dialog im aktsaal

Graz und das «Nachtwanderfrühstück» als Dialog

Das erstmals im Jahr 2001 initiierte Grazer «Nachtwanderfrühstück» im Stadtteil Gries versammelte parallel zum «Steirischen Herbst» am 20. Oktober nachts eine bunte Mischung von Menschen: ein Dutzend Bürger, Künstlerinnen, Kuratoren, Theaterleute lernen sich ad hoc kennen, bilden unter und rund um ein Zelt eine temporäre autonome Zone, geben sich dem Essen und Trinken hin. Plötzlich entpuppt sich der Event als sanfte Verschwörung für ein kollektives Denken, für die direkte Begegnung von Angesicht zu Angesicht. In einer Zeit der fortschreitenden Abstraktion und der digitalen Bilder ist das Beharren auf Auseinandersetzung, einschliesslich das Chaos alltäglicher Erfahrung, ein radikaler Wunsch.

Zum Aufwärmen gibt es an der «Friedhofsgasse» Kaffee und Kuchen. Dann der Aufbruch mit Lichtern zur nächsten Station. Währenddessen wird das Zelt demontiert, die Gastronomie verpackt, und zum neuen Ort transportiert und dort wieder aufgebaut. Aufgetischt werden vor dem «Bad zur Sonne» Wein und Käse. Das eigene Videoteam macht Interviews. Passanten stossen dazu. Wenn der Dialog gelingt, geht es um Kommunikation pur. Urbano-Logie ereignet sich über Worte (Logos). Während die Diskussion mit Perkussion zu tun hat, mit zerschlagen, zerteilen und zerlegen, will der Dialog das Zusammenspiel fördern. Pingpong spielen, nicht um zu gewinnen, sondern um zu sehen, wie lange der Ball im Spiel gehalten werden kann.

Entlang der Griesgasse wird es gefährlich. Die grellen Lampen der Filmemacher schrecken Jugendliche auf, die gerade «auf Kurve» sind – von zu Hause oder aus einem Heim ausgerissen. Die Lokale und Bars bieten den Secondos und Asylsuchenden die emotionale Nestwärme eines selbstgewählten Ghettos. Der Alkohol beflügelt die trotz allen ernüchternden Erfahrungen verträumte Sicht der Welt. Im Hintergrund dröhnt eine aggressive Version des Eurythmics-Songs «Sweet Dreams» inmitten dieser Männerwelt.

Slatko trägt eine Glatze, ist elegant und gewählt gekleidet und unleugbar intelligent. «Filmen verboten!» Seine Gäste dürfen nicht belästig werden. Man will in Ruhe gelassen sein. Überhaupt: Wer seid ihr? Was wollt ihr? Das sei seine Strasse. Privatgrund!? Grundlos unser Auftauchen. Irritation. Der Mond über dem Balkan geht im Gries auf. Zwei Systeme treten zum Showdown an. Blut oder blumige Worte, Krieg oder Dialog? Erfolgreiches Krisenmanagement. In solchen Fällen gibt es keine Norm für das Handeln. Wer seine Aufmerksamkeit auf den Verlauf der Dinge lenkt und sich auf das Potenzial der Situation stützt, gewinnt.

Schlag auf Schlag folgen noch Begegnungen am «Griesplatz», hier zu Erdbeeren, und ausserhalb des Gries am Partyort des «Steirischen Herbstes», diesmal mit heissen Maroni. Dann folgt die Rückwanderung ins Gries-Quartier, wo in der «St. Andrä Kirche» ein afrikanischer Mitternachtsgottesdienst gefeiert wird, mit Live-Band sowie Hostien haltenden und tanzenden Brothers & Sisters. Halleluja! Das Fehlen theoretischer Erklärungen überlässt es uns, diese Bilder zu interpretieren. Die Unmittelbarkeit des Augenblicks fasziniert.

Draussen unter dem Zelt wird Suppe gelöffelt und palavert. Das Nachtwanderfrühstück der Urbanologen ist ein kartografisches Kunst-Konzept, das ganz auf das Aufspüren von Empfindungen, Sensationen, Affektionen und Perzeptionen ausgerichtet ist. Es findet heuer wieder statt: am 16. November 2002.

Die Teilnehmer an der Stadt-Expedition «Nachtwanderfrühstück» wollen nicht die Nomaden der Wüste werden. Ihre Performance wechselt von einem räumlichen zu einem geistigen Nomadentum, der die Gabe besitzt, überall Augenweiden zu finden. Sie sind selbstbewusste Stadtbewohner und wollen daher nicht vom Okzident in den Orient ziehen, um dort Gebetstempel zu errichten. Im Gegenteil: Sie werden Orientale in Graz. Als Indianer reiten sie durch die hiesige Universität, als Stadtwanderer durchstreifen sie den Raum des Stadtkörpers mit der Leichtigkeit eines Kalmuken.

Auskunft erteilt gerne:
Paolo Bianchi
bianchi.art@pop.agri.ch