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Goethe, Johann Wolfgang von (ab 1782), *)Frankfurt am Main 28. 8. 1749, Weimar 22. 3. 1832, dt. Dichter. G. war der Sohn des Kaiserl. Rates Johann Kaspar G. (* 1710, 1782) und der Katharina Elisabeth, geb. Textor (* 1731 , 1808). Studienzeit (1765-71)

1765 nahm er das vom Vater bestimmte Jurastudium an der Universtität Leipzig auf. In den sechs Leipziger Semestern entstanden Gedichte im Ton des Rokoko (Liederbuch ›Annette‹, entst. 1767 ; ›Neue Lieder‹, 1768), erlebnisgeprägte Bekenntnislyrik und Oden sowie dramat. Versuche in den Formen des zeitgenöss. Theaters. Eine lebensgefährl. Krankheit ab Juni 1768 zwang ihn zur Rückkehr ins Elternhaus; im Umgang mit pietist. Kreisen, v. a. mit Susanne Katharina von Klettenberg, beschäftigte sich G. mit hermetischer Literatur.

Das Studium in Straßburg (1770-71) brachte neue Erfahrungen. J. G. Herder vermittelte ihm die Aufklärungskritik J. G. Hamanns und seine eigenen sprachphilosoph. Ideen, lenkte den Blick auf Shakespeare und Ossian sowie auf eine neue Wertung der Antike (Homer, Pindar); in Straßburg entstanden u. a. auch die ›Sesenheimer Lieder‹ (für Friederike Brion). Das jurist. Abschlußexamen berechtigte G. zur Advokatur (im Herbst 1771 in Frankfurt).

Frankfurt (1771-75)
In Frankfurt wurde das Drama ›Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand‹ (gedr. 1773) vollendet; ebenso entstanden die großen Hymnen (›Wandrers Sturmlied‹, entst. 1772, gedr. 1815; ›Mahomets Gesang‹, entst. 1772/773, gedr. 1774; ›Prometheus‹, entst. 1774, gedr. 1785; ›Ganymed‹, entst. 1774, gedr. 1789). In dieser Zeit galt G. als ein Hauptrepräsentant des Sturm und Drang, an dessen krit. Organ, den ›Frankfurter gelehrten Anzeigen‹ er sich zeitweise als Rezensent beteiligte. Sein erster Roman ›Die Leiden des jungen Werthers‹ (1774, Neufassung 1787) gilt als das produktive Vorbild des neuzeitl. dt. Romans.

Der ›Götz‹ erschien (nach Herders harter Kritik an der 1. Fassung) in 2. Fassung im Juni 1773. Die Geniebegeisterung des Sturm und Drang weckte das Interesse für den Helden des niederl. Befreiungskampfes, der zur Zentralfigur des 1775 begonnenen Dramas wurde (›Egmont‹, gedr. 1788). Die erste, mit den beiden Grafen Ch. und F. L. zu Stolberg-Stolberg unternommene Reise in die Schweiz (1775) war die erste einer Reihe von Fluchten, mit denen G. sich hemmenden Verhältnissen entzog, im Sinne dessen, was er später die ›Entelechie‹ nannte.

