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Prof. Dr. Hans Ulrich - Leben und Werk von Prof. Dr. Markus Schwaninger 1. Zum wissenschaftlichen Werk von Hans Ulrich Professor Hans Ulrich gilt im deutschen Sprachbereich als Begründer und führender Vertreter der “systemorientierten Managementlehre”. Mit seinem 1968 erschienenen Hauptwerk “Die Unternehmung als produktives soziales System” begründete er eine neue Richtung in der betriebswirtschaftlichen Forschung und Lehre, die sich in mehrfacher Beziehung von der klassischen Betriebswirtschaftslehre unterscheidet.
Auf dieser Basis entwickelt Ulrich mehrdimensionale Modelle der Unternehmung und der Unternehmungsführung. Diese bilden zusammen einen Bezugsrahmen, der sowohl der geordneten Darstellung der in der Betriebswirtschaftslehre zu erfassenden und zu klärenden Sachverhalte dient wie auch der Lokalisierung und Charakterisierung der in der Praxis jeweils zu lösenden Führungsprobleme. Die Grundzüge dieses Begriffsgerüstes wurden 1972 als “St. Galler Management-Modell” publiziert das in der Folge als Ordnungsrahmen sowohl für den betriebswirtschaftlichen Unterricht an der Hochschule St. Gallen (später Universität St. Gallen) wie auch für zahlreiche Kurse und Seminare für Führungskräfte diente. Diese in den 60er Jahren entstandenen Arbeiten bildeten jedoch nur den Beginn einer bis zum Tod von Hans Ulrich und darüber hinaus andauernden Forschungs- und Entwicklungstätigkeit. Am Institut für Betriebswirtschaft der Hochschule St. Gallen leitete Ulrich ein Team, das in wechselnder Zusammensetzung sowohl die theoretische Arbeit weiterführte als auch parallel dazu die Anwendbarkeit des systemorientierten Gedankenguts in Lehre und Praxis prüfte. Zu seinen Mitarbeitern, die wesentliche Beiträge dazu veröffentlichten, gehören die späteren Professoren Peter Gomez, Walter Krieg, Fredmund Malik und Gilbert Probst. Wichtige Themenkreise waren:
Ulrich nahm selbst, auch über seine Emeritierung hinaus, in zahlreichen Beiträgen in Zeitschriften, Sammelbänden und Forschungsberichten zu den verschiedenen Entwicklungen Stellung, so insbesondere zum normativen und strategischen Management, zur werthaften Dimension der Unternehmungsführung (Managementphilosophie), zum Einbezug ökologischer Werte in das unternehmerische Zielsystem und zu den organisatorischen Konsequenzen der Anwendung einer systemischen Perspektive. Ein wichtiges Anliegen war ihm stets eine integrierende Betrachtungsweise, die die einzelnen Problemsituationen im Zusammenhang mit einem grösseren Ganzen erfasst. Dies kommt vor allem in der umfassenden Darstellung der “Unternehmungspolitik” (in Band II dieser Ausgabe; erstmals erschienen 1978) sowie im Gemeinschaftswerk mit G. Probst (Anleitung zum ganzheitlichen Denken und Handeln; Band III dieser Ausgabe; erstmals erschienen 1988) zum Ausdruck. Kennzeichnend für das Werk von Hans Ulrich ist somit die Öffnung der Betriebswirtschaftslehre in mehrfacher Hinsicht:
Die Schriften von Hans Ulrich haben über Jahrzehnte Vertreter der Managementlehre und –forschung im gesamten deutschen Sprachraum beeinflusst. Das St. Galler Konzept des Systemorientierten Managements geniesst, auch international, hohes Ansehen. Diese Reputation, mehr noch, der gute Ruf der Universität St. Gallen für ihre Ausbildung von Führungs- und Nachwuchskräften wurde massgeblich durch Hans Ulrich begründet. Nicht zuletzt sind wichtige Forschungsinitiativen an der Universität St. Gallen durch sein Denken beeinflusst worden. Zu nennen ist insbesondere das St. Galler Management-Konzept, welches Ende der achtziger und in den frühen neunziger Jahren durch ein Team von Professoren unter der Leitung von Knut Bleicher, dem Nachfolger auf Hans Ulrichs Lehrstuhl, erarbeitet wurde. Des weiteren wurde gegen Ende der neunziger Jahre ein von den Professoren Rolf Dubs und Johannes Rüegg-Stürm geleitetes Projekt ins Leben gerufen, welches die Weiterentwicklung des St. Galler Unternehmungsmodells anstrebt. 