Ergänzende Kommentare von Erhard Nullmeier

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zur Uebersicht AG3: Die Kraft der Sprache


Erhard Nullmeier              November 2009

Sprache und Bedeutung (ungeordnet)

Beim Lesen der Beiträge zur AG3 der mmk09 und Wiedereindenken in das Thema noch einieg Anmerkungen

These 1: Sprache ist zwingend mit Bedeutung verbunden. „Spiegelung“ in der 1. These von Hartmut ist mir zu passiv: ich gebe meinen sprachlichen Äußerungen (meist) ganz bewusst eine Bedeutung.

These 2: Bedeutung, auch Deutung, erfordert jemanden, der deutet. Dieser „jemand“ kann im Grenzfall der Sprechende selber sein, beispielsweise, wenn er sich etwas für späteren Gebrauch notiert oder sich etwas „klar machen“ will, normalerweise ist dies aber ein anderer Mensch bzw. sogar eine weitgehend anonyme Allgemeinheit. Bei Rolf ist das ein Beobachter mit „magischer Kraft“ (These 1) – so weit würde ich nicht gehen, schon wenn ich mich selbst beobachte...

These 3: Die Bedeutung, die der Sprecher einer sprachlichen Äußerung zuweist, sollte vom Empfänger verstanden (gedeutet) werden; das geht jedoch nur eingeschränkt (siehe mein Moderatorenpapier), bleibt aber immer Ziel des Sprechenden. Bei JNR ist sogar von einer Beeinflussung des Verhaltens des Empfängers die Rede.

Sonderfall: Der Empfänger soll durch die sprachliche Äußerung des Senders zu Assoziationen veranlasst (verleitet?) werden, die von den Intentionen (der Bedeutungszumessung) des Senders abweichen, diese u.U. erweitern. Dies kann dann, muss aber nicht, Poesie sein. Nicht alles, was jemanden zu Assoziationen veranlasst, ist auch Sprache und erst recht nicht Poesie, ein Sonnenuntergang kann dies auch leisten.

These 4: Bedeutung ist konstitutiv für Sprache – ohne Bedeutung keine Sprache! Die Möglichkeit einer gemeinsamen Interpretation (Bedeutungszuweisung) ist konstitutiv für Sprache, sonst ist keine sprachliche Kommunikation möglich.

In diesem Sinne ist ein chinesischer Satz für mich keine sprachliche Äußerung. Auch für Hartmuts „Tex tau tomaten“ gilt dies, solange ich das nicht decodiere. Desgleichen nicht die Zeichenfolge „ABCDEFG“. Mein Schreibfehler im Moderatorenpapier „stehendem Leser“ statt „stehen dem Leser“ ist dagegen eine – ungewollte – sprachliche Äußerung: meine Bedeutungszuweisung ist nur noch aus dem Zusammenhang des Satzes zu verstehen.

These 5: Hartmut zitiert Chomsky „...werde ich unter Sprache eine (endliche oder unendliche) Menge von Sätzen verstehen, jeder endlich in seiner Länge und konstruiert aus einer endlichen Menge von Elementen.“ Die Begriffe „endlich“ und „unendlich“ darf man hier nicht streng mathematisch verstehen, denn dann könnte aus einer endlichen Menge von Zeichen (dem Alphabet) auch nur eine endliche Menge von Elementen (Wörtern) generiert werden, die (zumindest durch die endliche Länge von Sätzen) auch nur eine endlichen Menge von Sätzen ergeben würde. „Endlich“ und „unendlich“ sind m.E. eher psychisch, d.h. als menschliche Wahrnehmung, zu verstehen.

