Wir

Unsere Vision

Re-Präsentationen

10. Juni 1999, 17.00 - 19.30 Uhr, Technopark Zürich
soft[net]-Club "Knowledge Management"

 

Personal Knowledge Portfolio Tool
Dipl. Ing. ETH Marco C. Bettoni - m.bettoni@fhbb.ch

 

Das hier vorgestellte SW-Tool unterstützt Individuen beim Umgang mit ihren persönlichen Wissensbeständen: Anwender können damit implizites Wissen für sich explizit machen sowie modellieren, gestalten und lenken. Nach einer kurzen Darstellung des geschichtlichen Projekt-Hintergrunds und der Hervorhebung der wichtigen Rolle von Wissensidentifikation werden das "Trace-your-Tack" Prinzip (Wissensprotokollierung) und die allgemeine Tool-Architektur vorgestellt. Es folgt die Erläuterung von Wissens-Modell & System-Konzept der Tool-Komponente "MailTack" (ein E-Mail Explorer) an der z.Z. gearbeitet wird, ein Programm das Anwendern hilft zeitverschobene "E-Mail Gespräche" mit mehreren Partnern durchzuführen. Eine kurze Übersicht der weiteren Perspektiven schliesst den Beitrag ab.

 

Einführung

Im September 1997 hatte die EU – im Rahmen des IV. Esprit-Programms - die thematische Ausschreibung «IT for Learning and Training in Industry» veröffentlicht, eine Esprit-Aktion für die Entwicklung von Informationstechnologien zur Unterstützung und Verbesserung der Lernfähigkeiten und Lerneffizienz von Individuen, Teams und Organisationen. Im Oktober 1997 bildeten 10 Partner aus 6 Länder das KnowNet-Konsortium und unterbreiteten im Dezember desselben Jahres den Projektvorschlag "KnowNet – Knowledge Management with Intranet Technologies". Im März 1998 wurde das Projekt-Budget durch die EU-Kommission zwar um ca. 70% massiv reduziert [von 2.85 auf 0.85 Mio. ECU] aber der Projektvorschlag dennoch grundsätzlich angenommen; im Juni 1998 konnten die Vertrags-Verhandlungen mit der EU abgeschlossen werden, und im Oktober 1998, ein Jahr nach der Ausschreibung, konnte die Projektarbeit aufgenommen werden.

Den FHBB-Beitrag zu KnowNet leisten der Verfasser, Marco Bettoni (Projektleiter), Rolf Todesco und Robert Ottiger (Wissensexperten) sowie Kurt Zwimpfer (SW-Entwickler). Generelles Ziel unseres Teilprojekts ist die Entwicklung eines Tools, genannt KnowPort (SW-Tool und Methode), welches «Wissensarbeitenden» ermöglicht, persönliches Wissen zu managen (Wissensportfolio), so dass Lernen und Wissensaustausch (knowledge sharing) unterstützt und verbessert werden. Die erste Präsentation von KnowPort fand Ende Oktober im Rahmen der 2. PAKM-Konferenz in Basel statt.

Mit einem auf 300'000 CHF reduzierten Budget (ursprünglich beantragt ca. 600'000 CHF) kann das FHBB-Team nur einen Teil von KnowPort realisieren, nämlich ein E-Mail Explorer genannt MailTack, für das Wissensmanagement im Bereich der E-Mail Kommunikation.

Wissensmanagement in Organisationen

Viele Experten sind der Meinung, dass der Westen sich mehr und mehr von einer Informations- in Richtung einer offenen Wissensgesellschaft entwickelt. Grosse Konzerne haben dies früh erkannt und wollen mit der Verbesserung des Umgangs mit den eigenen Wissensbeständen, also durch Wissensmanagement, nicht nur in der Wissensgesellschaft überleben, sondern auch ihre Wettbewerbsposition ausbauen. Dafür erarbeiteten Prof. Gilbert Probst und seine Mitarbeitenden in Kooperation mit renommierten Unternehmen ein Konzept für Wissensmanagement-Projekte (G. Probst, S. Raub, K. Romhardt, Wissen managen, Verlag NZZ, Zürich,1997), das folgende Aktivitäten hervorhebt: 1.Wissensidentifikation, 2.Wissenserwerb, 3.Wissensentwicklung, 4.Wissensteilung (Austausch), 5.Wissensnutzung, 6.Wissensbewahrung, 7.Wissensziele und 8.Wissensbewertung.

