Als Politik erscheint vordergründig eine Art Theater, in welchem sich wählbare Parlamentarier (und analog gedachte Rollenträger) in dem Sinne bekämpfen als sie Parteiinteressen in Machtdispositionen aufheben, die in Legalitäten - vorab in Wahlen (oder Geburtsrechten) - inszeniert werden.
In dieser Perspektive wird ein Konkurenzverhalten beobachtet, in welchem die Rollenträger ihren Parteiinteressen gemässe Strategien verfolgen. Von anderen Konkurrenzsituationen wird Politik so gesehen durch ein fiktives Gemeinwohl unterschieden, in welchem die Parteiinteressen aufgehoben sind, weil die Parteien alle das Beste für das ganze Volk wollen. Das "Politische" bezeichnet mithin ein divergentes Interesse am Ganzen, oder negative formuliert, das fingierte Gemeinwohl, das sich durch das Verfolgen eines Parteiwohls einstellt. In diesem Sinne ist A. Smiths unsichtbare Hand ein politisches Motiv.
Die beiden vordergründigen Differenzen zur Politik sind Wirtschaft und Krieg. In der Wirtschaft geht es - in dieser Differenz - um das Wohl des einzelnen Unternehmens, im Krieg tritt anstelle von Macht Gewalt.
Inversion: Machtpolitik
Als Politik bezeichne ich (weniger vodergründig) einen Handlungszusammenhang, in welchem vergesellschaftetes Haushalten wahrgenommen wird.
Die Polis
Im na(t)iven Fall referenziert der Ausdruck "politisch" das Buch "Politik" von Aristoteles, in welchem anhand von Verfassungen beschrieben wird, wie in der Polis das Zusammenleben von eigentlichen, das heisst von "privaten" Haushalten organisiert werden kann. Politisch steht dabei für die Differenz zwischen politisch und privat, wobei politisch das Bündnis der Privaten bezeichnet.
In der Polis, die Aristoteles als politischen Haushalt beschrieben hat, sehe ich eine simple Projektion des Umstandes, dass private Haushalte - die die Metapher "Haushalt" spenden - eine kritische Grösse haben, bei welcher sie unrentabel werden, respektive den privaten Pateriarchen überfordern. Solange der Haushalt - in dieser Projektion - ein "Haus" betrifft, das nach innen als Familia einem Pateriarchen zugerechnet wird, gilt sozusagen ein Naturrecht, nach welchem sich das Haus durch Bewirtschaftung der Natur reproduziert. Das "Haus" kann wachsen, indem es weitere Unterwerfungen macht. Aber an einem bestimmten Punkt ist eine Verabredung mit den Nachbarn günstiger als Krieg gegen sie zu führen. Dieses Abwegen wird gemeinhin als Ökonomie bezeichnet, was Lehre vom rentablen Haushalt heisst.
Die Polis ist so gesehen ein rechtlicher Verbund naturrechtlicher Eigentümer von Haushalten, in welchem sich die Eigentümer gegenseitig als solche akzeptieren, solange das die ökonomischste Verhaltensweise ist. Die Polis organisiert diese Akzeptanz, die einerseits durch Teilbündnisse (Parteien) und andrerseits durch ökonomisch beschriebene Übernahmen aufgehoben wird.
Die dramatische Version hat Homer entwickelt. Der Troja-Heimkehrer Odysseus tötet die Freier, welche sein Pateriachat "erben" wollten, während er zusammen mit anderen Fürsten weitere Polis erobern wollte, was sich als logistisch aussichtsloses Unterfangen erwies. Die Troja-Geschichte reflektiert, dass die Polis nicht weiter integrierbare Einheiten bilden. O. Höffe beispielsweise wirft Aristoteles vor, dass er keine panhellenische Perspektive habe, was umso erstaunlicher sei, als sie für beide Ziele der Politik notwendig sei: sowohl für das Überleben (zen) der einzelnen Polis, als auch für ihr gelungenes Leben (eu zen). Ich finde diesen Vorwurf erstaunlich oder vielleicht "welt-utopisch" im Sinne einer Supra-Polis, solange wir selbst im nationalistischen (Finanz)Weltkrieg stecken.
Bei Aristoteles ist die Polis die hinreichende Voraussetzung der Eudaimonia (eu zen, gelingende Lebensführung) und mithin der Sinnhorinzont des menschlichen Leben, das sich innerhalb eines Haushaltes nicht - ohne Inzucht - erfüllen kann. Das politische Individuum "privater Hausherr" als elementare Instanz eines autonomem und autarken Haushaltes entsteht in der Ideologie der Polis aber erst oder gerade durch die Aufteilung einer fiktiven Polis in private Haushalte.