2. Zum Lebenslauf von Hans Ulrich Geboren wurde Hans Martin Ulrich in Brig am 12. November 1919 als drittes Kind des Gottlieb Ulrich und der Maria geb. Lauper. Sein Vater, aus Bern stammend, war damals Leiter des “Telegraphen- und Telephonbureaus” in Brig. Als der Vater 1921 befördert wurde und Aufgaben in der Zentralverwaltung der PTT übernahm, zog die Familie nach Bern, wo Hans seine Schuljahre bis zum Abschluss mit der Matura im Herbst 1938 verbrachte. Danach begann er ein Studium als Ingenieur an der ETH in Zürich, das er aber nach einem Jahr abbrach, weil er sich mehr zu Menschen als zu Maschinen hingezogen fühlte. Er ging zurück in seine Heimatstadt und immatrikulierte sich an der Universität Bern als stud. rer.pol., was sich nicht nur später als beruflich richtige Entscheidung erweisen sollte, sondern ihm auch zum privaten Glück verhalf. Bald lernte er nämlich seine Komilitonin Sonja Furrer kennen, die er im Sommer 1946 nach gemeinsamen, glücklichen Studienjahren heiratete. Zwei Jahre später entsprangen der Ehe die beiden Zwillingssöhne Peter und Werner. Seine Familie war ihm, auch wenn es nach aussen vielleicht nicht immer so erschien, das Wichtigste im Leben. Ihr galt seine erste Sorge und Zuneigung, und soweit es ihm seine wachsenden beruflichen Aufgaben erlaubten, weilte er am liebsten zu Hause bei Frau und Kindern. Besonders in den Ferien, wenn er etwas Abstand zur beruflichen Arbeit fand, genoss er das Familienleben sehr. Dort holte er sich auch die Kräfte für sein engagiertes berufliches Wirken. Sein beruflicher Weg begann mit der Assistententätigkeit an der Universität Bern und mit Stellen als Betriebswirtschafter in der Industrie. Bald aber zog ihn seine wissenschaftliche Neigung, die schon bei seiner vielbeachteten Dissertation “Nationalökonomie und Betriebwirtschaftslehre als Wirtschaftswissenschaften und ihr gegenseitiges Verhältnis” (1944) aufgefallen war, ins universitäre Umfeld zurück. 1947 habilitierte er sich in Bern mit einer Arbeit, die zwei Jahre später unter dem Titel “Betriebswirtschaftliche Organisationslehre” (1949) erschien und ihm sogleich breite akademische Anerkennung einbrachte. Damit war der weitere Weg vorgezeichnet: Während seiner Zeit als Privatdozent für Betriebswirtschaftslehre in Bern wirkte er zeitweise gleichzeitig als Vizedirektor des Betriebswirtschaftlichen Instituts an der ETH Zürich, bis er 1953 zum außerordentlichen Professor an der Universität Bern für die Lehrgebiete Organisation und Rechnungswesen berufen wurde. Nur ein Jahr später, also 1954, folgte der Ruf auf die ordentliche Professur für Betriebswirtschaftslehre an der damaligen Handelshochschule St. Gallen, der er dann während mehr als 30 Jahren bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 1985 treu blieb. Hier fand er sein ideales Wirkungsfeld, zunächst besonders im zielstrebigen Aufbau des neu gegründeten Instituts für Betriebswirtschaft, später in der Entwicklung des “St. Galler Konzeptes” der systemorientierten Managementlehre, die der HSG ab 1968, als das bahnbrechende Lehrbuch “Die Unternehmung als produktives soziales System” erschien, nachhaltige internationale Geltung verschaffte. Was war es, was neben dem Glück des Tüchtigen das besondere wissenschaftliche Profil von Hans Ulrich ausmachte? Es waren dies wohl seine ausgeprägte konzeptionelle Begabung, sein Blick für das Wesentliche, der weite, stets interdisziplinäre Horizont und die ganz persönliche, kreative Art, wie er abstraktes theoretisches Denken mit konkretem Praxisbezug zu verbinden wusste. Vielleicht gelang ihm das in so überzeugender Weise, weil er den beiden Hauptgefahren des Akademikers stets zu entgehen verstand: auf der einen Seite den Elfenbein-Syndromen der akademischen “l’art pour l’art” und des Modellplatonismus, auf der anderen Seite aber auch der Verwechslung von Praxisrelevanz mit hemdsärmligem, wissenschaftlich konzeptions- und orientierungslosem Pragmatismus. Diesem gegenüber betonte Hans Ulrich immer wieder die notwendige Eigenständigkeit der wissenschaftlichen Perspektive, die nur aus einer gewissen Distanz gegenüber der Praxis dieser auch etwas Eigenes zu bieten habe, nämlich klare Begriffe und eine über den Dingen stehende, ganzheitliche und integrative Sichtweise, die der Komplexität der Phänomene und der Vielfältigkeit der relevanten Aspekte gerecht wird.
