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   Budo   
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Budo - Ein Dialog

ROLF: Wieviel Ziegelsteine kann ein Mensch mit blosser Hand (kara-te) zerschlagen? Funakoshi erschlug einen schweren Stier mit einem Handschlag. Im Boxer-Krieg erzählten sich die unbewaffneten Chinesen immer verrücktere Geschichten darüber, wie man mit blossen Händen gegen die schwerbewaffnten Imperialisten der heutigen Weltmächte im Verteidungsskampf bestehen kann. So wurde Karate im wörtlichen Sinne "erfunden", und auf eine Tradition zurückgeführt, die man Kung-Fu nannte, mit welcher sich nordchinesische Mönche schon Hunderte von Jahren erfolgreich gegen die japanischen Besetzer behaupteten.
Die Geschichten sind Legion; die erste ist, dass Buddha persönlich (als Bodhisattwa als Bodhidharma) den Kampfstil von Indien nach China trug.
 
Eine Idee (der Ideologie) ist, dass jede Technik eine Technik von Menschen ist, von Menschen erfunden und von Menschen angewendet. Keine Technik kann über den Menschen hinausreichen, was wir mit Technik können, können wir, und wir können es auch ohne Technik (kara-te).
 
Bruce Lee wirft in seinem letzten Kampf seine Waffen immer weg.
 
RÖBI: Die leere Hand kann keine Waffe führen. In der leeren Hand - oder anders formuliert - im Karate fällt zwar die Waffe weg, nicht aber die Technik. Sie ist verkörpert. Darüber wird zu reden sein. So kämpft der Karateka wie Bruce Lee im letzten Kampf zwar ohne Waffe, nicht aber ohne Technik. Ein Meister der Generation nach Funakoshi, der keine Stiere mehr zu erschlagen hatte, spricht in seinem Werk "The Way of Karate, Beyond Technique" von der Entwicklung der Karate-Technik und er verspricht dem Wortlaut nach, über die Technik hinauszugehen.
 
Was der eine mit der hier gemeinten verkörperten Technik kann, kann ein anderer möglicherweise auch ohne diese Technik. Das Können wird in beiden Fällen verkörpert sein.
 
ROLF: "Technik" ist wie viele Wörter im folgenden Sinne doppeldeutig: der Ausdruck referenziert Prozess und Produkt. Eine Waffe ist die "Verkörperung" ihres Herstellungsprozesses, wobei ich "Verkörperung" metaphorisch verstehe, aber die eigentliche Wortverwendung noch nicht verstanden habe.
Wenn Bruce Lee, Funakoshi (oder ich) eine "form"-vollendete Kata zeigen (oder einige von uns einen Stier erschlagen), würde ich auch von Können sprechen. Ich weiss aber nicht, wieso oder inwiefern diese Können "verkörpert" ist. Und intuitiv würde ich auch sagen, dass Bruce Lee eine bestimmte "Technik" hat. Ich weiss aber nicht, was ich damit - in einem technologischen Sinne - meine.
 
RÖBI: Jetzt fällt mir die Unterscheidung Verkörperung - Vergegenständlichung auf. Eine Waffe ist die "Vergegenständlichung" ihres Herstellungsprozesses. Die Waffe ist ein Gegenstand, den ich hergestellt habe. Wenn ich von Verkörperung spreche, dann genau in dem Sinne, dass ich mir bewusst werde, dass ich diese nicht herstellen kann. Die Verkörperung ist ein Erzeugnis. Wenn ich also in Bezug auf die waffenlose Hand sage, ich verwende eine bestimmte Technik, dann ist mitgemeint, dass diese Technik ein gegenstandsloses Erzeugnis ist und solange nicht begriffen werden kann, bis wir die waffenlose Hand vergegenständlicht haben - was vorläufig (Sience)Fiktion bleibt.
Ich möchte vor diesem Hintergrund nicht auf den Ausdruck Technik verzichten. Im Gegensatz zur vergegenständlichten Technik, wo die "Übung" vordergründig aufhört, wenn der Gegestand seine Funktion erfüllt, ist die verkörperte Budo Technik kein Ziel, sondern ein Mittel sich selbst zu erfahren.
 
