Informationssysteme und Datenbanken
Informatik-Projektentwicklung
Grundlagen für den Informatikeinsatz
Grundzüge der Datenverarbeitung
|
24. Januar 2003, 02:26, Neue Zürcher Zeitungp Von Menschen und MäusenDie Pioniergeneration der schweizerischen Computerwissenschaft geht
Am Montag wird Carl August Zehnder im Auditorium maximum der ETH seine Abschiedsvorlesung halten. Damit tritt einer der letzten Vertreter der Pioniergeneration der schweizerischen Computerwissenschaft ab. Als Mathematikstudent war Zehnder in den späten fünfziger Jahren mit der Nutzbarmachung des ersten Schweizer Computers beschäftigt, in den achtziger Jahren war er massgeblich am Aufbau eines eigenständigen computerwissenschaftlichen ETH-Instituts beteiligt. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat sich die Informatik von einem randständigen Forschungsgegenstand im ETH-Institut für angewandte Mathematik zu einer vielfältigen und eigenständigen Ingenieurwissenschaft entwickelt, die heute ein ganzes Departement der Hochschule umfasst. Carl August Zehnder hat diese Epoche seit den fünfziger Jahren mitgestaltet. In Baden geboren und aufgewachsen, immatrikulierte sich der damals 20-jährige Carl August Zehnder 1957 als stud. math. an der ETH und besuchte im Jahr darauf die Vorlesung «Programmieren» von Heinz Rutishauser, der wichtige Beiträge zur numerischen Informatik und bei der Gestaltung der Programmiersprache Algol geleistet hat. Im Institut für angewandte Mathematik von Professor Eduard Stiefel konnte der Student von der neuen «Elektronischen Rechen-Maschine an der ETH» (Ermeth) profitieren, dem ersten in der Schweiz gebauten Computer. Schon 1963 führte der inzwischen diplomierte Mathematiker und zum Panzerabwehroffizier aufgestiegene Zehnder mit der Ermeth die ersten Computersimulationen von Panzergefechten durch. Diese Beschäftigung mit militärischen Aufgaben sollte für seine spätere Laufbahn ebenso wegweisend werden wie das Thema seiner Doktorarbeit aus dem Jahre 1965, «Berechnung von Stundenplänen und Transportplänen», mit der er seine Neigung für das in jener Zeit aufkommende Gebiet der Operations- Research manifestierte. Das dabei entwickelte Computerprogramm für die Planung der Prüfungen an der ETH blieb - mehrfach überarbeitet - 25 Jahre im Gebrauch. Administrative Verpflichtungen1966 ging Zehnder mit einem Stipendium des Nationalfonds für ein Jahr in die USA, an das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston. Unter anderem programmierte er Güterzugfahrpläne für die Santa-Fé- Eisenbahn. Doch 1967 kehrte er als stellvertretender Direktor und mit einem Lehrauftrag für Optimierungsmethoden in das von Professor Franz Weinberg damals gegründete ETH-Institut für Operations-Research in die Schweiz und an seine Alma Mater zurück. 1969 wechselte er jedoch in die Informatik als Leiter einer neuen ETH-Koordinationsgruppe für Datenverarbeitung (KDV). Erst im Vorjahr war an der ETH die Fachgruppe Computerwissenschaften geschaffen worden, der die Professoren Heinz Rutishauser und Peter Läuchli aus der Schule von Eduard Stiefel sowie der zuvor aus den USA zurückgekehrte Niklaus Wirth angehörten. Zehnder erhielt von der Fachgruppe - neben seiner Verwaltungstätigkeit als KDV-Chef - weitere Lehraufträge und wurde 1970 Assistenzprofessor. Im Jahr 1973 erhielt die ETH eine neue Schulleitung unter Präsident Heinrich Ursprung, und der neu ernannte Rektor Heinrich Zollinger fragte Zehnder an, ob er als Delegierter für Studienorganisation in das Rektorat eintreten wolle. Im Sommer des gleichen Jahres wurde er zum ausserordentlichen Professor befördert und erhielt