Zweck-Mittel-Relation
Zweck-Mittel-Verschiebung
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Als Zweck-Mittel-Verschiebung (oder als Zweck-Mittel-Relation) bezeichne ich eine spezifische Entwicklung, in welcher Mittel zu neuen Zwecken werden, die ihrerseits nach Mitteln "rufen".

Beispiel:
Die Bestellung des Ackers hat nach den Pflug als Mittel "gerufen". Der Pflug wurde zum Zweck in der Schmiede. Die Schmiede verlangte nach Werkzeugen. Die Werkzeuge nach Werkzeugmaschinen. Werkzeugmaschinen verlangen Konstruktionspläne, Konstruktionspläne verlangen Ingenieure ...

Ich verstehe diese Entwicklungsgeschichte als Alternative zur Evolutionstheorie, in welcher eine andere Art der Differenzierung und ein anderer Prozess beschrieben wird. Die Zweck-Mittel-Verschiebung bringt nicht höher entwickelte Exemplare derselben Art hervor, sondern andere Arten.

Erläuterung:
Die Evolution der Fauna zeigt sich in immer höherentwickelten Tieren, aber es bleiben Tiere. Die Evolution des Fahrzeuges zeigt sich in immer entwickelteren Fahrzeugen, die aber eben Fahrzeuge sind.
Die Zweck-Mittel-Verschiebung - die es in der Natur "natürlich" nur in einem differentiellen Sinne gibt - bringt Vertreter andere Kategorien hervor. Ein Pflug ist kategorial etwas anderes als eine Maschinenfabrik oder als ein Konstruktionsplan.
In der natürlichen Evolution kann ich Qualitätssprünge erkennen, die zu neuen Funktionen führen. Bespielsweise sind die Flügel der Insekten natürlich nicht zum Fliegen "erfunden" worden, weil es in der Evolution ja keinen Erfinder gibt. Die Körperteile der Insekten, die ich jetzt als Flügel bezeichne, haben dazu geführt - hatten den Effekt -, dass die Insekten fliegen können (Zweck-Effekt-Relation).
Als Effekt bezeichne ich das "Fliegenkönnen", weil es keiner Intention entspricht und keine kausale Folge einer Ursache ist. Diese Geschichte wird gemeinhin so erzählt, dass sich anfänglich eine Körperoberflächenvergrösserung evolutionär bewährte, weil damit mehr Wärme aufgenommen werden konnte (was einer teleologischen Interpretation entspricht). Die Ausstülpungen bewährten sich dann als "Falschirme" beim Springen, was eine Art Übergang zum Fliegen darstellt. Schliesslich ergaben sich eigentliche Flügel als Selektionsvorteil.
So wird erklärt, dass Flügel allmählich und ohne vorausgesetzten Zweck - evolutionär - entstehen konnten.


 

Theoretische Implikation

Die Entwicklung des Menschen wird gemeinhin evolutionstheorisch in Form einer Phylogenese beschrieben, die im Tier-Mensch-Übergangsfeld durch eine neue Entwicklung überlagert wird, in welcher sich der Mensch nicht mehr phylogenetisch weiterentwickelt, sondern als gesellschaftlich-soziales Wesen, das seine Umwelt oder seine Lebensbedingungen (und damit sich selbst gesellschaftlich) produziert, eine gesellschaftlich-historische Entwicklung durchläuft, die mit Evolution schwer zu fassen ist.

Gemeinhin und vorherrschend wird - aufgrund der ethologischen Vorstellung, wonach sich die Psyche evolutionär, also im Tierreich entwickelt habe - eine sogenannte Lernfähigkeit, die sich phylogenetische entwickelt hat, bemüht. Der Mensch erscheint dann als lernendes Wesen. Die kulturelle Entwicklung wird aber durch Lernen kaum begriffen. Sie wird vielmehr invertiert, was sich darin zeigt, dass den gängigen Lerntheorien der Lern-Gegenstand fehlt.

Genauer betrachtet erscheinen die vermeintlichen Lerntheorien - die von Pädagogen stammen - als Lehrtheorien, die ihren Gegenstand immer durch eine Lehre bestimmen. Das griechische "paid-agogos" bedeutet wörtlich "Kinder-Führer" und verweist auf einen Sklaven, der die Kinder zu den Lehrern und von dort wieder nach Hause zurück geleitete, der die Kinder allenfalls zum "Erzieher" gezogen hat. Im Sinne eines "Betreuers" gelangte das Wort über das lateinische paedagogus im 15. Jahrhundert als Fremdwort ins Deutsche, wo es zuerst speziell für Privatlehrer verwendet wurde, die eigentliche Angestellte (der Eltern) ihrer Schüler waren. In diesen Verhältnissen war noch offensichtlich, dass die Pädagogen als Untergeordnete dafür verantwortlich waren, dass die Schüler lernten, aber nicht dafür, was die Schüler lernten.

Lernen dient als Verklärung des Lehrens. Und Lehren ist Erziehung, also das Durchsetzen einer Zivilisation, wo eigentlich Kultur entfaltet werden könnte. Menschen mögen schon lernen, aber die gesellschaftlich-historische Entwicklung ist kein Effekt des Lernens, sondern ein Effekt der Produktion.


 

Literatur

Rolf Todesco: Technische Intelligenz:
"Die Konstruktionspläne, die sie produzieren, erscheinen ihnen lediglich als Mittel zum Zweck, gleichwohl ist das eigentliche Produkt der Ingenieure die Beschreibung oder richtiger die Abbildung der Sache" (S. 33).
"In einem weit allgemeineren Sinne fassen wir alle Produkte, die in der für Werkzeugentwicklung wesentlichen Zweck-Mittel-Verschiebung entstehen, als zunächst nicht-intendierten Produkte auf. In dieser Zweck-Mittel-Verschiebung, in welcher die Bestellung des Ackers zunächst die Hacke und dann den Pflug verlangte, erforderte die Produktion der computergesteuerten CNC-Werkzeugmaschinen, mit welchen mittlerweile landwirtschaftliche Anbaumaschinen produziert werden, die selbst hochautomatisiert sind, neben Konstruktionszeichnungen auch Programmiersprachen" (S. 86).
"Im Automaten erscheint ein Wesenszug des Werkzeuges überhaupt. Das Werkzeug ist anfänglich Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zweckes. Dann aber will es laufend verbessert werden und wird so zum sekundären Zweck, welcher selbst wieder nach Mitteln ruft. Die Bestellung des Ackers verlangte den Pflug, der Pflug die Schmiede, die Schmiede die Werkzeugmaschine usw. Die Schiffssteuerung rief nach Robotern" (S. 141).


 

Die Juristen sehen das in ganz anderem Kontext:
Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit bezieht sich auf die Zweck Mittel-Relation. Die betreffende Maßnahme muss
- geeignet sein
- notwendig sein
- angemessen sein


 
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