ROLF: Ich probier mal umgekehrt: Was ich mit der blossen Hand kann, beispielsweise einen Stier erschlagen, das kann ich auch mit einer Waffe. Ich nehme beispielsweise ein Gewehr. Mit dem Gewehr kann ich den Stier erschiessen, oder ich kann es umdrehen und den Stier mit den Kolben erschlagen. Ich habe also zwei Methoden oder "Techniken". In beiden Fällen verwende ich eine "Vergegenständlichung" der Gewehr-Produktion. Der Gegenstandsbedeutung des Gewehrs komme ich sicher näher, wenn ich damit schiesse, als wenn ich damit schlage. In beiden Fällen muss ich aber üben, bis ich die "Technik" beherrsche.
"Technik" verwende ich in dieser Redeweise nicht für das Gewehr und nicht für die Vergegenständlichung im Gewehr, sondern für meinen gekonnten oder übbaren Umgang mit dem Gewehr. Wenn ich als Schütze mit dem Gewehr übe, mache ich "technisch" in gewisser Hinsicht dasselbe, was ich als Karateka im Dojo mache: ich optimiere meine "neurologische Programmierung".
Mit "beyond" könnte dann etwas hinter der Technik gemeint sein. Mich interessiert aber auch, was mit Technik hier gemeint ist.
 
RÖBI: In der Budo Literatur wird der Ausdruck Technik oft im Zusammenhang mit Angriff und Abwehr verwendet. Ein bestimmter Angriff - sagen wir Oi-zuki - oder eine bestimmte Abwehr - sagen wir Gedan-barai - sind zwei verschiendene Totschlag-Techniken. Auch hier referenziert der Ausdruck beides: Prozess und Produkt. Der Gedan-barai ist eine Technik (Produkt meiner Verhaltensweise) und die Art und Weise, wie ich den Gedan-barai mache (meine Verhaltensweise selbst) ist eine Technik. Aber auch die Art und Weise wie ich atme, kann als Technik aufgefasst werden. Allerdings: Wenn ich einfach nur atme, oder wenn ich einfach nur schlage, verwende ich keine bestimmte Technik. Zur Technik gehört das bewusst erzeugte Verhalten (Produkt), sowie die Steuerbarkeit des Verhaltens (Prozess). Dies, solange ich (das Totschlagen) übe.
Wenn ich die Technik des Totschlagens beherrsche, wenn quasi mein ganzes Verhalten Totschlag-Technik ist, beginnt - falls ich weitergehen kann - das, was mit "Beyond Technique" gemeint ist. "Beyond Technique" ist mithin Ausdruck davon, dass Budo sich von der Totschlag-Technik losgelöst hat. So jedenfalls habe ich die Worte des Karatemeisters Shigeru Egami bisher verstanden.
Was im Budo nach dieser Loslösung geblieben ist, ist so etwas wie eine symbolische Technik, die oft als Form bezeichnet wird. Die Kata ist Ausdruck davon.
 
ROLF: Das mit dem Gedan-barai habe ich noch nicht verstanden. Deshalb sage ich es in meinen Worten, um die Differenz zu sehen. Gedan-barai ist eine bestimmte Technik, mit welcher ich Oi-zuki abwehren kann. Natürlich muss ich Gedan-barai üben. Dabei "programmiere" ich mich, wie wenn ich Schiessen übe. Wenn ich mich programmiere, ist das ein Verhalten oder ein Prozess. Das Produkt, das dabei entsteht, bin ich mit einer höheren Fertigkeit. Nachdem ich geübt habe, kann ich den Stier totschlagen.
In meiner Redeweise übe ich ein Verhalten - sagen wir die Technik Oi-zuki - und stelle mich als Produkt "Stiertöter" her. Ich produziere also nicht den Oi-zuki, sondern mich. Wenn ich Schiessen übe, mache ich dasselbe, aber zuvor hat jemand das Produkt Gewehr gemacht. In beiden Fällen stelle ich mich her, in einem Fall stelle ich zusätzlich ein Gewehr her. Die Herstellung des Gewehrs verlangt wiederum eine "Technik", deshalb übe ich neben dem Schiessen auch das Büchsenmachen. Und dabei gibt es wieder verschiedene Methoden oder "Techniken".
Beim Gewehr sehe ich gut, was Herstellungsprozess und was Produkt ist. Beim Gedan-barrai fehlt mir die Unterscheidbarkeit. Ich habe Karate immer auch so verstanden: als japanisch "östliche" Abwehr der westlichen Technologie. Von Weizenbaum gibt es das Postulat, dass der Revolver der grösste Gleichmacher ist.
 

 

Shaolin ist wie Karate eine ganz neue Geschichte, die im 20. Jahrhundert erfunden wurde, als der Osten bereits nach ganz westlichen Grundsätzen wirtschaftete. Dieser Dialog ist ein Versuch, Teile dieser Geschichte sichtbar zu machen.
 
Technik "" steht für die Kunst des Effizient -Seins (Techne)
- als Produkt-Bezeichner für Artefakte, die uns effizient machen (Werkzeug)
- als Prozess-Bezeichner für effizientes Verhalten (Verhandlungstechnik ,Technik eines Künstlers)
Paraphrase:
"Technik" = Arbeit sparen (Ropohl, 1979 , 197)
Sinn der Technik ist die Entwicklung der Technologie, also das Wissen darüber, was wie funktioniert. Mit der Technologie wollen wir uns selbst verstehen.