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Maturana, Humberto / Varlela, Francisco J. (1984): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.

- Deutschsprachige Ausgabe, Scherz Verlag, Bern und München 1987
- Goldmann-Tb. Sachbücher (11460), SFr. 14.00, ISBN 3-442-11460-8 4. Aufl 1992
Original: El arbo del concociniento

Klappentext
wie zu Anfang unseres Jahrhunderts in der Physik vollzieht sich heute in der Biologie eine naturwissenschaftliche Revolution. Maßgeblichen Anteil daran haben die Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela. In diesem bahnbrechenden Werk stellen sie erstmals in allgemeinverständlicher Form ihr Systemleitbild der elementaren Lebensvorgänge sowie der Prozesse dar, durch die wir zu Wissen bzw. Erkenntnis gelangen. Durch dieses Systembild wird nicht nur das Weltbild der Biologie, sondern auch unser tradiertes Weltverständis radikal umgewälzt. Nach Auffassung der alten, darwinistisch geprägten Biologie überlebt ein Lebewesen nur dann, wenn es sich möglichst vollkommen seiner Umwelt anpaßt. Es wäre damit sklavisch abhängig von einer objektiven Außenwelt.

Textstellen und Anmerkungen (1992)

Kapitel
1. Das Erkennen erkennen (Seite 19 - 38)
2. Die Organisation des Lebendigen (Seite 39 - 62)
3. Geschichte: Fortpflanzung und Vererbung (Seite 63 - 82)
4. Das Leben der 'Metazeller' (Seite 83 - 102)
5. Das natürliche Driften der Lebewesen (Seite 103 - 132)
6. Verhaltensbereiche (Seite 133 - 154)
7. Nervensystem und Erkenntnis (Seite 155 - 194)
8. Die sozialen Systeme (Seite 195 - 220)
9. Sprachliche Bereiche und menschliches Bewusstsein (Seite 221 - 256)
10. Der Baum der Erkenntnis (Seite 257 - 270)

"Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun" und "Alles Gesagte ist von jemandem gesagt" sind "die Kernaphorismen des Buches" (32)

Erklärungssystem (für Theorie) (34)

"Ein Lebewesen ist durch seine autopoietische Organisation charakterisiert. Verschiedene Lebewesen unterscheiden sich durch verschiedene Strukturen, sie sind aber in bezug auf ihre Organisation gleich" (55).

"Dass Lebewesen eine Organisation haben, ist natürlich nicht allein ihnen eigen. Es ist allen Gebilden gemeinsam, die wir als Systeme betrachten können. Dennoch ist den Lebewesen eigentümlich, dass das einzige Produkt ihrer Organisation sie selbst sind, das heißt, es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis" (56).

"Da wir auch die autopoietische Einheit als mit einer besonderen Struktur ausgestattet beschreiben, erscheint es uns offenkundig, dass die Interaktionen zwischen Einheit und Milieu, solange sie rekursiv sind, für einander reziproke Perturbationen bilden. Bei diesen Interaktionen ist es so, dass die Struktur des Milieus in den autopoietischen Einheiten Strukturveränderungen nur auslöst, diese also weder determiniert noch instruiert (vorschreibt), was auch umgekehrt für das Milieu gilt. Das Ergebnis wird - solange sich Einheit und Milieu nicht aufgelöst haben - eine Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen sei, also das, was wir strukturelle Kopplung nennen" (85).

"Wir können aber sagen, dass sie [Metazeller] eine operationale Geschlossenheit ihrer Organisation aufweisen: Ihre Identität ist durch ein Netz von dynamischen Prozessen gekennzeichnet, deren Wirkungen das Netz nicht überschreiten" (100)

"Tatsächlich liegt der Schlüssel zum Verständnis des Ursprungs der Evolution in [...] der inhärenten Verbindung zwischen Unterschieden und Ähnlichkeiten auf jeder Fortpflanzungsstufe, in der Erhaltung der Organisation und der Veränderung der Struktur" (105)

"Bei der Interaktion zwischen dem Lebewesen und der Umgebung innerhalb dieser strukturellen Kongruenz [zwischen Lebewesen und Milieu] determinieren die Perturbationen der Umgebung nicht, was dem Lebewesen geschieht; es ist vielmehr die Struktur des Lebewesens, die determiniert, zu welchem Wandel es infolge der Perturbation in ihm kommt" (106).

"Die Strukturkopplung ist immer gegenseitig; beide - Organismus und Milieu - erfahren Veränderung" (S 113).

"Mit anderen Worten: Jede Ontogenese als die individuelle Geschichte strukturellen Wandels ist ein Driften von Strukturveränderungen unter Konstanthaltung der Organisation und daher unter Erhaltung der Anpassung" (113).