Wissensmanagement auf individueller Ebene

Die Grundidee des KnowPort-Konzeptes besteht darin, dass dieselben acht Kernprozesse, welche das Wissensmanagement in Organisationen beschreiben, auch von Individuen benutzt werden könnten, um den Umgang mit ihren persönlichen Wissensbeständen zu verbessern. Wie in Organisationen, bei welchen die Hauptaufgabe des Wissensmanagement nicht darin liegt, neues Wissen zu erzeugen, sondern darin, ein klares Bild des bestehenden Wissens zu erarbeiten, sind wir der Meinung, dass auch jeder Einzelne sich zunächst Uebersicht über sein persönliches Wissen und dessen Anwendung verschaffen sollte. Das primäre Ziel von KnowPort ist deshalb die Unterstützung von Wissensidentifikation.

KnowPort-Konzept

Wissensanalysen auf Organisationsebene funktionieren mehrheitlich so, dass das dafür notwendige Material aus vergangenen Ereignissen gesammelt wird. Dieser retrospektive Ansatz wird aber durch die Tatsache behindert, dass jeder Mensch umso weniger sein verborgenes Wissen (tacit knowledge) explizit machen kann, je kompetenter er wird. Leute haben deshalb Mühe, wissensrelevantes Material retrospektiv zu identifizieren und würden ein Tool nicht benutzen, welches nach diesem Ansatz funktioniert. Um dieses Problem zu lösen, verfolgen wir im KnowPort-Projekt einen aktionsorientierten Ansatz, welcher sich auf unserem Trace-your-Tack- Prinzip stützt:

Protokolliere (trace) deinen Wissenskurs im Laufe der Fahrt (knowledge on tack), um im Wissens-Ozean auf dem richtigen Kurs zu segeln!

KnowPort wird also beim Protokollieren von wissensrelevanten Ereignissen während der Anwendung von persönlichem Wissen im Kontext einer laufenden Tätigkeit zum Einsatz kommen.

Komponenten und Eigenschaften

Unser Ansatz für die Unterstützung einer sowohl effizienten als auch effektiven Protokollierung wichtiger Wissenskurse besteht in der Kombination unabhängiger SW-Tools zu einer integrierten Umgebung, deren Gestaltung sich nach den relevanten Eigenschaften von Wissensarbeit wie etwa Kommunikation, Konstruktion von Bedeutung und anderen ausrichtet.

architekturknowport.gif (13008 Byte)

Fig. 1 - Allgemeine Architektur KnowPort

 

MailTack - Dieses Kommunikations-Instrument ermöglicht es, die Uebersicht über die Inhalte zeitverschobener E-Mail-Gespräche mit einem oder mehreren Partnern ständig aktuell zu halten. Verschiedene Teil-Inhalte (Segmente), welche sich unabhängig voneinander über eine Anzahl von E-Mails entwickeln, können zu Argumentations-Fäden verbunden werden; jeder Faden kann entweder als zusammenhängender Text oder als Graph von verknüpften Knoten im globalen Graph des gesamten Gesprächs angeschaut werden. Das Finden eines Segments oder einer ganzen Nachricht erfolgt als intuitive Navigation über Kategorien-Netze (Konstellationen).

TaskTack - Dieses Agenda-Instrument liefert Uebersichten im Tagesraster über sämtliche durchgeführte Aufgaben. Eine Aufgabe wird als Datensatz spezifiziert, der aus Tag, Kontext, Objekt und Tätigkeit besteht; wahlweise können auch Zeitaufwand und ein Kommentar hinzugefügt werden. Anwender und Anwenderinnen können Kontexte, Objekte und Tätigkeiten mit Konstellationen assoziieren, die in einem graphischen Browser netzwerkartig angezeigt werden können. Für den Daten-Import sind Schnittstellen zu den bekanntesten Terminplanungs-Tools vorgesehen.

FileTack - Dieses File-Instrument protokolliert Ketten von Datei-Manipulationen wie das Starten einer Anwendung, die Arbeit mit einer laufenden Anwendung, das Oeffnen einer Datei und deren Bearbeitung, die Verbindung zu einer Web-Seite und so weiter. Der Datensatz zu jeder Manipulation besteht aus Datum, Zeit, Operation, Name und Grösse der Datei. Auswertungen dieser Daten zeigen sowohl tabellarisch als auch graphisch beispielsweise, wann eine Datei bearbeitet wurde, oder wieviel Zeit bei der Arbeit mit einer Applikation investiert wird.

