Abstrakt

Meine grösste, umfassenste Erfindung ist die Um-Welt. Meine nützlichste Erfindung ist die Objektivität dieser Umwelt. Meine Systemtheorie spiegelt mir meine Unterscheidungen und zeigt mir, wie ich mich durch meine Um-Welt verstehe. Ich betrachte sie (!) als selbstreferentielle Reflexion eines Systems.

Es gibt sehr viele und sehr verschiedene Auffassungen, die als Systemtheorien bezeichnet werden. Ich verwende die Ausdrücke "System" und "Theorie" so beliebig wie andere Menschen. Ich meine mit "Systemtheorie" das, was ich hier entwickle.

Systemtheorie kann man als Mittel auffassen. Etwa als Mittel, um ganz praktische Probleme zu lösen, wie das in den sogenannt systemischen Ansätzen der Therapie und der Unternehmensberatung getan wird, also dort, wo man der Gesellschaft und den Gesellschaften hilft. Man kann Systemtheorie aber auch - und ich schlage mithin vor, es zu tun - als Zweck auffassen. Mir dient die Systemtheorie nicht als Werkzeug oder als Methode (für etwas), sondern umgekehrt nütze ich wirkliche Werkzeuge, um mich (system)theoretisch zu entwickeln  (1). Ich verstehe Systemtheorie als Reflexion meines - bewussten, rationalen - Denkens, mit meiner Systemtheorie drücke ich aus, wie ich mir die Welt erkläre. In meiner entwickelsten Sicht sehe ich Phänomene als Erscheinungsform von systematischen Konstruktionen, mit welchen ich die zu erklärenden Phänomene erzeugen kann. Dass ich etwa Bilder aus aller Welt in meiner Wohnstube sehen kann, erkläre ich mir mit einer riesigen Maschinerie, die ich Fernsehen nenne. Und dass ich die Bilder sehe, erkläre ich mir mit einer noch komplexeren Maschinerie, die ich Wahrnehmungsapparat nenne. Und beide Maschinen verstehe ich als systematische.

Und meine Beschäftigung mit diesen Maschinen macht mir auch bewusst, was ich mit diesen Maschinen nicht erklären kann.

Als Beobachter bezeichne ich bestimmte Teile meiner Eigenzustände als Gegenstände, weil ich sie als mir gegenüberstehend erlebe (2). Ich kann mich relativ zu ihnen bewegen, während meine Vorstellungen, die auch Teile meiner Eigenzustände sind, die quasi in mir den Gegenständen gegenüberstehen, sich mit mir zusammen bewegen. Gegenstände erachte ich als Tat-Sachen, und soweit sie mir als "geschaffen" erscheinen, als Artefakte.

Bezüglich der Gegenstände mache ich einige Unterscheidungen. Einen Teil der Gegenstände betrachte ich als Abbildungen anderer Gegenstände, wobei die Abbildungen auch Gegenstände sind. Mit einer Pfeife kann ich rauchen, mit dem Bild einer Pfeife nicht. Wenn ich mich hinter die Pfeife bewege (oder die Pfeife drehe), sehe ich immer noch die Pfeife, wenn ich das Bild der Pfeife drehe, sehe ich die Pfeife nicht mehr.

Dann unterscheide ich Abbildungsarten, nämlich analoge Abbildungen (Bilder, Zeichnungen) und digitale Abbildungen (Beschreibungen). Bilder verweisen auf Instanzen, Texte auf Objekte. Ich kann jede Pfeife zeichnen, aber nicht "die" Pfeife.

Dann unterscheide ich Perspektiven, nämlich eine deutende und eine konstruktive Perspektive. Als deutender Beobachter bin ich ein symbolbegabtes Wesen mit den Fragen "Was ist es?", "Was bedeutet es?" oder "Wozu ist es gut?", als konstruierender Beobachter bin ich ein "toolmaking animal" mit den Fragen "Wie funktioniert es?" oder "Wie ist es konstruiert?".