Weimar (1775-86)
Nach der Rückkehr aus der Schweiz lud der junge Herzog Carl August G. an den Weimarer Hof, wo er im November 1775 eintraf. Der ›Musenhof‹ der Herzogin Anna Amalia hatte eine Reihe literarisch tätiger Hofleute versammelt, darunter Ch. M. Wieland (als Erzieher Carl Augusts) sowie die Hofdame Charlotte von Stein. G. übernahm in Weimar zahlreiche polit. Aufgaben, u. a. wurde ihm die Verwaltung der Finanzen, des Berg- und Wegebaus, des Militärwesens übertragen, später übernahm er die Leitung des Theaters, die Aufsicht über das Hoftheater und generell über das Bildungswesen; 1766 erfolgte die Ernennung zum Geheimen Legationsrat, 1779 zum Geheimen Rat, 1815 zum Staatsminister, 1782 wurde er durch Kaiser Joseph II. geadelt. Weimar gewann durch G.s Betreiben und Vermittlung bedeutenden Zuwachs von außen. Aus der eher bohèmehaften Lebensform im Gartenhaus an der Ilm wechselte G. 1782 in das palaisartige Haus am Frauenplan, das er bis zu seinem Tod bewohnte. Für die Hofbühne schrieb er u. a. Schauspiele wie ›Die Geschwister‹ (entst. 1776, gedr. 1787), die Bearbeitung der ›Vögel‹ von Aristophanes (1787) und die frühen ›Mitschuldigen‹, (1. und 2. Fassung 1769, 3. Fassung gedr. 1787); auch die Prosafassung des ›Torquato Tasso‹ (entst. 1780/81, endgültige Fassung gedr. 1790) lag bereits vor; die aus Frankfurt mitgebrachten ›Faust‹-Szenen wurden vorgelesen, die Hofdame Luise von Göchhausen schrieb sie ab (dieser ›Urfaust‹ wurde 1887 in Weimar gefunden). Die literar. Öffentlichkeit erhielt 1790 vom ›Faust‹ Kenntnis, als G. ›Faust. Ein Fragment‹ drucken ließ. Auch der 1777 begonnene ›Wilhelm-Meister‹-Roman wuchs langsam in dieser Zeit. Von den lyr. Arbeiten des ersten Weimarer Jahrzehnts sind v. a. die zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Verse an Charlotte von Stein zu nennen (u. a. ›Warum gabst du uns die tiefen Blicke‹, entst. 1776, gedr. 1848). In dieser Zeit legte G. auch den Grund zu seinen umfassenden Naturstudien (festgehalten in Aufsätzen, Briefen, Tagebücher und Aufzeichnungen). Seine naturwiss. Studien bewertete er bisweilen höher als seine Dichtung. Anerkennung fand seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen (1784). Auf seinen Reisen entwickelte G. auch sein zeichner. Talent weiter, das er in Leipzig bei dem Winckelmann-Schüler Adam Friedrich Oeser (* 1717, 1799) geschult hatte.

Italienische Reise (1786-1790)
Den offenbar lange erwogenen Vorsatz zur Flucht aus der Enge Weimars, aus dem ›Druck der Geschäfte‹, setzte er am 3. Sept. 1786 mit seiner heiml. Abreise von Karlsbad in die Tat um. Er suchte in Italien eine Art Griechenlandersatz. Auf den Stationen seiner Reise interessierte er sich v. a. für das antike Rom und die italien. Renaissance. Den Aufenthalt in Rom unterbrach eine fast viermonatige Reise nach Neapel und Sizilien, die er auch zu naturwiss. Forschungen nutzte: am Vesuv trieb er geolog. Forschungen, im Botanischen Garten Palermos fand er seine Idee der ›Urpflanze‹ bestätigt, die ihm das Gesetzmäßige in allen Bereichen des Seienden, in der Natur wie in der Kunst, beispielhaft darstellte. V. a. in Rom suchte G. den Kontakt zu den bildenden Künstlern, so zu J. H. W. Tischbein und Angelika Kauffmann. Der Schriftsteller K. Ph. Moritz war zeitweise sein Gesellschafter in Rom. In Italien entwickelte G. seinen klassizist. Stil: hier schrieb er die endgültige Fassung der ›Iphigenie‹ (1787), das fragmentar. Drama ›Nausikaa‹ (1827) sowie die Versfassung des ›Torquato Tasso‹. Das unmittelbarste Werk der Italienreise sind die ›Röm. Elegien‹ (entst. 1788-90, gedr. 1795), ein geistreicher Dialog mit den großen Liebesdichtern der Goldenen Latinität (Tibull, Properz, Catull).

Im Juni 1788 kehrte G. nach Weimar zurück; seine Erlebnisse und Erfahrungen sind in den Briefen und Tagebüchern, die in 3 Bänden erstmals vollständig (1829) u. d. T. ›Italiänische Reise‹ veröffentlicht wurden, zu verfolgen. Auch im privaten Bereich zog G. durchaus die Konsequenz aus seiner italien. ›heidnischen Wiedergeburt‹: Christiane Vulpius (*)1765, †)1816), die Schwester des erfolgreichen Genreautors Ch. A. Vulpius, wurde seine Lebensgefährtin; von den fünf Kindern aus dieser Verbindung (Heirat 1806) blieb nur der erstgeborene Sohn August (* 1789, 1830) am Leben. 1790 ging G. noch einmal für wenige Monate nach Italien. An die Stelle seiner ersten Italienbegeisterung trat nun ein skept. Bild der italien. Gesellschaft. Zeugnis davon geben die ›Venetian. Epigramme‹ (1795 in Schillers ›Musenalmanch‹ erschienen). Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution (1790-94)

Die Auseinandersetzung mit der Frz. Revolution brachte u. a. das Lustspiel ›Der Groß-Cophta‹ (1792), den burlesken Einakter ›Der Bürgergeneral‹ (1793), das erste Stück einer Fragment gebliebenen dramat. Trilogie ›Die natürliche Tochter‹ (entst. 1799-1803, gedr. 1804), das satir. Epos ›Reineke Fuchs‹ (1794). 1792 begleitete G. den Herzog Carl August in das Feldlager des gegen Frankreich verbündeten Koalitionsheeres bis zu dessen Rückzug vor den Franzosen. Freundschaft mit Schiller (1794-1805)