Die Vorstellung eines gesellschaftlichen Haushaltes ist in dem Sinne na(t)iv, als sie - wie ideologisiert auch immer - Pateriarchen im Focus hat, die das Geschick von Haushalten leiten. Wenn sich private Hausvorstände gegenseitig akzeptieren oder erobern, entstehen keine politische Verwaltungen, sondern Bündnisse oder grösserere Fürstentümer, die dann wieder zerfallen, weil sie nach dem Prinzip der Polis wieder einen Pateriarchen brauchen. Die ganz "grossen" Pateriarchen, wie etwa Karl oder Alexander der Grosse, halten sich eine gewisse Zeit, dies aber ist vor allem ein Resultat von Geschichtsschreibungen. Das Pateriarchat ist seiner Grösse nach an die Reichweite des Pateriarchen gebunden. Deshalb lösen sich die Fürstentümer in Form ihrer Pateriarchen auf. Das alte Rom oder Alexanders Reich sind nie zerfallen, weil sie gar nie so (stabile Staaten) waren, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt hätten zerfallen können. Sie existierten in den Köpfen ihrer Pateriarchen und verschwanden zusammen mit ihnen, um in der Geschichte verewigt zu werden.
Die Projektion der Polis verbindet zuvor unabhängige Haushalte. Aristoteles hat das re-entry aber geliefert, indem er die Polis als ursprünglicher geschildert hat als die freien Bürger, die sich darin verbinden. Die sich als Subjekte verbündenden Hausvorsteher bringen durch ihr Bündnis nicht die Polis hervor, sondern sich selbst als individuelle private Subjekte der Polis, die ihnen dann wie ihre eigene Natur erscheint.
Die Projektion der Polis passt auch sehr gut zur imperialistischen Aussenpolitik der Nationalstaaten, die sich beispielsweise als Commonwealth (of Nations) oder als EU verstehen.
Die Autopoiese der Verwaltung
Die Haushalts-Auffassung von Politik hat ihren dialektischen Ursprung dort, wo sich ein entwickelteres Verständnis anbahnte, nämlich in der vom Merkantilismus beschriebenen Welt, in welcher vordergründig private Haushalte von Fürsten in "politische" Haushalte umgewandelt wurden. Dabei geht es nicht wie in der Polis-Geschichte um sozusagen aussenpolitische Bündnisse mit anderen Fürsten, sondern quasi innenpolitisch darum, dass die Verwaltung, die Zölle und Steuern für den Fürsten eintreibt, einen Teil davon am privaten Haushalt des Fürsten vorbeigelenkt, indem sie sich direkt von den Einnahmen bezahlt, und dem Fürsten nur noch gibt, was des Fürsten ist. Das Geld der Verwaltung kommt so nicht mehr in die Kasse des Fürsten und die Beamten werden nicht mehr vom Fürsten bezahlt, obwohl sie für oder im Auftrag des Fürsten arbeiten.
Narrativ hat diese Geschichte zwei Richtungen. Einerseits sind es Beamte, die den Haushalt (Hof) eines Fürsten verwalten und diesem erklären, wie er durch die Verselbständigung der Verwaltung reicher werden könnte. Der Fürst willigt gerne ein und die Sache nimmt ihren Verlauf, beispielsweise als Heldengeschichte wie die der Fugger, die das Zollwesen organisieren und dabei viel reicher werden als jeder Fürst.
Andrerseits sind es Fürsten, die ihren Beamten erklären, wie diese reicher werden könnten, wenn sie nicht mehr aus den Taschen des Fürsten leben. Eine "schöne" Geschichte dazu ist die Erfindung von Elisabeth I., die F. Drake als Freibeuter hervorgebarcht hat, der sozusagen auf eigene Rechnung für sie und für England Krieg führte und dabei sein eigenes Geld statt jenes der Königin verlor, während er solange er mit seinem Sklavenhandel noch Gewinn machte, die Königin, die von seiner Piraterie nichts wusste, beteiligen musste.
Vordergründig geht es um eine Art "Vergesellschaftung" von Verwaltungskosten, vor allem der Kosten der stehenden Kriegs- und Beamtenheere in einem eigenständigen Finanzkreis, in welchem die Verwaltung und die Armee für ihre Aufwände aufkommen und nicht den Haushalt des Fürsten belasten. Eigentlich ist es ein Nullsummenspiel, aber beide Parteien können mit Vorteilen rechnen, wie die beiden Geschichten zeigen. Die Selbstfinanzierung der Verwaltung jenseits der privaten Finanzen des Fürsten bringt eine selbständige Verwaltung hervor, die eben nicht privat, sondern politisch ist. Politisch steht dabei für die Differenz zwischen politisch und privat, wobei politisch jetzt die Verwaltung von nicht Privatem bezeichnet.
