Fuchs, Peter / Niklas Luhmann: Reden und Schweigen. Suhrkamp 1989
Auszug:
Kommunikation und Handlung:
(Die Kommunikation)..Sie müßte sich, um pointiert zu formulieren, so überlistet haben, daß sie - obgleich auf Differenzlosigkeit zugespitzt - Differenzen produziert, die Unterschiede so machen, daß weitere Kommunikation stattfinden kann. Dies geschieht, wie wir behaupten wollen, durch eine Simplifikation: durch Reduktion auf Handlung. Die These ist, daß Sozialsysteme sich als Handlungssysteme der Selbstbeobachtung zugänglich machen, daß Kommunikationen (weil ihre Differentialität in der Welt verteilt, mutualistisch vorkommt) sich unmittelbarer Beobachtung entziehen und deswegen in ihrem Verlauf unentschieden Vorkommendes als Handlungen unterscheiden bezeichnen, zurechnen müssen, weil Kommunikation der laufenden Selbstbeobachtung bedarf. Handlungen ''sind'' unkomplizierter als Kommunikationen. Sie können als Ketten punktuell fixierter Ereignisse gelesen werden, als Tatsachensequenzen, die die Zeit irreversibel interpunktieren und insofern Strukturen ausprägen, die als Bedingung der Möglichkeit von Anschlußfähigkeit fungieren. Das Ereignis, das als Einzelhandlung dem, was in einem fort geschieht und geschieht, abgewonnen wird, kann nur isoliert (und als Handlung verstanden) werden, wenn sie sich im Fundus sozialer BeschreiLungen wiedererkennt. Als Handlung oder Handlungssequenzen können Ereignisse in sozialen Systemen als beginnend, begonnen sich beendend oder beendet beobachtet werden, ohne daß die Autopoiesis der Kommunikation ihrerseits beginnt oder stoppt. Im Gegenteil: An ihnen entzündet sich weitere Kommunikation und setzt sich die Autopoiesis des sozialen Systems fort.
Zitate / Textstellen
Eine andere Praxis verwendet das Schema Reden/Schweigen normativ oder gar kommandierend. Andere werden zum Schweigen gebracht. Man kann es einfach anordnen. Das ist paradox, denn das gerade macht Schweigen zur Kommunikation, zur Mitteilung, dass man einen Befehl ausführt (…). Die Gefängnisse dienen, dem kommunikativen Paradox ausweichend, der Beschränkung der Kommunikation durch Manipulation der Körper. Die Tötung erreicht dasselbe mit mehr Radikalität und mehr Sicherheit. Der Getötete kann dann nicht mehr das Verbot übertreten und trotzdem reden. Und zuletzt Auschwitz – der bisherige Schlusspunkt dieser Strategie – mit dem Riesenschwall emotional und finanziell profitablen Redens darüber, der darauf folgte, weil man in dieser Gesellschaft nicht anders damit umgehen kann.”
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