Die 1790er Jahre sind geprägt durch die Zusammenarbeit mit Schiller (ab 1794), die bis zu Schillers Tod (1805) dauerte, ein Bund, der in der neueren dt. Geistesgeschichte einzigartig ist. Im Austausch mit Schiller wurde ein Stil entwickelt, der als Weimarer Klassik zur literarhistor. Epochenbezeichnung wurde. Die Verbindung der beiden nach Herkunft und Bildung verschiedenen Geister lebte von einer fundamentalen Spannung der unterschiedl. Denk- und Sehweisen. Für die Geschichte der dt. Dichtung wurde die krit. Einwirkung Schillers auf die großen Werke G. ebenso wichtig wie seine poetologisch-ästhetischen Reflexionen, so etwa bei der Umformung des ›Wilhelm-Meister‹-Romans (›Wilhelm Meisters Lehrjahre‹, 4 Bde., 1795/96), bei den Novellen (›Unterhaltungen dt. Ausgewanderten‹, 1795), bei der Theorie eines modernen und doch den antiken Gattungsgesetzen entsprechenden Epos (›Hermann und Dorothea‹, 1797), v. a. aber bei der Umarbeitung des ›Faust‹. Auch für den ›Egmont‹, dem Schiller schon vor der Bekanntschaft mit G. eine scharfsinnige Rezension gewidmet hatte, war sein krit. Rat für eine Umarbeitung produktiv. Wie G. die Anregung zu seinem Schauspiel ›Die natürliche Tochter‹ Schiller verdankte, so dieser G. die Idee zu ›Wilhelm Tell‹. Zu den Bemühungen, die literar. Gattungen in ihrer Gesetzlichkeit zu bestimmen (in dem gemeinsamen Aufsatz ›Über ep. und dramat. Dichtung‹, entst. 1797, gedr. 1827) trat die unmittelbare krit. Einwirkung auf die literar. und polit. Zustände ihrer Gegenwart. Das Dokument ihrer gemeinsamen Literaturkritik sind die epigrammatisch zugespitzen ›Xenien‹ (1796). Foren für das von G. und Schiller verfochtene Kulturprogramm waren die (kurzlebigen) Zeitschriften ›Die Horen‹ und ›Propyläen‹, sowie der Schillersche ›Musenalmanach‹. G. ästhet. und naturforschende Studien tendierten zu einem universalen System der Erscheinungen, das v. a. durch die Idee der Metamorphose bestimmt wird, die sowohl für die Pflanzen- und Tierwelt als auch im Prozeß der geistigen Produktivität gilt. Auch in der Optik (›Zur Farbenlehre‹, 2 Bde., 1810) verfocht G. diese Einheit. Der Form der Ballade gewannen G. und Schiller reichen Ertrag ab: im Balladenjahr 1797 entstanden u. a. ›Der Zauberlehrling‹, ›Der Gott und die Bajadere‹, ›Die Braut von Korinth‹, ›Der Schatzgräber‹ und die ›Legende‹. Zwischen Klassik und Romantik (1805-1813)

In den ersten Jahren des neuen Jh. geriet G. in Krisen mehrfacher Art; die Zeichen dafür waren häufige Krankheiten. Sein bisheriger Lebenskreis begann zu zerbrechen: 1803 starb Herder, 1805 Schiller, 1813 Wieland. Aus dem Kreis der Frühromantik, dessen Zentrum zeitweise Jena war, kamen neue ästhet. und universalphilosoph. Ideen, von Einfluß war v. a. die Transzendentalphilosophie J. G. Fichtes und F. W. J. von Schellings. Anders als Schiller, der in seinen letzten Lebensjahren die klassizist. Position fest behauptete, setzte G. sich mit den ästhet. Ideen der Romantiker mit Interesse und Offenheit auseinander. Auf die theoret. und prakt. Wiederbelebung der roman. Sonettform durch die Brüder Schlegel und Z. Werner antwortete G. mit einem Zyklus von Sonetten (entst. 1807/08, gedr. 1815 I-XV, 1827 XVI, XVII). Der romant. Kritik galt die Dichtung G., v. a. als 1808 der vollendete 1. Teil des ›Faust‹ erschienen war, als Gipfel der modernen Dichtung. In dieser Zeit entstanden auch bed. naturphilosoph. Gedichte und Novellen zu einer geplanten Fortsetzung des ›Wilhelm Meister‹. Daraus nehmen ›Die Wahlverwandtschaften‹ (2 Tle., 1809) die Dimension eines eigenen Romans an. Daneben wurde die Arbeit an der Autobiographie fortgesetzt; im Weimarer Theater ließ G. Weltliteratur spielen. P. Corneille, P. Calderón, Shakespeare (z. B. seine Bearbeitung von ›Romeo und Julia‹). Das lyr. Werk dieser Zeitspanne erstreckt sich auf die verschiedensten Formen und Gattungen.