Die "politische" Verwaltung hat sozusagen ein eigenes Hoheitsgebiet, das räumlich mit dem Fürstentum übereinstimmen kann, aber eine eigene Konstitution hat, die den Finanzverkehr regelt und durch die Armee sicherstellt, die dann auch nicht mehr dem Fürsten gehört, sondern zunächst eine Art Freibeuterstatus hat, der durch die Verfassung begrenzt wird. Die konstitutive und zugleich generellste Verwaltungsaufgabe besteht in der Herausgabe von nationalem Geld, was als Währung durch die Armee geschützt wird. Das Geld wird politisch, indem es nicht mehr als Siegel des Fürsten dient, sondern von einer Nationalbank verwaltet wird.
Das von den Merkantislisten beschriebene Geld gehört niemandem, es ist Medium im engeren Sinne des Wortes, weil es gedeckt ist. Es könnte von der Nationalbank jederzeit zurückgenommen und vernichtet werden, ohne dass irgendjemand irgendetwas gewinnen oder verlieren würde. Darin motiviert sich der merkantilistische Begriff der politischen Ökonomie.
Als Politik erscheinen so Handlungen, die dazu dienen, Verwaltungsentscheidungen durchzusetzen und die erforderliche Machtbasis für die Durchsetzung sicherzustellen. Die Politiker kontrollieren als Behörden die politische, also die nicht private Verwaltung. Wenn die politische Verwaltung eine hinreichende Stabiltät erreicht, so dass sie in einer Verfassung beschrieben werden kann, spreche ich von einem Staat. Der Staat ist eine Nation, wenn eine Nationalbank und mithin eine Währung gegeben ist.
Die grundlegenden politschen Handlungen bezeichne ich als Verstaatlichung und Privatisierung, wobei der Ausdruck Verstaatlichung nicht den Staat meint, sondern die entprivatisierte Verwaltung. Politik heisst der merkatilistische Prozess, der die Verwaltung aus der Obhut von bezeichneten Hausvorständen (Monarchen) herausführt und die Funktion des Hausvorstandes gewährleistet.
Jede Verwaltung verwaltet Finanzen.
Hier kommt noch die Geschichte der Geschichte: In den Nationalstaaten wird Aussenpolitik zu einem wichtigen Bestandteil. Dabei bewährt sich unverhoft die naive Vorstellung eines Bündnis unter Gleichen, so dass Politik als "Polis" erscheint, in welcher sich Staatspräsidenten zusammentun, etwas in der EU oder in der UNO - ganz so wie die Fürsten in der Antike.
Kritische Anmerkungen
Eine ganz unverblümte Definition gibt das "Politlexikon":
"Bezogen auf moderne Staatswesen, bezeichnet Politik ein aktives Handeln, das a) auf die Beeinflussung staatlicher Macht, b) den Erwerb von Führungspositionen und c) die Ausübung von Regierungsverantwortung zielt."
(Schubert, K./Klein, M.: Das Politiklexikon. Dietz 2006)
In umgekehrter Reihenfolge: Ich will regieren, ich kämpfe dafür an die Macht zu kommen, ich versuche die Machthalter zu beeinflussen. Das ist ungefähr das, was gemeinhin als Machiavellismus bezeichnet wird.
Politik wird in diesem pervertierten Sinn oft als "Machtpolitik" bezeichnet. Die im gegebenen Kontext redundante Vorsilbe "Macht" zeigt an, dass gerade nicht Politik gemeint ist, dass aber umgekehrt Machtkämpfe als Politik bezeichnet werden.
Politik-Grundlagen (Verfassung)
Demokratie
Gesellschaftsrecht (Deutschland) in der wp
Informationen zur politischen Bildung
Die pragmatische Politikwissenschaft unterscheidet Polity, Policy und Politics
- Policy: Policy bezeichnet eine inhaltliche Dimension, die in einer Police beschrieben werden kann. Etwa: Gesundheits oder Energiepolitik.
- Politics: Politics bezeichnet eine prozessuale Dimension. Etwa das es Wahlen oder Abstimmungen gibt oder das Gerichte über die Verfassungmässigkeit entscheiden.
- Polity: Politybezeichnet eine institutionelle Dimension. Etwa dass es eine Verfassung, Gesetze, Bundesräte usw gibt.