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Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre.
6 Kupferstiche, 7 Musikbeisp. 324 g. 641 S. 9. A. 1997. Insel-Tb. (475). ISBN 3-458-32175-6

Zusammenfassung
»Dieser erste wahrhaft moderne Bildungsroman Deutschlands, der den größten Einfluß auf die erzählende Literatur weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein üben sollte, ist in den windstillen Zeiten vor der Französischen Revolution entstanden, wenn er auch erst nach ihrem Ausbruch hervortrat. Darum spielen in ihm Staat und Politik keine beherrschende Rolle, sondern fern vom öffentlichen Wesen und bürgerlichen Beruf wird hier ein unreifer Mensch durch Irrtümer einem besonnenen, tätigen Leben zugeführt. "Mich selbst, ganz wie ich bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht." Gaben Werthers Leiden aus einem rein persönlichen Sehwinkel die wohl nie veraltende geschlossene Geschichte eines jungen Mannes, der im Mißverhältnis zu einer fühllosen Gesellschaft als Märtyrer der irdischen Liebe zugrunde geht, so hat der Wilhelm Meister nicht diesen seelischkünstlerischen Vorteil der erregenden Modernität und mutet uns in manchem Betracht heute fremder an. Dagegen besitzt er eine viel größere Weite und Unbefangenheit der Umschau, einen völlig geklärten Stil und ein Lebensideal, das über den Dilettantismus, die bloße Liebhaberei, zur sicheren Welt- und Menschenkenntnis und zum bewußten Wirken führt, vom Schein zum Sein.« Erich Schmidt

Leseprobe:
Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie erwartete Marianen, ihre schöne Gebieterin, die heute im Nachspiele, als junger Offizier gekleidet, das Publikum entzückte, mit größerer Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur ein mäßiges Abendessen vorzusetzen hatte; diesmal sollte sie mit einem Paket überrascht werden, das Norberg, ein junger reicher Kaufmann, mit der Post geschickt hatte, um zu zeigen, daß er auch in der Entfernung seiner Geliebten gedenke.

Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Ratgeberin, Unterhändlerin und Haushälterin im Besitz des Rechtes, die Siegel zu eröffnen, und auch diesen Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen, als ihr die Gunst des freigebigen Liebhabers mehr als selbst Marianen am Herzen lag. Zu ihrer größten Freude hatte sie in dem Paket ein feines Stück Nesseltuch und die neuesten Bänder für Marianen, für sich aber ein Stück Kattun, Halstücher und ein Röllchen Geld gefunden. Mit welcher Neigung, welcher Dankbarkeit erinnerte sie sich des abwesenden Norbergs! wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bei Marianen seiner im besten zu gedenken, sie zu erinnern, was sie ihm schuldig sei, und was er von ihrer Treue hoffen und erwarten müsse.

Das Nesseltuch, durch die Farbe der halbaufgerollten Bänder belebt, lag wie ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stellung der Lichter erhöhte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und ihr entgegeneilte. Aber wie sehr verwundert trat sie zurück, als das weibliche Offizierchen, ohne auf die Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbeidrängte, mit ungewöhnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den feierlich angezündeten Lichtern keinen Blick gönnte.