Gelegenheit, im IBM-Forschungslabor San José mit Edward F. Codd, dem legendären Begründer des Modells der relationalen Datenbank, zusammenzuarbeiten. Das Gebiet der Datenbanken sowie die Gestaltung grosser Informationssysteme wurde zu Zehnders eigentlicher Domäne, dem Spezialgebiet seiner wissenschaftlichen Publikationen und der von ihm verfassten Lehrbücher. In den siebziger Jahren war die Informatik in der Schweiz - anders als im Ausland - noch keine eigenständige Disziplin, es war nicht möglich, ein Hochschuldiplom als Informatiker zu erwerben. Die Fachgruppe Computerwissenschaften, 1974 in Institut für Informatik umbenannt, gehörte zur ETH-Abteilung Mathematik und Physik. Die Universität Genf führte 1976 in der Schweiz den ersten Hochschulabschluss für Informatik ein. Weder an der ETH Zürich noch bei der EPF Lausanne gelang vorerst trotz intensiver Promotionstätigkeit hinter den Kulissen der Hochschulbehörden ein Durchbruch. Die hartnäckigen Bemühungen der Informatiker sowie zuletzt auch politischer Druck aus Wirtschafts- und Industriekreisen führten 1981 endlich zur Etablierung eines Informatik-Diplomstudienganges mit einer eigenen Informatikabteilung an der ETH. Zehnder, er war 1979 Ordinarius geworden, spielte in diesen jahrelang fruchtlosen Bemühungen dank seinen Beziehungen zur Hochschulverwaltung eine zwar wenig sichtbare, aber wesentliche Rolle. Es gehörte zu den Aufgaben von Zehnder, den Antrag auf Gründung der neuen Abteilung an einem Hearing des Schulrates der ETH zu vertreten. Er erinnert sich: «Den grössten Eindruck machte offenbar eine Folie der Präsentation mit bloss zwei Sätzen:
Zehnder wurde Gründungsvorsteher und damit administrativer Manager der neuen Hochschulabteilung. Die letzte derartige Neugründung lag fast 50 Jahre zurück und betraf die Abteilung für Elektrotechnik; Erfahrungen für das Vorgehen bei einer solchen Neuschöpfung waren darum nicht verfügbar. Verzicht auf ForschungstätigkeitDie neue Informatikabteilung nahm ihren Betrieb 1981 mit viereinhalb Professorenstellen auf. Der Lehrkörper beschloss angesichts der knappen personellen und materiellen Ressourcen der Hochschule, während der ersten paar Jahre des neuen Informatik-Diplomlehrgangs weitgehend auf eigene Forschungstätigkeit zu verzichten und sich praktisch ausschliesslich der Lehrtätigkeit zu widmen. Die organisatorischen Vorarbeiten mussten innerhalb weniger ausserordentlich arbeitsintensiver Monate abgeschlossen werden. Zu Beginn des Wintersemesters 1981 traten 110 Studierende ins erste Semester des neuen Informatik-Diplomlehrgangs ein, weitere 23 Studenten wechselten ihr Studienfach und nahmen das 5. Semester des Informatiklehrgangs in Angriff. 1984 erhielten die ersten 20 Absolventen ihre Diplome als Informatikingenieure, und die junge Abteilung zählte 473 Studierende. Zum Vergleich: Im Wintersemester 2001/2002 wurden 1192 Informatikstudenten - darunter 125 Doktoranden - gezählt, sie machten 11,5 Prozent aller Studierenden an der ETH aus, und Informatik war damit die am meisten gefragte Fachrichtung im Lehrangebot der Hochschule. Schwieriges ProjektmanagementZehnders Vorlesungen befassten sich einerseits mit der Gestaltung von Datenbanken, anderseits auch mit dem Management von Informatikprojekten. Die Grundlagen dafür und die praktische Erfahrung damit hatte er sich schon 1978 in einem Studienaufenthalt beim Flugzeughersteller Boeing in den USA geholt. Es war deshalb kein Wunder, dass ihn der 1987 neu gewählte ETH-Präsident Professor Hans Bühlmann anfragte, ob er den Posten des ETH- Vizepräsidenten für Verwaltung übernehmen könnte. Er sagte zu und wurde