(Repräsentation des Aguila)
Abb.2: aus Maturana/Varela, S. 144 (nach F. Kahn. "El hombre", Bd. II, Buenos Aires 1944, S. 235)

"Die Lösung ist, bei einer klaren logischen Buchhaltung zu bleiben ... Alles Gesagte ist von jemandem gesagt" (148)

"Stellen wir uns jemanden vor, der sein ganzes Leben in einem Unterseeboot verbracht hat, ohne es je zu verlassen, und der in dem Umgang damit ausgebildet wurde. Nun sind wir am Strand und sehen, daß das Unterseeboot sich nähert und sanft an der Oberfläche auftaucht. Über Funk sagen wir dann dem Steuermann: „Glückwunsch, du hast alle Riffe vermieden und bist elegant aufgetaucht; du hast das Unterseeboot perfekt manövriert.“ Der Steuermann im Inneren des Boots ist jedoch erstaunt: „Was heißt denn ‚Riffe‘ und ‚Auftauchen‘ Alles, was ich getan habe, war, Hebel zu betätigen und Knöpfe zu drehen und bestimmte Relationen zwischen den Anzeigen der Geräte beim Betätigen der Hebel und Knöpfe herzustellen. (...) Für den Fahrer im Inneren des Unterseeboots gibt es nur die Anzeigen der Instrumente, ihre Übergänge und die Art, wie zwischen ihnen bestimmte Relationen hergestellt werden können. Nur für uns draußen, die wir sehen, wie sich die Relationen zwischen dem Unterseeboot und seiner Umgebung verändern, gibt es das „Verhalten“ des Unterseebootes, ein Verhalten, das je nach seinen Konsequenzen mehr oder weniger angemessen erscheint“ (149f.).

"Entitäten wie Strände, Riffe oder Oberfläche sind einzig für einen Außenbeobachter gültig, aber nicht für das Unterseeboot oder für den Steuermann, der als dessen Bestandteil operiert. Was für das Unterseeboot in dieser Analogie gilt, ist auch für alle lebenden Systeme gültig“ (150).

"Was wir beim Beobachten der Zustandsveränderungen eines Organismus in seinem Milieu als Verhalten bezeichnen, entspricht der Beschreibung, die wir von den Bewegungen eines Organismus in einem von uns benannten Milieu machen. Da in einem Lebewesen nur innere Zustandsveränderungen auftreten, ist Verhalten nicht etwas, das das Lebewesen an sich tut, sondern etwas, worauf wir hinweisen. (...) Erfolg oder Mißerfolg einer Verhaltensweise sind immer durch die Erwartungen definiert, die der Beobachter bestimmt“ (151).

"Erfolg oder Misserfolg einer Verhaltensweise sind immer durch die Erwartungen definiert, die der Beobachter bestimmt. Würde der Leser die gleichen Bewegungen und Haltungen, wie er sie beim Lesen dieses Buches vollzieht, allein in einer Wüste durchführen, wäre sein Verhalten nicht nur exzentrisch, sondern pathologisch" (151).

"Das Nervensystem ist ein Netzwerk aktiver Komponenten, in dem jeder Wandel der Aktivitätsrelationen zwischen den Komponenten zu weiterem Wandel zwischen ihnen führt. Das Operieren des Nervensystems besteht darin, einige dieser Relationen trotz fortdauernder Perturbationen - sowohl infolge ihrer eigenen Dynamik als auch infolge der Interaktionen des Organismus - invariant zu halten. Das Nervensystem funktioniert also als ein geschlossenes Netzwerk von Veränderungen der Aktivitätsrelationen zwischen seinen Komponenten" (180).

"Die populäre Metapher vom Hirn als Computer ist nicht nur missverständlich, sondern schlichtweg falsch" (185)

Kommunikation ist nach Maturana definiert als „das gegenseitige Auslösen von koordinierten Verhaltensweisen unter den Mitgliedern einer sozialen Einheit“ (210)

"Dabei ist doch selbst im Alltag offensichtlich, daß Kommunikation so nicht stattfindet: Jede Person sagt, was sie sagt, und hört, was sie hört, gemäß ihrer eigenen Strukturdeterminiertheit; daß etwas gesagt wird, garantiert nicht, daß es auch gehört wird. Aus der Perspektive eines Beobachters gibt es in einer kommunikativen Interaktion immer Mehrdeutigkeit. Das Phänomen der Kommunikation hängt nicht von dem ab, was übermittelt wird, sondern von dem, was im Empfänger geschieht. Und dies hat wenig zu tun mit 'übertragener Information'." (212)

"Wir haben nur die Welt, welche wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzubringen" (267f).