WordTack - Dieses Wort-Instrument ermöglicht die Beschreibung der Bedeutung aufgabenrelevanter Begriffe sowohl durch Hypertext als auch mittels semantischer Netze. Im Hypertext wird die Beschreibung eines Wortes mit den Beschreibungen der sie bildenden Wörter verbunden (hyperlink), während im semantischen Netzwerk das Wort über standardisierte Beziehungen (semantic relations wie Klasse, Teil, Ort, Mittel und so weiter) mit den Wörtern seiner Beschreibung verknüpft wird.

Diese vier Instrumente für die Wissensprotokollierung bilden den Kern der KnowPort-Architektur. Sie sollen als Windows-Anwendungen mit Schnittstellen untereinander und zu den meist verbreiteten PC-Anwendungen implementiert werden.

E-Mail Explorer "MailTack": Das Wissens-Modell

Um das Potential der E-Mail Kommunikation für Wissens-Management besser auszunützen denken wir, dass vor allem zeitverschobene "E-Mail Gespräche" (Diskussionen, Verhandlungen, Frage-Antwort Sequenzen, usw.) zwischen mehreren Partnern unterstützt werden sollten. Dafür sind heutige E-Mail Tools nicht gut brauchbar, da sie nur auf ganze Nachrichten als Text-Behälter operieren.

Das Mail-Tack Wissens-Modell versteht Wissen als "ganzes verglichener und verknüpfter Vorstellungen"1 deren Inhalte Konstrukte2 sind und geht demzufolge davon aus, dass für einen E-Mail Gesprächsteilnehmer nicht Text-Behälter sondern der Vergleich, die Verknüpfung und die Exploration der Inhalte von Bedeutung sind. Dies führte zum Konzept eines E-Mail Explorers mit folgendem Wissens-Modell:

 

E-Mail Explorer "MailTack": System-Konzept

Das beschriebene Wissens-Modell hat im MailTack-System zu folgender Architektur geführt (Fig.2):

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Fig. 2 - System-Architektur MailTack

E-Mail Nachrichten müssen als ASCII Dateien exportiert werden. MailTackDB kann aus solchen Dateien automatisch die Kopfdaten extrahieren und zusammen mit dem Text in die Tabelle MAIL abspeichern. Für die Definition der Wissensbasis (Segmente, Kategorien, Segment-Fäden, Konstellationen und Segment-Konstellationen) stehen dem Anwender die Funktionen von MailTackDEF zur Verfügung, eine Gruppe von Module denen MailTackDAT den Zugriff auf Tabellen-Records in der Form von Objekten (Instanzen) zur Verfügung stellt. Die Module von MailTackDSP ermöglichen dann die Exploration des gespeicherten Wissens mittels Netzwerk-Graphen, Listen und Text-Fenster. Für die Navigation der Konstellationen werden wir uns an die garphische Oberfläche von "The Brain" anlehnen. Ausser MailTackDB werden alle restlichen MailTack-Komponenten mit Aion8 von Platinum entwickelt, die z.Z. mächtigste Entwiclungsumgebung für objektorientierte & regelbasierte Systeme.

 

Perspektiven

Rund um den Kern der Wissensprotokollierung sollen später verschiedene Analyse- und Validierungs-Instrumente kommen, welche für Modellierung, Gestaltung und Lenkung des persönlichen Wissensportfolios folgende Aufgaben unterstützen (vergleiche Abbildung):

Das erste Instrument, das um den Protokollierungs-Kern realisiert werden soll, ist ein Erfahrungs-Instrument, das sogenannte BestTack zur Identifikation und Typisierung erfolgreicher Vorgehen und Ideen aufgrund der Analyse der zur Verfügung stehenden Wissens-Protokolle. BestTack wird sich auf den Ansatz der qualitativen Datenanalyse (QDA) stützen, der im Kontext der Sozialwissenschaften erarbeitet worden ist und die Strukturierung von Dokumenten durch Kategorisierung von Textsegmenten und Hierarchisierung der Kategorien ermöglicht.

 

Anmerkungen

1     In Anlehnung an Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe A (1781), S. 97

2     Ernst von Glasersfeld, Die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie, Ethik und Sozialwissenschaften, 9 (1998) Heft 4

3.    Silvio Ceccato, Linguistic Analysis and Programming for Mechanical Translation, Gordon & Breach, 1960

©1999, Marco C. Bettoni, FHBB - 16.06.99 - 16.06.99

  ©2000, IKM Lab - 06.04.01