das heisst insbesondere, dass Zellen von Metazellern ihre Autopoiese nur im Metazeller vollbringen können. Als Einzeller kann eine einzelne Zelle leben, aber die Zellen von Mehrzellern, etwa von Menschen, können alleine nicht leben.

Ich verwende den Ausdruck "Autopoiese 2. Ordnung" innerhalb der Systemtheorie 2. Ordnung für die Tat-Sache, dass autopoietische Systeme von einem Beobachter erzeugt werden, der selbst ein autopoietisches System ist. Als Beobachter bezeichne ich Systeme, die Aussagen - auch über autopoietische Systeme - machen (können).In der Autopoiese 2. Ordnung geht es also nicht darum, dass sich Systeme 2. Ordnung wie die Metazeller erzeugen, sondern dass der Beobachter die Autopoiese erzeugt. Die Autopoiese 2. Ordnung hat als elementare Einheit den Beobachter, der sich - und seine Beobachtungen, die er Wirklichkeit nennen mag - selbst organisiert. Zwar organisieren sich alle Lebewesen selbst, aber nicht alle autopoietischen Systeme organisieren sich so, dass sie Aussagen über sich und andere Lebewesen machen können. Der grösste Unterschied, den ich zwischen Menschen und Affen sehe, ist, dass Menschen über den Unterschied zwischen Menschen und Affen explizit nachdenken, während Affen sich allenfalls darüber Gedanken machen, warum das den Menschen so wichtig ist. Natürlich weiss ich nicht, was Affen alles (denken) können, ich weiss nur, was ich davon wahrnehmen kann. Ich kann nicht für wahr nehmen, dass sie sprechen können, deshalb kann ich auch nicht sehen, dass sie Beobachter sind.

Handlungszusammenhänge und Institutionen

Als Beobachter organisiere ich mich in Handlungszusammenhängen. Ein Stück beliebig mit Farbe verschmierte Leinwand kann ich im Handlungszusammenhang Kunst sehen, dann sehe ich ein sogenannt abstraktes Gemälde. In einem Museum fällt mir das leichter als im Hinterhof eines Malereibetriebes. Luhmann nennt Handlungszusammenhänge, die er oft verwendet, "funktionale Systeme" und macht geltend, dass andere Menschen diesen "Systemen" auch unterliegen. Handlungszusammenhänge sind quasi autopoietisch, sie bilden sich selbst. Kunst gibt es, weil sie als Handlungszusammenhang verwendet wird.

Mittels Handlungszusammenhängen ordne ich meine Wahrnehmung.

Kunst lässt sich als Resultat eines Verselbständigungs- oder Autonomieprozesses verstehen, in welchem Kunsthandwerker, die Abbildungen machten, sich von den Referenten der Abbildung befreiten und anfingen Bilder zu machen, die nicht abbilden, sondern sich selbst genügen. Bilder machen, die nichts abbilden, konnten die Kunsthandwerker, weil sich in diesen Bildern der Handlungszusammenhang Kunst, den es noch nicht gab, manifestierte. Der Künstler erzeugt sich im autopoietischen Prozess, in welchem er Kunst macht. Kunst ist aber auch als Handlungszusammenhang ein solcher Prozess, in welchem sie zur Sprache kommen muss. Wenn ich als Beobachter meine Handlungszusammenhänge zur Sprache bringe, festige ich sie, weil ich sie mir bewusster mache und sie assimilierend weiterverwende. Wenn überdies andere Menschen auf den Sprachgebrauch eingehen, begegnet mir der Handlungszusammenhang sprachlich konserviert, er wird Bestandteil der Welt, über die Aussagen möglich sind. Ich kann innerhalb des Sprachspieles festlegen, wann der Ausdruck Kunst treffend ist, also sinnvoll verwendet wird und wann nicht. Handlungszusammenhänge sind dann, wenn sie sprachlich geworden sind. Das ist selbst ein autopoietische Prozess, wie jener der Kunst.

Institutionen und Institutionen sind konservative - also nicht dissipative - Organisationen. Eine Gewerkschaft oder eine Partei verkrustet in konservative Strukuren, die als Institutionen erscheinen. Institutionen bleiben erhalten, auch wenn die Mitglieder sie (so) nicht mehr wollen. Ihre Autopoiese schafft einen Zustand, in welchem Energie gebraucht wird, um sie aufzulösen, was ich eben konservativ nenne. Handlungszusammenhänge sind konservative Milieus, die wie Institutionen funktionieren. Kunst etwa ist ein Handlungszusammenhang, der Künstler ermöglicht, so wie eine Gewerkschaft Gewerkschafter ermöglicht. Die Gewerkschaft ist ein Metazeller, weil sie aus ihren Mitgliedern besteht, die Kunst dagegen nicht, weil sie nicht aus Künstlern besteht.

Eine Institution kann ich als fremdreferentiell oder als selbstrefereniell sehen. Fremdreferentiell ist eine Institution, wenn sie eine Funktion erfüllt. Die Polizei etwa ist fremdreferentiell, wenn sie das Eigentum einer Elite schützt, die die Polizei zu diesem Zweck organisiert. Das Militär ist selbstreferentiell, wenn es sich selbst verteidigt.

Insbesondere betrachte ich selbstreferentielle Organisationen von Menschen unter dem Gesichtspunkt von autopoietischen Metazellern 2. Ordnung. Organisationen können keine Aussagen machen. Aussagen stammen immer von einem Beobachter, der sprechen kann.

Fortsetzung folgt

 

Anmerkungen

1) Die Paradoxie der Formulierung ist halb beabsichtigt, sie ist die Konsequenz einer objektiven Biologie, in welcher Einzeller wirklich existieren. Ich verwende den Ausdruck "Autopoiese 2. Ordnung" innerhalb der Systemtheorie 2. Ordnung für die Tat-Sache, dass autopoietische Systeme von einem Beobachter erzeugt werden, der selbst ein autopoietisches System ist. Als Beobachter bezeichne ich Systeme, die Aussagen - auch über autopoietische Systeme - machen (können).In der Autopoiese 2. Ordnung geht es also nicht darum, dass sich Systeme 2. Ordnung wie die Metazeller erzeugen, sondern dass der Beobachter die Autopoiese erzeugt. Die Autopoiese 2. Ordnung hat als elementare Einheit den Beobachter, der sich - und seine Beobachtungen, die er Wirklichkeit nennen mag - selbst organisiert. Alle autopoietischen Systeme, insbesondere auch die Einzeller werden vom Beobachter erzeugt.
Zwar organisieren sich alle Lebewesen selbst, aber nicht alle autopoietischen Systeme organisieren sich so, dass sie Aussagen über sich und andere Lebewesen machen können. Der grösste Unterschied, den ich zwischen Menschen und Affen sehe, ist, dass Menschen über den Unterschied zwischen Menschen und Affen explizit nachdenken, während Affen sich allenfalls darüber Gedanken machen, warum das den Menschen so wichtig ist. Natürlich weiss ich nicht, was Affen alles (denken) können, ich weiss nur, was ich davon wahrnehmen kann. Ich kann nicht für wahr nehmen, dass sie sprechen können, deshalb kann ich auch nicht sehen, dass sie Beobachter sind.
( zurück)