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Aktuelle Version vom 8. Januar 2010, 09:21 Uhr

Erhard Nullmeier

Dezember 2009

Kein Bericht!

Subjektive Anmerkungen zur AG „Die Kraft der Sprache – digitale Poesie“ bei der MMK 2009

Teilnehmer: Thorsten Hasbargen, Hartmut Sörgel, Rolf Todesco und Erhard Nullmeier

Einen poetischen Einblick in das, was in der Gruppe besprochen wurde, gibt der Bericht von Hart-mut. Thorsten hat am Mittwoch unsere Arbeitsgruppenergebnisse in beeindruckender Art dargestellt – vielleicht gibt es den Text auch hier als Ergänzung!? Wir waren nur vier Personen, zwei Modera¬toren und zwei „sonstige“ Teilnehmer. Diese Rollen erwiesen sich schnell als unnötig bis hinderlich, so dass recht frei diskutiert wurde. Auch wurde – wie so häufig bei der MMK - auf die eingereich¬ten Beiträge kaum Bezug genommen.

Mit „diskutiert“ ist ein unsystematischer Gedanken- und Meinungsaustausch gemeint, da wir uns früh geeinigt haben, eher die Vielfalt der Meinungen und auch der – mehr oder weniger - poetischen Äußerungen interessiert zur Kenntnis zu nehmen und erst gar nicht versuchen sollten, über irgend etwas eine Einigung zu erzielen. Dies erleichterte und erschwerte die Diskussion (falls man das so nennen darf) gleichzeitig.

Ein Beispiel: Hartmut bereicherte die Diskussion durch poetische Texte und auch eine vorbereitete Zeichnung. Wir alle fanden die Texte gut und bewunderten auch die Kreativität der Sprache, aber das führte (nur bei mir?) eher zum Innehalten/Unterbrechen der Diskussion als zur Klärung des Dis¬kutierten. Auch die Frage, was denn nun an Hartmuts Texten oder auch an den Äußerungen der an¬deren Teilnehmer „Poesie“ sei, hat mir „nicht wirklich“ geholfen – da wir keine Entscheidungskrite¬rien hatten, vielleicht gibt es die auch gar nicht. Die Zuschreibung des Begriffs „Poesie“ wird vom Hörer/Leser vorgenommen, nicht vom Ersteller des Textes – damit ist dann auch kein Widerspruch gegen diese Zuschreibung möglich.

Sprache und die Kraft der Sprache wurden (fast) ausschließlich innerhalb der Mensch-Mensch-Kommunikation betrachtet. „Geiz ist geil“ wurde von Thorsten mehrfach als kraftvolle Sprache in die Diskussion gebracht, die Kennzeichnung “poetisch“ hat er nicht verwendet (warum eigentlich nicht?); kraftvoll ist eine sprachliche Äußerung, wenn sie möglichst viele Menschen zu einer Handlung oder wenigstens zu einer bestimmten/beabsichtigten Einstellung bringt. Im Fall von Thorsten hat der Werbespruch allerdings eine eher negative Kraft erzeugt/gefördert. Handelt es sich dann auch um eine „kraftvolle“ sprachliche Äußerung? Bezieht sich die „Kraft der Sprache“ nur auf einzelne sprachliche Äußerungen?

Meta-Sprache (hat das „Meta“ hier etwas mit dem „Meta“ von Metapher zu tun?). Wie können wir über Sprache reden? Nur mit sprachlichen Mitteln, dann hätten wir eine Art von Rekursivität (hat das etwas mit Rekurs zu tun?). Sind Erkenntnisse über Sprache durch das „Denken und Reden mit Sprache“ eingeschränkt? Die Diskussion ging auf Chomsky und seine generative Grammatik ein, u.a. wie weit diese heute noch von den Linguisten akzeptiert wird. Gibt es gemeinsame Strukturen der Sprachen, sind diese angeboren usw.?

Rolf hat mit Verweis auf den für ihn begeisternden (und erhellenden?) Anfang des Films „Odyssee 2000“, in dem eine Verbindung vom anfangs eher zufälligen Gebrauch von „Werkzeugen“ (nach meiner Erinnerung Knochen zum Einschlagen auf andere Menschen) zu Raketen für den Mondflug gezeigt wird. Die These daraus: Für den Bau von Werkzeugen ist Sprache notwendig, Sprache hat also kausale (und zeitliche) Priorität gegenüber dem Werkzeuggebrauch. Sprache wird hier nicht nur für die Kommunikation in arbeitsteiligen Prozessen benötigt (das würde wohl jeder akzeptie-ren), sondern der Bau einigermaßen komplexer Werkzeuge auch für einen einzelnen Menschen ist ohne Sprache nicht möglich. Wenn ich hier Rolfs Auffassung richtig wiedergegeben habe, würde ich die Priorisierung nicht so eindeutig sehen.

