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anschauliches Denken ..... Anschauung

Ein paar Anmerkungen zum anschaulichen Denken

Anschaulich ist, dass Sonne und Mond aufgehen. Dass die Erde ein Kugel ist, ist schlecht sichtbar, aber mit dem Schiff erfahrbar. Dass der Mond eine Kugel ist, ist schlecht sichtbar, aber nachdem die Erde eine Kugel ist, einsehbar. Dass die Erde um die Sonne kreist ist nicht sichtbar (weil es nicht der Fall ist, sondern als Einsicht der Akzeptanz einer lokalen physikalischen Theorie der Schwerkraft entspringt). Die lokale Theorie verlangt (oder beruht auf) - was Kopernikus in gnadenloser Abstraktion jeder Anschaulichkeit - geleistet hat, nämlich einen fiktiven Beobachtungsstandpunkt im Weltall einzunehmen und auf unser Planetensystem zu schauen. Da man dorthin nicht stehen kann, kann man ein anschauliches Modell machen. Dann hat man die Anschauung wieder - aber jene vom Modell.

Kopernikus hat denn auch - wie Brahe - die andern Planten auf Epizyklen und Differenten plaziert, die Erde aber nicht. Die Anschauung von Kopernikus beruht auf einem fiktiven aber durch das perspektivische "Gesetz", doch konkreten Betrachterstandpunkt. Wenn man den Standpunkt weiter abstrahiert, (2-dimensionale Kugeloberfläche, was ja auch total anschaulich ist) sieht man kein Zentrum mehr. Die Zeichnungen von Kopernikus Epizyklen sind einfacher als jene im geozentrischen System, jene, die dem Keplergesetz entsprechen einfacher als die Epizyklen. Wunder-bar ist, dass wir mit der Newton-Mechanik (Trägheit und Schwerkraft) die Bahnen der Planeten abbilden können. Gravitation und Trägheit sind anschaulich, weil sie mit der Anschauung vom Planeten-Modell gut passen.

R. Arnheim sagt, es gibt Menschen (falls das nicht für alle stimmt), die verstehen etwas genau dann, wenn sie diesen Anschauungslink haben. Abstraktionen sind dann sinnvoll, wenn sie mit der Anschauung verknüpft bleiben. Ich würde mit meinen Artefakten radikal wie Arnheim argumentieren (sozusagen radikaler Arnheimismus), was Arnheim sicher so missfallen würde wie Piaget der Konstruktivismus. (Arnheim argumentiert mit den Artefakten der bildenden Kunst).

Vgl.

Arnheim: anschauliches Denken


 
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