3. Daten zum Lebenslauf Geboren am 12. November 1919 in Brig (Schweiz) Bürger von Lostorf (Schweiz) Reformiert, verheiratet, Vater von zwei Kindern Verstorben am 23. Dezember 1997 in St. Gallen (Schweiz)
Ausbildung Gymnasium in Bern, Matura Typus C (technisch-mathematische Richtung). Wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Eidgenössischen Technischen Hoch-schule (ETH) in Zürich und an der Universität Bern; Promotion zum Dr. rer. pol. mit höchster Auszeichnung “Summa cum laude”, Bern 1944. Studienreisen u.a. in den USA (1953: Advanced Management Programs, Harvard, MIT, Chicago u.a.; 1960: Faculty Seminar in New Developments in Business Administration, Cornell University, 1960). Studien- und Vortragsreise in Japan, Japan Management Association, 1965.
Akademische Laufbahn 1944 -1946 Assistent von Prof. A. Walther, Universität Bern 1947 - 1953 Privatdozent an der Universität Bern 1954 - 1985 Lehrtätigkeit an der Hochschule St. Gallen, insbesondere auf den Gebieten Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Organisationslehre, Unternehmungspolitik; Mitbegründer und Leiter des Instituts für Betriebswirtschaft an der Hochschule, Leiter zahlreicher Hochschul-kommissionen, insbesondere auf dem Gebiet der Forschung, der Studienreform und der Weiterbildung 1954 - 1990 Begründer und Mitglied der Leitung der “Schweizerischen Kurse für Unternehmungsführung” (SKU) 1968 - 1984 Präsident des geschäftsleitenden Ausschusses des Instituts für Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen (später: Universität St. Gallen).
Praktische Tätigkeiten 1944 - 1953 Tätigkeit als Betriebswirtschafter in der Industrie, Vizedirektor am Betriebswissenschaftlichen Institut an der ETH, Zürich, Tätigkeit als Unternehmensberater 1954 - 1990 Mitwirkung an zahlreichen Projekten der Unternehmensberatung, Planung von Weiterbildungsszenarien, Tätigkeit als Referent und Seminarleiter; Mitglied des Verwaltungsrates verschiedener Unternehmungen in der Schweiz. 1972 Gründung des Management Zentrums St. Gallen 1973 Gründung der Stiftung zur Förderung der Systemorientierten Managementlehre, 1973 - 1997 Präsident des Stiftungsrates.
Auszeichnungen Mitglied der International Academy of Management Träger der Johann Friedrich Schär-Medaille, 1971 Träger des Martin Hilti-Preises, 1982 Dr. rer. publ. h.c. der Universität Zürich, 1977 Dr. rer. pol. h.c. der Universität Augsburg, 1980 Dr. rer. pol. h.c. der Universität Mannheim, 1985 Ehrenmitglied des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft, 1985
Wichtigste Publikationen Betriebwirtschaftliche Organisationslehre, Bern: Haupt 1949 Die Unternehmung als produktives soziales System, Bern: Haupt, 1. Aufl. 1968 Unternehmungspolitik, Bern: Haupt, 1. Aufl. 1978 Management (gesammelte Aufsätze), Bern: Haupt 1984 Anleitung zum ganzheitlichen Denken und Handeln, Bern: Haupt 1. Aufl. 1988 (zusammen mit G. Probst)
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