Endliche Menge von Elementen heisst, dass nicht beliebig neue Elemente ´gebildet werden können; „Tex“ wäre demnach keine Sprache! Erst wenn der Zeichenfolge eine für mehrere Personen (in Grenzen) gemeinsame Bedeutung herausgebildet hat, wird die Zeichenfolge für mich zur Sprache. Dies gilt für vollkommen neue Wortschöpfungen, anders ist es bei neuartigen Kombinationen von schon bedeutungsvollen Wörtern: „Nullwachstum“, „Personalfreistellung“, „Entsorgungspark“ usw. Hier entsteht Bedeutung durch die Kombination der bekannten Wortbestandteile. Bei der Zeichenfolge „Tex tau tomaten“ sind einzelne Textteile wie „tau“ und „tomaten“auch bekannt, die Kombination führt bei mir aber nur zu einem Schmunzeln, was aus einer willkürlichen (bewussten) Trennung der Buchstaben Nettes entstehen kann.

„Adakadabra“ - ist dies (bedeutungsvolle) Sprache? Franz Fühmann (u.a. „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm zu Babel“) würde bemerken, dass dies ein Wort mit dem einzigen Vokal „a“ sei, der fünfmal auftaucht. Märchenkenner („1001 Nacht“ ?) würden einen Zauberspruch erkennen.Was ist aber der Titel von Fühmanns Buch „Die dampfenden....)? Hat der Titel eine intendierte Bedeutung oder ist er „nur“ Sprachspiel? Welches Weltwissen braucht man, um den Titel zu verstehen? Ist er überhaupt zu verstehen? Oskar Pastior hat einmal in einem Gedicht /ich glaube „An die Aubergine“) die Zeichenfolge „gasp“ verwendet, die dann von Literaturwissenschaftlern interpretiert wurde; „gasp“ war aber einfach die Abkürzung der Simulationssprache „general activity simulation program“, mit der ein Mitbewohner seiner Wohngemeinschaft gerade arbeitete. Um das zu erkennen, bräuchte man schon die „magische Kraft des Beobachters“, wie sie von Rolf postuliert wurde (oder man kannte einfach den Entstehungskontext).

These 6: zur Maschine... Sprachliche (oder nichtsprachliche) Zeichenketten, die etwas Gespeichertem zugewiesen werden. Die Maschine (z.B. google, word) kann vervollständigen, korrigieren... Eine sprachliche Eingabe in eine Maschine, z.B. das Schreiben von „Ein“, ist nichts anderes als das Drücken eines Knopfes, auf dem „Ein“ steht oder der einfach nur grün ist (Konvention für Einschaltelemente). Auch die Eingabe von „berlin“ in ein Navigationsgerät ist nichts anderes als das Drücken auf einen Knopf, auf dem „berlin“ steht – der wird nur nicht dauernd angezeigt und muss sequentiell ausgewählt werden. In diesem Sinne hat die Eingabe von Zeichenfolgen des Alphabets in eine Maschine nichts mit Sprache zu tun. Sprache bei der MMK wird erst dann interessant, wenn ein Mensch (Benutzer) die Zeichenfolge interpretieren muss.

These 7: Analogien von digitaler Dichtung zur Computergrafik? Zunächst, im Gegensatz zu Hartmuts Papier (und wahrscheinlich auch zum üblichen Sprachgebrauch) geht es mir dabei nicht um die Verbreitung von Dichtung über Computer(netze), sondern um die Entstehung der Dichtung. Analog zur Computergrafik, z.B. von Frieder Nake: kann Dichtung durch Algorithmen erzeugt werden, die u.U. mit Zufallsgeneratoren (ebenfalls meist Algorithmen) arbeiten? Der Künstler kennt das Ergebnis erst, wenn das Programm durchlaufen ist, obwohl er es erstellt hat. Ich habe Zweifel, ob das mit Sprache sinnvoll ist; bei Grafiken kann ich – auch unabhängig von Bedeutung – ästhetische Kriterien zur Beurteilung anwenden, ich erwarte auch nicht zwangsläufig eine „Bedeutung“. Bei sprachlichen Konstrukten geht es mir da anders, ich versuche immer, Bedeutungen (notfalls ganz subjektive, nur für mich) herauszulesen. Zugegeben, bei vielen – auch traditionell erstellten - Gedichten gelingt mir das auch nicht.