   

Dann unterscheide ich Intentionen in den Gegenständen, nämlich praktische und theoretische Zwecke. Ich kann eine thermostatengeregelte Heizung konstruieren, weil ich eine mein Haus heizen will, oder weil ich eine Erklärung für das Phänomen geben will, dass es in meinem Haus immer gleich warm ist. Im ersten Fall spreche ich von einem Automaten, im zweiten Fall von einem System.

Systemtheorien sind Theorien. Theorien sind Argumentationen, die zu erklärende Phänomene mit erklärten Phänomenen, also etwa das Herz mit einer Pumpe, einen Vogel mit einem Flugzeug oder eben den Wahrnehmungsapparat mit den Fernsehen analogisieren. Die Systemtheorie leistet dieses Analogisieren mit dem Vorschlag hinter allen Phänomenen Systeme zu sehen.

"Konstruktiv" nenne ich die vorliegende "Systemtheorie, weil ich "System" anhand von Konstruktionen im Sinne des Engineerings begreife und mithin die Begriffe der Theorie bewusst in Artefakten begründe. Damit unterscheidet sich die "konstruktive Systemtheorie" auch auf der sprachlichen Ebene von "biologischen Systemlehren" wie jener von von Bertalanffy, und von "(sozial-)wissenschaftlichen Systemtheorien" wie jenen Parson und Luhmann, die nie explizit sagen, wie sie den Ausdruck "System" verwenden, oder durch welche Abstraktionen ihr System-Begriff nachvollziehbar ist (3). Der hier verwendete, konstruktive Systembegriff entspricht formal jenem der Wiener'schen Kybernetik, will aber im Unterschied zu jener nicht beschreiben, wie tierisch gedachte Menschen funktionieren, sondern wie ich mir mein Denken (darüber) vorstelle. Auch die Maschinen, die Ingenieure konstruieren, sind nicht Gegenstand der konstruktiven Systemtheorie, denn auch bionisch Ingenieure konstruieren die Systeme, die sie konstruieren, nicht als Erklärungen für Phänomene, sondern als Maschinen, mit je vorweg bestimmten Zwecken. In der Perspektive der konstruktiven Systemtheorie haben alle Maschinen den Zweck, die Technologie als "funktionales Erkärungssystem" zu entfalten. Die immer komplexeren Maschinen dienen dazu, unser (begriffliches) Wissen schlechthin zu entwickeln, dass sie auch den materiellen Wohlstand eines kleinen Teils der Menschen verbessern, ist ein - von seinen trastischen Nebenwirkungen wie Starwar abgesehen - belangloser oder motivationspsychologischer Nebeneffekt.

Die konstruktive Systemtheorie entwickelt sich mit den in ihr beschriebenen Werkzeugen. Jede Technologie impliziert einen spezifischen System(theorie)typ. Die konstruktive Systemtheorie ist insofern eine dialektische Negation von Wissenschaft und Philosophie, als sie die Konzepte Wirklichkeit und Wahrheit - wie im Konstruktivismus vorgeschlagen wird - durch die Konzepte Konstruktion und Viabilität ersetzt, wobei hier im Unterschied zu andern Konstruktivismen "Konstruktion" nicht irgendwie mental, sondern artefaktisch verstanden wird.

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Anmerkungen

1) Vergleiche den Anfang des Artikels Schriftumsteller ( zurück)
 
2) W. Quine liefert dazu in Wort und Gegenstand eine ausführliche Argumentation. ( zurück)
 
3) Einen richtig dadaistisch-absurden Vorschlag macht etwa D. Krieger in seiner "allgemeinen Systemtheorie". Er schlägt vor, dass Gott am Anfang Unterscheidungen in einem Urstoff vorgenommen habe. ( zurück)
 
4) Natürlich sind viele weitere Unterscheidungen zu explizieren: in der "logischen Buchhaltung" von Maturana muss der Beobachter unterscheiden, ob er etwas von aussen oder von innen sieht. Der U-Boot-Käpten sieht Instrumente, der äussere Beobachter sieht Untiefen im Meer. ( zurück)