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Inversion der Erklärung

Eine Inversion der Erklärung betrifft das Verhältnis zwischen Phänomen und System. Auf der systemtheoretischen Seite der Inversion frage ich mich, mit welchem - zu konstruierenden - System ich ein bestimmtes Phänomen erzeugen kann. Auf der andern Seite der Inversion frage ich mich, weshalb ein gegebenes - reales - "System" bestimmte Phänomene produziert, also warum es beispielsweise überlebt oder kollabiert. Die Inversion ist subtil: Ich frage beispielsweise entweder, wie ich die Raumtemperatur konstant halten kann und habe dabei den Thermostaten als potentielle Antwort im Kopf, oder ich frage mich, ob und unter welchen Umständen es mit einem gegebenen Thermostaten - also mit einem "realen" System - gelingen könnte, die Raumtemperatur konstant zu halten. Im ersten Fall der Frage sind potentiell andere Lösungen als der Thermostat mitgedacht, etwa eine hinreichende Isolation. Im invertierten Fall der Frage sind verschiedene Ergebnisse des Thermostaten mitgedacht, etwa dass der Thermostat die richtige Temperatur gar nicht erreichen kann, weil der verwendete Mechanismus beispielsweise zu träge ist oder in einem falschen Wertebereich regelt (Anmerkung 1).

Die Inversion besteht in diesem Fall darin, dass auf der invertierten Seite nicht Systeme als Erklärungen gesehen werden, sondern dass die Systemdynamik als Erklärung für Systemzustände betrachtet wird. Die System Dynamics reflektiert die Erklärung nicht als konstruierte Aufhebung eines Phänomens, sondern als Lösung eines Problems. Das System erscheint ihr nicht als Erklärung, sondern als Steuerungs-Aufgabe. Es muss sich - als Problemlöser - intelligent verhalten oder intelligent konfiguriert werden.

Diese Inversion macht zunächst dort Sinn, wo ich mit einem eigens dazu konstruierten Mechanismus das gemeinte Phänomen nicht erzeugen kann. Wenn ich beispielsweise um eine konstante Raumtemperatur zu erreichen, eine thermostatengeregelte Heizung konstruiert habe, die Raumtemperatur aber den von mir eingestellten Sollwert nicht oder nur mit grosser Verzögerung oder Schwankungen erreiche, könnte es daran liegen, dass meine Konstruktion generell ein falsches Mittel ist, oder daran, dass die Maschine - beispielsweise wegen eines Defektes - nicht so funktioniert, wie sie eigentlich funktionieren müsste. Wenn ich am Prinzip der Konstruktion festhalte, suche ich nach einem Grund für die Störung. Im Falle der Heizung könnte etwa der Oeltank leer oder ein Ventil blockiert sein. Es könnte an einer falsch dimensionierten Leitung oder an zu kleinen Radiatoren liegen. Schliesslich kann die Heizung auch falsch programmiert sein. In all diesen Fällen ist das System gegeben und ich analysiere, warum es sich so verhält, wie es sich verhält. Ein gefundener Fehler, etwa zu kleine Radiatoren, ist dann die Erklärung für das Nichtfunktionieren. Man könnte hier analog zum Falsifikationsprinzip von K. Popper argumentieren, dass die System Dynamics nur "erkläre", warum ein gegebenes System nicht funktioniert, aber nicht warum es funktioniert (Anmerkung 2).

Es geht mir aber nicht um die Falsifikation (Anmerkung 3), sondern darum, dass in dieser Inversion die Gründe für das (Nicht-)Funktionieren als Erklärungen erscheinen. Ich kann etwa sagen, dass die Raumtemperatur ihren Sollwert nicht erreicht, weil kein Oel im Tank ist und damit invertiert erklären, warum es kalt ist. Eigentlich staune ich darüber, warum es konstant warm ist, was ich mit der Heizung erkläre, um dann angesichts der Heizung darüber zu staunen, dass es kalt ist, was ich invers mit dem Nichtfunktionieren der Heizung erkläre.

Allgemeiner gesprochen kann ich natürlich im inversen Ansatz auch erklären, "warum" die Solltemperatur erreicht wird. Dieses "warum" beinhaltet dann implizit die eigentliche Erklärung, nämlich das eine Heizung vorhanden ist, und explizit, dass keine Störungen vorhanden sind, die das Erreichen des Sollwertes verhindern.


Anweisungen:

Mach Die die Inversion anhand der nicht-trivialen Maschine von H. von Foerster bewusst.

    

Schau nochmals die vagen Formulierungen zu komplexes Phänomen an, um Dir die Problematik bewusster zu machen.


 

Beispiel:
  klick hier

    

 

Metakommunikation

Ein Sinn der Inversion von Erklärungen liegt natürlich in der invertierten Prognose. Wenn ich einen Mechanismus verstanden habe, kann ich die damit erzeugbaren Phänomene erkennen. Bei einer thermostatengeregelten Heizung kann ich vorhersagen, wann sie in welchem Zustand ist.

Die Inversion der Erklärung ist Grundlage der Simulation.


 
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