MMK 2019 AG2 Bericht

Aus Mmktagung
Wechseln zu: Navigation, Suche

MMK Home - Die Tagung - Programm - Arbeitsgruppen - Rahmenprogramm - Schlussbericht - Ausblick MMK_2020


Berichte und Ergebnisse der AG2

Pressemitteilung zuhanden das IATs

Kybernetik als eine Möglichkeit, Systeme zu beschreiben

Obwohl in den 50er und 60er Jahren Kybernetik in der wissenschaftlichen (politischen) Diskussion eine große Rolle spielte, scheint diese Form des Zugangs zur Systembeschreibung komplett verschwunden zu sein. Die AG hat interessiert, welche Vorteile der Versuch hat, für verschiedene Disziplinen und Lebenszusammenhänge eine Art der gemeinsamen Sprachmöglichkeit zu finden und welche Gelegenheiten bestehen, kybernetische Ansätze aus der Beschränkung auf rein technische Betrachtungsweisen herauszulösen.

Aus unserer Sicht sind technisch-produktionsorientierte Anteile der Kybernetik in die Informatik und die eher theorieorientierten Anteile in philosophische Ansätze wie den Konstruktivismus gewandert. Möglicherweise könnte kybernetisches Denken als grundlegende Kulturtechnik in pädagogischer Form in den Schulen verschiedene Fächer unterstützen bzw. sogar ersetzen. Ein Vorteil dieses Ansatzes wäre, dass analog zum Lesen- und Schreiben-Lernen eine Weise gefunden würde, nicht nur mit und über Systeme zu lernen, sondern auch solche zu konstruieren.

Die Problematik, sich solchen Zugangsweisen zu widmen, scheint u. a. darin zu liegen, dass Personen sich selten mit der Modellierung der sie betreffenden Systeme beschäftigen wollen. Denn die Arbeit, die dadurch geleistet wird, macht sich weder direkt bemerkbar, noch können bei der Re-Konstruktion tatsächlich bestehender oder geplanter Systeme organisatorische oder inhaltliche Mängel versteckt werden.

Erfahrungsberichte der Teilnehmenden

Rolf Todesco

Zuerst: meine MMK-Erfahrung schlechthin. Wenn ich mich mit ein paar Menschen zu einem Dialog zusammensetze, erkenne ich wie verschieden wir sprechen. Ich will dafür keine Erklärungen suchen sondern beobachten, wie wir damit umgehen. Unser Thema schien mir - wie meistens - recht zufällig und bereits die Moderationspapiere zeigten sehr verschiedenen Perspektiven, die durch die Positionspapiere nochmals sehr erweitert wurden. Von einem gemeinsamen Thema konnten wir also nicht ausgehen, obwohl die AG einen Titel hatte. Das erlebe ich an jeder MMK genau so.

Dann: Eine gemeinsame begriffliche Bestimmung zur Kybernetik war uns nicht möglich, alle Versuche scheiterten an Verhaftungen in vermeintlichen Anwendungen. Wir haben ziemlich lange über die thermostatengeregelte Heizung gesprochen, aber daraus folgte jeweils nichts für Gegenstände, die uns mehr interesierten: Le(h)r(n)maschine, Scrub-Verfahren, Softwareorganisation, Theorie des Erklärens.

Schliesslich: Was wir mit Pädagogik bezeichnen, haben wir stillschweigend vorausgesetzt,und einfach über Schulkinder und Schule gesprochen, wobei uns bewusst war, wie wenig wir darüber wissen. Ein vorläufiges Resultat sehe ich darin, dass wir - wenigstens vordergründig gemeinsam - mein(t)en, dass das Modellieren als Kulturtätigkeit in der Schule nicht nur nicht gepflegt, sondern sogar verdrängt wird.

Ich werde zunächst ein paar Aspekte unserer Kybernetik-Diskussion erläutern und nachher auf unsere pädagogischen Perspektiven eingehen:

Kybernetik

Anhand unserer pädagogischen Überlegungen erkannte ich (quasi rückwirkend), dass wir mit Kybernetik vor allem eine Art Modellieren "gemeint" haben. In der Diskussion war oft von Regelkreisschemata die Rede, oder differenzierter von Schemta und von Regelkreisen. Ein grosses Problem hatten wir mit der Unterscheidung Modell und Modellabbildung. Gunter beharrte - bis hin in seine nicht abgesprochene Präsentation unserer AG-Resultate - darauf, dass Kybernetik ein Darstellungsschema sei, dass er überdies leicht durch andere Darstellungen ersetzen könne. In der Präsentation der Resultate bewirkte das Reaktionen wie, Kybernetik sei auch nur eine Sprache. Diesbezüglich sind unsere Ansichten aber meilenweit auseinandergegangen. Für mich ist Kybernetik Technik, also etwas völlig anderes als Sprache oder Schemata.

Hintergrund solcher Interpretationsvariationen scheint mir, dass in der Technik generell, aber in der Informatik ganz speziell jenseits begrifflicher Kategorien gesprochen wird, weil ja immer ein Referenzobjekt, also ein konkrete Maschine entscheidet, was wie zu verstehen ist. Auch bekannte Kybernetiker bezeichnen die Kybernetik - geschwätzig - als Wissenschaft, ohne zu sagen, was sie damit als Wissenschaft bezeichnen. Sie würden wohl in diesem begriffslosen Sinn auch Technik, Informatik und Mathematik als Wissenschaft von irgendetwas bezeichnen.

Eine unserer Ausgangsthesen war, dass Kybernetik als Fachbezeichnung weitgehend verschwunden ist, einerseits weil sie so allgemein verwendet wurde, dass ihr spezifischer Charakter verloren ging und andrerseits, weil die technischen Aspekte durch das Wort Informatik - eine ebenso beliebige Wortschöpfung wie Kybernetik - bezeichnet wurde. Informatik und Kybernetik wurden historisch als mathematische Disziplinen begriffen, sie sind aber ihrem Wesen nach Engineering, also herstellende, gestaltende Disziplinen, was mit Mathematik rein gar nichts zu tun hat - ausser dass natürlich wie überall auch etwas gerechnet wird. Dass wir überhaupt noch über Kybernetik nachdenken, beruht darauf, dass die Mode des Radikalen Konstruktivismus durch die Bezeichnung Kybernetik 2. Ordnung das Wort und bestimmte Aspekte der Lehre wieder populär gemacht haben. Wir sind darauf nicht näher eingegangen.

Ein wenig Konsens - schien mir (!)- hatten wir darin, dass die Kybernetik Mechanismen mit Rückkoppelungen konstruiert oder RE-konstruiert. Es ist uns meines Erachtens nicht gelungen, uns auch über Rückkoppelung einig zuwerden, dagegen haben wie anhand der Ablaufschemata, die die Programmierung beherschen, den Unterschied zwischen linearen Prozessen mit einem Ziel und kybernetischen Prozessen, die kreisförmig sind, unterschieden. (Einschub von mir für mich: H. Arendt verwendet diese Unterscheidung für Kultur (Herstellen) und Natur (Arbeiten)).