Altersperiode (1814-32)
Die drei ersten Teile der Autobiographie ›Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit‹, in der G. anhand seines Lebens den Wandel seiner Zeit darstellt, erschienen 1811-14, der vierte Teil, der bis zu der Berufung nach Weimar führt, postum 1833. Die Lektüre altpers. Dichtung, des ›Diwans‹ des pers. Dichters S. M. Hafes (in der dt. Übersetzung von Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall [*)1774, †)1856]), regte G. zu dem neuen lyr. Stil seines ›West-östl. Divans‹ (1819, erweitert 1827) an. Der ›Divan‹ war wesentlich ein Ertrag der beiden Sommerreisen 1814 und 1815 in die Rhein-Main-Gegend, wo er auch Marianne von Willemer kennenlernte. In Weimar wurden die Orientstudien fortgesetzt, 1819 erschien der 2. Teil der Divan-Ausgabe. 1816 starb seine Frau Christiane. G. Ruhm wuchs weltweit, seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Noch während der Arbeit an der 3. Gesamtausgabe seiner Schriften dachte G. an eine Ausgabe letzter Hand (Ankündigung 1826). Den Briefwechsel mit Schiller veröffentlichte er selbst; die Herausgabe des Briefwechsels mit C. F. Zelter wurde verabredet, die Niederschrift der ›Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens‹ (3 Bde., 1836-48) seines Sekretärs J. P. Eckermann wurde sanktioniert. Der alte, aus der Schiller-Periode stammende Plan eines Epos ›Die Jagd‹ wurde zu der ›Novelle‹ umgearbeitet, einem Höhepunkt seiner ep. Alterskunst (1828). Die schon im Titel des ersten ›Wilhelm Meister‹-Romans (›Lehrjahre‹) sich ankündigende Fortsetzung ›Wilhelm Meisters Wanderjahre‹, deren 1. Fassung (1821) G. nicht befriedigte, arbeitete er in einem langsamen, oft unterbrochenen Schaffensprozeß zu ihrer endgültigen Fassung (1829) aus. Der Untertitel des Romans (›oder Die Entsagenden‹) signalisiert die geschichtl. Situation nach der Revolution. Der oft kritisierte, mitunter verkannte Altersstil des Erzählers G. wurde erst seit der offenbaren Krise des modernen Romans als ein Versuch verstanden, mit der ›offenen Form‹ einem disparaten Weltzustand zu entsprechen.

G. lebenslange lyr. Produktivität zeigt sich besonders faszinierend in der Alterslyrik: u. a. die ›Zahmen Xenien‹ (1827), zahlr. Gedichte an Personen, aus jeweiligem Anlaß, die großen weltanschaul. Gedichte ›Urworte. Orphisch‹ (entst. 1817, gedr. 1820), ›Eins und Alles‹ (1821), die ›Paria-Trilogie‹ (entst. 1821-23, gedr. 1824), die ›Trilogie der Leidenschaft‹ (entst. 1823/24, gedr. 1827) mit der ›Marienbader Elegie‹ und schließlich die ›Dornburger Gedichte‹ (u. a. ›Dem aufgehenden Vollmonde‹, 1828); auch der Abschluß seines Weltgedichts ›Faust‹ fällt in diese Jahre. Der 1. Teil wurde durch den ›Prolog im Himmel‹ bereits auf den barocken Welttheateraspekt (Einfluß Calderóns) hin orientiert. Ab 1827 erhält der ›Faust‹ in den Tagebüchern den Titel ›Hauptgeschäft‹. Den vollendeten ›Helena-Akt‹ veröffentlichte G. vorab in der Ausgabe letzter Hand: ›Helena. Klassisch-romant. Phantasmagorie. Zwischenspiel zu Faust‹ (1827). 1831 versiegelte G. das Manuskript des ›Faust‹ und beauftragte seine literarischen Helfer Eckermann und Friedrich Wilhelm Riemer (* 1774, 1845) mit der Herausgabe dieser ›sehr ernsten Scherze‹ (hg. 1832). (c) Meyers Lexikonverlag.

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