Im Lauf der Zeit kann sich ein Bedeutungswandel des Verhältnisses von Bezeichnungen zu Begrif-fen (als Abstraktion des Bezeichneten) einstellen. In Basel wurde (nach Rolf) empirisch ermittelt, dass die Bezeichnung „Esel“ nur noch in wenigen Fällen auf das Tier bezogen ist, weitaus häufiger auf Menschen. Auch „geil“ hatte in meiner Jugendzeit eine spezielle, eingeschränktere Bedeutung, nur „Geiz“ ist geblieben. Ist die Wandelbarkeit der Bedeutung oder sind Mehrfachbedeutungen Zeichen kraftvoller Sprache?

Hat Poesie etwas mit Metaphern zu tun? Durch den Gebrauch von Metaphern werden beim Leser/ Hörer Assoziationen erzeugt/geweckt, die zu verschiedenen Interpretationen des Textes führen . Dies könnte – in der zwischenmenschlichen Kommunikation – ein Aspekt der Kraft einer sprachlichen Äußerung und damit auch der Kraft der Sprache sein. Nun werden Metaphern in der Mensch-Maschine-Kommunikation ganz anders verwendet: der Nutzer soll – angelehnt an seine Alltagserfahrungen – eine möglichst exakte Vorstellung bekommen, welche Funktion der Maschine mit der Metapher verbunden ist.

Ausführlicher wurde der Sprach- und Metaphergebrauch in den Naturwissenschaften, insbesondere in der Astronomie besprochen. Schwarze Löcher, Zwerge, Sternleichen, Todeskampf von Sternen... Dienen diese Bezeichnungen der Erkenntnis/Anschaulichkeit oder sind sie nur/vorwiegend gewählt worden, um ein größeres Publikum zu erreichen, zu faszinieren?

Ähnlich auch bei Maschinen bzw. Computer/Rechner/Ordinateur....Für den „Computer“ wurden als Erklärungen der Mensch angeboten, der bestimmte Rechenoperationen ausführte, z.B. die Berech¬nung von Logarithmentafeln, oder etwas einfacher die Funktion des Rechnens. Im ersten fall wäre ein Mensch der Ursprung, im zweiten Fall eine Funktion (die von Menschen, aber auch von Ma¬schinen ausgeführt werden kann). Die französische Bezeichnung „Ordinateur“ diente m.W. vorwie¬gend der Abgrenzung gegen die „Amerikanisierung“ der Sprache.

Eine kurze Diskussion gab es über den „Turing-Test“. Turing hatte Anfang der 50er Jahre als Ent-scheidungskriterium, was Intelligenz sei, einen Test vorgeschlagen, in dem ein bestimmter Anteil von Menschen in einer bestimmten Zeit mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit die (damals zwangsläufig) textuellen „Äußerungen“ seines Gegenübers daraufhin beurteilen solle, ob dieses Ge¬genüber ein Mensch oder eine Maschine sei. Unabhängig davon, ob Maschinen diesen Test schon bestanden haben, irgendwann bestehen werden oder nie bestehen können, was sagt das zur Frage der „Kraft der Sprache“ aus? Wir hatten (meines Wissens) nicht erörtert, ob für sprachliche Äuße¬rungen Intelligenz notwendig ist.

Bei meiner Nach-Weihnachtslektüre der „Atemschaukel“ von Herta Müller wurde Sprache auch als Hilfsmittel für das eigene Überleben in extremen Situationen, hier einem Arbeitslager, verwendet; nicht nur für die Kommunikation mit Anderen oder den Bau von komplexen Dingen wie z.B Werkzeugen. Bei den Worten der Großmutter bei der Deportation ins Lager „Ich weiß, Du kommst wieder“, kann ich das verstehen, bei vom Lagerinsassen selbst geprägten Wortschöpfungen wie „Atemschaukel“ und „Hungerengel“ fällt mir das schwerer – es ist aber sehr glaubwürdig darge¬stellt. Oder sind diese Begriffe erst im Roman entstanden?

Fazit: Es war interessant und anregend, mit so (!) unterschiedlichen Menschen zu kommunizieren. Mit dem Thema der Arbeitsgruppe müsste man sich mal ausführlich beschäftigen. Insofern das glei¬che Gefühl, das ich nach fast jeder MMK-Tagung habe und das mich (trotz schon mehrfacher zwi¬schenzeitlicher Frustration) immer wieder zur Teilnahme reizt.