auf fünf Jahre in diese Funktion gewählt. Im Departement Informatik gab er all seine vielfältigen offiziellen und inoffiziellen Funktionen ab, lediglich seine renommierte Vorlesung über das Thema Projektleitung führte er weiter. Eine seiner ersten Amtshandlungen auf dem neuen Posten war die Umbenennung seiner Funktion in Vizepräsident Dienste, denn er verstand seine Managementaufgabe so. In jenen Jahren wurde befürchtet, die schweizerische Forschung könnte auf dem Gebiet der Informatik den Anschluss an internationale Entwicklungen verfehlen, und das Parlament bewilligte ein millionenschweres Impulsprogramm, aus dem beträchtliche Summen auch den Informatikanwendern der ETH zugute kamen. Präsident Bühlmann lag die akademische Förderung der italienischen Schweiz sehr am Herzen, und er beschloss unter anderem, eine Initiative zur Errichtung eines Supercomputerzentrums im Tessin zu starten. Als auch die Tessiner Regierung von diesem Vorhaben erfuhr, wurde das Projekt - geleitet von ETH-Vizepräsident Zehnder - unvermeidlicherweise zu einem Politikum. Es gab bald lokalpolitische Reibereien wegen des Standorts, aber auch wegen der Kostenfolgen. Der unter anderem auch für die ETH-Finanzen verantwortliche Zehnder wollte diese und andere Kostenentwicklungen nicht mehr mittragen und trat 1990 als ETH-Vizepräsident zurück. Trotz allen Widrigkeiten wurde das Projekt des Supercomputerzentrums unter Zehnders Leitung weitergeführt und termingerecht fertiggestellt. Das Centro Svizzera di Calcolo Scientifico (CSCS) in Manno bei Lugano konnte 1991 eröffnet werden. Nach Abschluss dieser Arbeiten ging der professorale Manager wieder an die Abteilung für Informatik - das heutige Departement Informatik - zurück und fand dort neue Aufgaben. Er erweiterte seine Vorlesungstätigkeit um einen Vertiefungslehrgang über die «Gestaltung grosser Informationssysteme», wie sie heute in Industriekonzernen, Grossbanken und Versicherungen anzutreffen sind. Diese Vorlesung wird nicht nur von Studierenden der Informatik besucht, sie gehört auch zum Unterrichtsprogramm der Abteilung Betriebs- und Produktionswissenschaften. UnruhestandNeben seiner Lehrtätigkeit hat sich Carl August Zehnder auch stets um die universitäre Vernetzung bemüht, er vertrat beispielsweise die ETH während gut 25 Jahren in der CICUS, der nach 1970 gegründeten Informatikkommission der schweizerischen Hochschulen, und wurde häufig in nationale und internationale Gremien abgeordnet. Er gründete 1980 den Schweizerischen Verband der Informatikorganisationen (SVI/FSI), den er nach Unterbrüchen noch heute präsidiert. Ferner war er in den achtziger Jahren massgeblich an der Gründung und dem Aufbau der Wirtschaftsinformatikschule Schweiz (WISS) beteiligt. Neu hat er Aufgaben in der I-CH übernommen, der Genossenschaft für Informatik-Berufsbildung in der Schweiz, die sich mit der Gestaltung der Aus- und Weiterbildung für Informatikberufe befasst. An diesen über sein Lehramt hinausgehenden Tätigkeiten ist wohl abzusehen, dass der Ruhestand des aus dem ETH-Lehrkörper ausscheidenden Professors eher zu einem Unruhestand werden dürfte. Gregor Henger Abschiedsvorlesung und Symposiumghr. Die Abschiedsvorlesung von Prof. Carl August Zehnder zum Thema Daten findet am Montag, 27. Januar, um 17 Uhr 15 im Auditorium maximum des Hauptgebäudes der ETH Zürich statt. Vorher, um 13 Uhr 30, findet zu Ehren des in den Ruhestand Tretenden am gleichen Ort ein Symposium mit dem Thema «Informatik in der Anwendung» statt, dem sich ein Podiumsgespräch über die Frage «Was erwartet die Wirtschaft von Informatikausbildern und -verbänden?» anschliesst. |