Luhmann, Niklas: Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie, Picus Verlag 1996. Wiener Vorlesungen im Rathaus ISBN-13: 9783854523451
Beschreibung
Der Soziologe Niklas Luhmann analysiert in seinem Essay über den Philosophen Edmund Husserl, der mit seiner Lehre der Phänomenologie einen bedeutenden Einfluss auf die deutschen Philosophen hatte, dessen vor 60 Jahren in Wien gehaltene Vorträge. Luhmann stellt Husserls Denken in den historischen Rahmen und skizziert die Zusammenhänge mit den gesellschaftlichen Problemen und dem Stand des Wissens seiner Zeit. Diese Darstellungsweise führt konsequent zu einer Betrachtung der Veränderungen, die sich in dem vergangenen halben Jahrhundert gesellschaftlich und in den Wissenschaften ergeben haben. Zum Zeitpunkt der Wiener Vorträge Husserls schienen etwa diktatoriale Regimes in Europa in unaufhaltsamem Vormarsch zu sein während heute, nach dem Zusammenbruch der Frontstellung des kalten Krieges, die Frage gestellt wird, ob der Staat überhaupt noch ein geeignetes Ordnungsmodell ist. Luhmann skizziert neben diesen Veränderungen jene in Oekonomie und Oekologie, im Finanzwesen, in den Wissenschaften und der Technik und andere mehr. So wie Husserls Texte in ihrer Entstehungszeit Beschreibungen waren, die auf die Gesellschaft ihrer Zeit reagierten, sieht Luhmann seine Analyse nicht als Kritik an Husserl, sondern als eine Neubeschreibung dieser Beschreibungen, mithin als Aktualisierung. "Unsere Zukunft kann nie wieder so sein wie unsere Vergangenheit. Deshalb müssen wir, was Handeln betrifft, entscheiden, und, was Erkennen betrifft, beschreiben." (N. Luhmann)
"Es ist nur eine leichte, im Ergebnis dann aber folgenreiche Reformulierung, wenn man die Unterscheidung von Noesis und Noema durch die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz ersetzt." (34)
"Wie kann man, wäre zu fragen, die Realitätsillusion retten, wenn man doch weiß, daß alles, was als Kognition errechnet wird, intern produziert und damit abhängig ist von den Strukturen, die die Identifikation und Unterscheidungen des Systems und ihren rekursiven Gebrauch sichern?" (43)
"Man kann jetzt besser sehen, welche Perspektiven Husserl eröffnet und sich zugleich verstellt hatte. Selbstkritisch ist die Vernunft nicht auf Grund ihres europäischen Erbes, sondern nur wenn und nur insofern, als sie ihren eigenen Realitätsglauben auswechseln kann, also nicht an sich selber zu glauben beginnt." (45)
"Das leitet zu einer Begrifflichkeit über, die nicht mehr an einem bestimmten Operationstypus - seien es biochemische Synthesen, seien es neuro-physiologische Energiequantenänderungen, seien es Aufmerksamkeit dirigierende Bewußtseinsprozesse, seien es Kommunikationen - gebunden sind (!), sondern auf diesen verschiedenen Grundlagen die Reproduktion einer Differenz von System und Umwelt und, davon abhängig, Kognition zu organisieren vermögen." (48)
"Wir hätten einen Typus von Theoriedesign, der weder auf Naturgesetze alten Stils, noch auf ihre statistischen Derivate, noch auf das Leit- motiv technisch bewährter Kopplungen aufbaut. ... Es wäre keine Logik, die Konsistenz durch Ausschließung von Paradoxien zu gewährleisten sucht, sondern eher eine Theorie, die sich das Paradoxieren und Entparadoxieren ihrer Leitunterscheidungen offen hält für den Fall, daß die Formen, die sie anbieten kann, nicht mehr überzeugen. Es wäre eine Theorie selbstreferentieller, nicht-trivialer, also unzuverlässiger, unberechenbarer Systeme, die sich von einer Umwelt abgrenzen müssen, um Eigenzeit und Eigenwerte zu gewinnen, die ihre Möglichkeiten einschränken. Es wäre eine Theorie, die der Kybernetik die Aufgabe stellte, die im System selbst erzeugten Unbestimmbarkeiten zu kontrollieren." (51f.)
"So wenig wie das Bewußtsein kann auch die Kommunikation operativ in ihre Umwelt durchgreifen, denn das würde heißen: außerhalb des Systems in dessen Umwelt operieren. Im einen wie im anderen Falle kann das jedoch - mit einem verbleibenden evolutionären Restrisiko - dadurch kompensiert werden, daß die Systeme zwischen Fremdreferenz und Selbstreferenz unterscheiden und entsprechend bistabil und zukunftsoffen beobachten können." (53)